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Diabetischer Fuss: Zu schnell amputiert

Ein Drittel aller Operationen kann verhindert werden, sagen Diabetes-Ärzte. Doch in vielen Krankenhäusern ist die Ökonomiefalle schon zugeschnappt. Von Jutta Rippegather

Arzt untersucht die Füße eines Diabetis-Patienten.
Arzt untersucht die Füße eines Diabetis-Patienten.
Foto: FR Foto

Der 41-Jährige kam mit einem offenen Fuß ins Bürgerhospital. Maximal 6500 Euro beträgt die Fallpauschale bei dieser Diagnose. Genug für eine zweiwöchige Behandlung, nicht aber um den Fuß zu retten. Die Ärzte im Bürgerhospital, das einer Stiftung gehört, taten es trotzdem.

Dass Krankenhausärzte weder Kosten noch Mühen scheuen (dürfen), um Verstümmelungen zu vermeiden, ist keine Selbstverständlichkeit. In Hessen werden zu viele Füße von Diabetikern amputiert. "Man kann die Zahl um ein Drittel reduzieren", sagt Christian-Dominik Möller, leitender Arzt am Bürgerhospital Frankfurt.

Diabetischer Fuss

Von Fußamputationen sind Diabetiker vierzigmal häufiger betroffen als andere. In Deutschland werden jährlich 28 000 Amputationen bei Diabetikern durchgeführt.

Im Verlauf der Folgeerkrankung des Diabetes mellitus bilden sich an den Füßen Geschwüre oder schwer heilende Wunden. Die beste Vorbeugung ist ein langfristig eingestellter Blutzuckerstoffwechsel.

Die Behandlung sollte unbedingt durch einen Diabetologen oder in einer Diabetes-Fußambulanz erfolgen. Informationen gibt es auch beim Diabetikerbund Hessen im Internet

In vielen Krankenhäusern ist die Ökonomiefalle schon zugeschnappt. Das wurde dieser Tage bei einer Veranstaltung des Diabetiker Bunds Hessen deutlich. Um einen Fuß wie den des 41-Jährigen zu retten, sind teure Intensivbehandlungen und Diagnostik notwendig, mehrfache Operationen, komplexe antibiotische Therapien. Das rechnet sich nicht für jene, die mit der Versorgung Kranker Geld verdienen wollen. Fallpauschalen versperren den Blick auf die Folgen. Hätten die Ärzte dem 41-Jährige den Fuß abgenommen, hätte er Lebensqualität und seinen Job als Bäcker verloren. Ganz abgesehen von den Kosten für die Gemeinschaft: im Jahr der Operation liegen sie bei geschätzten 50 000 Euro, in jedem folgenden Jahr bei 11 000 Euro.

Zu den unangemessenen Fallpauschalen kommen die falschen Versorgungs-Strukturen, sagt Christian Klepzig, in Offenbach niedergelassener Diabetologe. Ziehen alle Versorger wie Diabetologen, Gefäßspezialisten, Orthopäden und Hausärzte an einem Strang, kommt das dem Patienten zugute. Zweimal pro Woche halten Klepzig und sein Praxispartner im Klinikum Sprechstunden ab. Im Bürgerhospital gibt es ebenfalls eine Ambulanz, die interdisziplinär arbeitet.

Besonders profitieren davon derzeit die Mitglieder der AOK, sagen Klepzig und Möller. Als einzige Kasse in Hessen hat sie mit den Offenbachern und dem Bürgerhospital einen so genannten Integrierten Versorgungsvertrag "Diabetisches Fußsyndrom" abgeschlossen. Integriert heißt: ein fließender Übergang von ambulanter und stationärer Versorgung, kurze Wege für die Patienten, die auch schneller Hilfsmittel bekommen. Das Wichtigste: Sie werden von Spezialisten behandelt.

Positiv fällt auch die Bilanz der AOK nach dem ersten Jahr aus: "Die Investition lohnt sich vor allem, weil die Qualität der Behandlung enorm steigt", sagt Sprecher Riyad Salhi. Keinem AOK-Patienten innerhalb des Vertrages sei bislang der Fuß amputiert worden.

Der Bäcker ist jetzt 47 Tage im Bürgerhospital. Sein Fuß so gut wie wiederhergestellt. Jetzt bräuchte er eine Reha. Doch die Kosten wollen weder Landesversicherungsanstalt noch Krankenkasse übernehmen. "Wir werden ihn mit häuslichem Krankenpflegedienst und regelmäßigen Vorstellungen im Fußzentrum bald nach Hause entlassen", sagt Möller, "hoffend, dass es gut geht."

Mehr Informationen finden sich auch unter www.diabetiker-bund-hessen.de

Autor:  JUTTA RIPPEGATHER
Datum:  6 | 12 | 2008
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