Von ihrem Büro aus blickt sie auf die große Rasenfläche des Campus Westend, das elegante Wasserbecken und die ersten grünen Blätter an den alten Bäumen direkt vor ihrem Fenster. Ihr Arbeitszimmer im House of Finance ist vom Feinsten: Technik und Möblierung, alles neuester Stand. "Vom Büro her habe ich mich echt verbessert", lacht sie. An ihrer alten Universität funktionierte im Winter die Heizung nicht immer und zuweilen zog es durch die Fenster. Und ihre alte Hochschule war nicht irgendeine, das war immerhin die amerikanische Eliteuni Harvard. Die hat die Volkswirtin Nicola Fuchs-Schündeln verlassen für einen Ruf an die Frankfurter Goethe-Universität. Seit Sommer 2009 lehrt und forscht die Professorin für Makroökonomie und Entwicklung am Exzellenzschwerpunkt "Herausbildung normativer Ordnungen".
Von Harvard an den Main? Meist ist der Weg andersherum. Die Frage nach dem Warum hat die 37-jährige Mutter dreier Kinder oft gehört. "Harvard war schön. Ich wollte da auch nicht unbedingt weg. Doch an den deutschen Unis tut sich sehr viel. Da ist Schwung und Bewegung. Daran wollte ich teilhaben und mitwirken". Fünf Jahre lang lehrte die gebürtige Essenerin an der amerikanischen Elite-Schmiede. Harvard wollte sie behalten, ihre Vorgesetzten loben sie als eine "außergewöhnlich schlaue Volkswirtin", die wie kaum eine andere mit Zahlen kreativ Fragen beantworten könne. In Deutschland buhlten gleich vier Universitäten um ihre Gunst: Köln, Kiel, Berlin und Frankfurt. Die Goethe-Uni machte das Rennen. So viel Aufmerksamkeit sei schmeichelhaft, als "Star" fühlt sie sich nicht. "Es gibt viele gute Ökonomen in Deutschland", sagt sie. Die Internationalität, sagt Fuchs-Schündeln, habe sie an amerikanischen Unis faziniert. Und die gebe es auch in Frankfurt. "Das und die gute Doktoranden-Ausbildung waren ein Grund für mein Kommen". Eigentlich hat die Goethe-Universität gleich zwei Forscher bekommen. Nicola Fuchs-Schündeln gibt es stets im Doppelpack. Ihr Mann Matthias Schündeln ist auch Volkswirt und lehrt in Frankfurt jetzt Entwicklungsökonomie. "Wir bewerben uns immer nur zusammen", sagt die 37-Jährige. Beim Studium in Köln lernten sich die beiden kennen. In Yale/USA haben beide promoviert, gemeinsam waren sie auch in Havard. Zehn Jahre hat das Paar in Amerika gelebt. In Harvard sei es schwerer sich als Ausländer in politische Debatten einzubringen.
"In seinem Heimatland hat man da mehr Möglichkeiten und wird auch mehr wahrgenommen Ich habe mich in den USA immer wohlgefühlt, aber eher wie eine Besucherin", sagt sie. Vielleicht liege das einfach an der Prägung, die sie als Kind erfahren habe. Genau damit beschäftigt sich die Ökonomin auch in ihrer Forschung - welche Rolle etwa die Prägung von Menschen bei der Herausbildung ökonomischer Präferenzen spielt. So hat sie etwa vergleichend in den USA und Europa die Einstellung der Menschen zum Sozialstaat untersucht. Zum Beispiel der Aufbau eines Gesundheitssystem: Teile der US-Amerikaner begreifen diesen Eingriff des Staates schon als "Sozialismus", während "amerikanische Verhältnisse bei uns als das Schreckgespenst gelten", sagt Fuchs-Schündeln.
Woher kommt das und welchen Einfluss hat das politische oder wirtschaftliche System auf Leben und Einstellung der Menschen? Die Volkswirtin hat sich die Ost- und die Westdeutschen anhand von Daten regelmäßiger Haushaltsbefragungen genauer angesehen. Nach wie vor, sagt sie, forderten etwa ältere Ostdeutsche mehr Fürsorge und die Übernahme von Aufgaben durch den Staat. Fuchs-Schündeln spricht vom "bleibenden Effekt des Kommunismus". Bei Jüngeren lasse dieser zusehends nach. Kein wirklich überraschendes Ergebnis, "doch es hätte genausogut sein können, dass gerade durch diese lange Prägung die Menschen die Einflussnahme des Staates heute ablehnen." Begonnen hat sie auch ein Forschungsprojekt über das Arbeitsangebotsverhalten von Frauen weltweit sowie in Ost- und Westdeutschland. In den USA oder auch in Skandinavien etwa arbeiten viel mehr Mütter als hierzulande, und das auch Vollzeit. Fuchs-Schündeln will anhand von sozialen und ökonomischen Daten die Gründe erkunden.
"Liegt es an der gesellschaftlichen Prägung, an fehlenden Betreuungsplätzen oder schlicht am Steuersystem?", fragt sie. Für ihre eigenen Kinder, sechs, drei und ein Jahr alt, hat die Professorin unterdessen auch Schul- und Betreuungsplätze gefunden. Die Familie lebt in Preungesheim. Den Umzug von Harvard an den Main haben sie bisher nicht bereut.

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