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Rhön-Klinikum
Bundesweit einmalig war die Privatisierung des Uniklinikums Marburg-Gießen Anfang 2006. Die Rhön-Klinikum AG erwarb für 112 Millionen Euro einen Geschäftsanteil von 95 Prozent.

15. März 2012

Gastbeitrag Ursula Stüwe: "Wer am Personal spart, hat nichts verstanden"

 Foto: FRFOTO

Ursula Stüwe (64) war vier Jahre Präsidentin der Landesärztekammer, engagiert sich bis heute in der Gewerkschaft Marburger Bund. Der vorgeschlagene Stellenabbau im Universitätsklinikum Gießen-Marburg erfüllt ihre düsteren Erwartungen von 2005.

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Als die Unikliniken Gießen und Marburg 2005 fusioniert und privatisiert wurden, war ich gebeten, sowohl als Präsidentin der Landesärztekammer Hessen wie auch als Vorsitzende des Marburger Bundes eine Stellungnahme abzugeben. Ich hatte darauf hingewiesen, dass das Abrechnungssystem mit Fallpauschalen Krankenhäuser mit Hochleistungs- und Spitzenmedizin deutlich vernachlässigt. Finanzielle Verluste seien zu erwarten, die auch einen privaten Klinikbetreiber in Bedrängnis bringen werden. Und genau so ist es gekommen!

Der vorgeschlagene Stellenabbau im Universitätsklinikum Gießen-Marburg erfüllt meine düsteren Erwartungen von 2005. Das ist erschreckend, zeigt aber auch überdeutlich, wie die heutige Patientenversorgung offenbar ausschließlich unter dem Blickpunkt der finanziellen Rentabilität ausgeübt wird. Der „Patient als Wertschöpfungskette“ ist ein Begriff, der nicht von Ärztinnen und Ärzten geprägt wurde und deshalb umso mehr erschreckt. Ökonomen scheinen häufig so zu denken. Oberstes Ziel eines börsennotierten Unternehmens ist nicht die Ausschüttung eines Gewinnes an Patientinnen und Patienten in „Form einer optimalen ärztlichen und pflegerischen Versorgung“, sondern eine Gewinnausschüttung an die Aktionäre!

Unser Gesundheitssystem steht auf dem Boden des Grundgesetzes – es ist eine der vornehmsten Aufgaben des Staates, für die Versorgung der Bevölkerung zu sorgen. Dafür werden sinnvollerweise Steuern erhoben. Politik kann diese Aufgabe selbst erledigen oder einem Klinikbetreiber übergeben, wie hier. Und nun ist die Rendite nicht wie erwartet, aber es wird noch immer ein erklecklicher Gewinn erwartet. Diese Entwicklung war schon vor rund 7 Jahren absehbar, weil gerade die Finanzierung der hoch spezialisierten Medizin krankte und immer noch krankt. Und wenn Energiekosten einer Klinik steigen, wenn die Gesundheitswirtschaft teurere Geräte verkauft, wenn Entsorgungen von Sondermüll teurer werden, dann wird immer und immer am Personal eingespart!

Auch wenn Ökonomen versuchen, uns etwas anderes weiszumachen: Menschen gehen in aller Regel nicht aus Freude und zum Genuss in eine Klinik oder ein Krankenhaus. Nein, sie sind krank und befinden sich in einer mehr oder weniger kritischen Lebensphase. Was braucht aber ein kranker Mensch, der sich in einer Ausnahmesituation in einer Klinik befindet? Er braucht sehr gute ärztliche und fachlich kompetente medizinische Versorgung, er braucht ganzheitliche Pflege, er braucht Trost, Zuspruch, Hilfe. Daran hat sich trotz aller technischer Neuerungen nichts geändert. Alle diese so dringend notwendigen Zuwendungen werden durch Menschen wie Ärztinnen und Ärzte, Krankenpflegepersonal und soziale Dienste vor Ort erbracht. Wer hier „wegrationalisiert“, hat Medizin nicht verstanden!

Die Universitätskliniken Gießen-Marburg sind 2012 zu einem „Leuchtturm“ geworden, indem sie uns aufzeigen, was vermutlich bald überall in Hessen in der Krankenversorgung erwartet werden kann. Aus Offenbach werden ähnliche Pläne vernommen – Stellenabbau zur Sanierung der Finanzen. Und Wiesbaden steht auch im Fokus des Verkaufs!

Wenn ich nicht wüsste, dass sich das noch verbliebene Personal in den Kliniken mehr und mehr aufreibt, um den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten gerecht zu werden, würde ich mich davor fürchten, krank zu werden!

Ursula Stüwe (64) war vier Jahre Präsidentin der Landesärztekammer, engagiert sich bis heute in der Gewerkschaft Marburger Bund. 30 Jahre arbeitete die Chirurgin an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden, seit März 2010 ist die Medizinerin im vorgezogenen Ruhestand.

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