Das ist Masha, die da herumspringt. Ihren Namen hat sie aus lauter kleinen Nudeln auf ein Namensschild an ihrer Zimmertür geklebt. M-A-S-H-A, steht da, seit vergangenen Samstag ist sie ja schon sieben. Im Wohnzimmer der Freifelds kleben überall bunte Kinderbilder, denn es waren 14 dieser kleinen Künstler zu Besuch. In der Küche drängeln sich neben der Spüle die Blumensträuße und auf dem Gartentisch draußen sieht man trotz Abenddämmerung den angeschnittenen Geburtstagskuchen stehen.
"Masha wird auf Russisch erzogen", betont ihre Mutter Yevgenia, "das ist die russische Version von Eugenia". Sie stellt ein Schüsselchen mit Essen auf den Küchentisch. Masha, die eigentlich Miriam heißt, wächst in der Sprache eines Landes auf, das sie nicht kennt. Irgendwie ist sie hier, irgendwie auch wieder nicht, nämlich dort, jedenfalls dem Klang der Worte nach. Da, wo vor 14 Jahren Ilia, ihr Vater herkam, er stammt aus Moskau. Wo vor 17 Jahren ihre Mutter herkam, sie stammt aus Kiew. Als zwei von einer Viertelmillion "jüdischer Kontingentflüchtlinge" sind beide seinerzeit mit ihren Eltern ausgewandert. Mit diesen "sehr gebildeten Menschen", die wie sie geblieben sind, die aber mehr als Ilia und Yevgenia ein Problem haben. Das Problem der Eltern ist die deutsche Sprache.
"Für uns ist es so, dass die Sprache den Menschen ausmacht", erläutert die Schwiegertochter fast entschuldigend. "Für uns", die Juden aus Russland, die doch, was Jude zu sein heißt, gar "nicht mitbekommen" hatten. Nach der Einschulung fand dann Yevgenia im Klassenbuch in der Spalte Volkszugehörigkeit den Eintrag "Volksjude". So habe sie "erfahren, dass ich Jüdin, dass ich anders bin". Mashas Vater lacht sein typisches, ein bisschen ratloses Lachen: "Man wusste, dass man sich unterscheidet. Und nicht zum Besseren." Mancher Ausbildungsweg war verbaut. Sie sehen es als Aufforderung: "Als Jude muss man besser sein." Die rothaarige Yevgenia lächelt ein leicht unterkühltes Lächeln: "Doppelt so gut."
Die Ansprüche an sich selber scheinen gewaltig, die Toleranz gegenüber möglichen Schwächen eher niedrig. Das eint die Generationen; von den Freifelds leben drei Generationen in und um Frankfurt. Doch Ilias Mutter will nichts erzählen, sie drückt sich geschwind aus der Haustür. Weil ja auch der Bus nach Bad Vilbel nicht wartet. Es ist eben so: "Die Eltern trauen sich irgendwie nicht, dann sind sie verklemmt. Und dann geht nichts mehr."
Deutschland sollte es aber sein, nicht Israel, das um diese Menschen damals mächtig warb. "Wir haben von Deutschland einfach mehr gewusst," sagt Yevgenia. "Wir sind doch eher an die europäischen Gegebenheiten gewöhnt", sagt Ilia. Das neue Leben begann mit einer Zeit im Übergangsheim. Dann kam die Liebe: In Frankfurt haben sich Ilia und Yevgenia erstmals getroffen, seit Frankfurt sind sie ein Paar.
Heute nennt er sich gläubig; was das ist, hat er in der Jüdischen Gemeinde "bei einem Diskussionsclub" gelernt. Der Glaube sei "ein Gewinn für meine Persönlichkeit; er bereichert mich mental; er entwickelt mich als Mensch". Und sie? Macht mit; "es kam durch ihn". Jetzt essen sie koscher; "man gewöhnt sich dran".
Zuwanderer wie sie, er Chemiker, sie Sozialpädagogin, sind für die Jüdische Gemeinde "ein ganz großer Gewinn". "Sie haben uns die Möglichkeit zum Ausbau gegeben," lobt Vorstand Dieter Graumann; er denkt dabei an "die neuen Synagogen" und in Frankfurt an "die schöne neue jüdische Schule". Die Lebenswirklichkeit der meisten spiele sich aber noch "nicht in den Zentren der Gemeinden, sondern in den kalten Fluren der Sozialämter ab". Auf der Sozialleiter gehe es oft "erst mal mehrere Stufen runter". (clau)

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