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Rhön-Klinikum
Bundesweit einmalig war die Privatisierung des Uniklinikums Marburg-Gießen Anfang 2006. Die Rhön-Klinikum AG erwarb für 112 Millionen Euro einen Geschäftsanteil von 95 Prozent.

26. Februar 2016

Uniklinik Marburg: Computer ersetzt Arzt

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In der Uniklinik Marburg wird der Computereinsatz getestet.  Foto: Renate Hoyer

Die Rhön-Uniklinik Marburg testet ein Computer-System, das Diagnosen stellt und Therapien vorschlägt. Kritiker sorgen sich deswegen um die Beziehung zwischen Arzt und Patient.

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Der Rhön-Konzern spricht von der „Optimierung der Patientensteuerung“. Kritiker wie der Marburger Kinder- und Jugendarzt Stephan Heinrich Nolte sorgen sich um die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Der Kranke werde nach seiner Ankunft im Krankenhaus nicht mehr als Erstes von einem Menschen untersucht, sondern von einem Computer. Dieser schlage dann den diagnostischen Weg vor. Und zwar denjenigen, der für das Unternehmen besonders lukrativ sei.

„Schöne neue Heilewelt“ nennt Nolte das Projekt, das die Rhön-Aktiengesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Technologiekonzern IBM an der Universitätsklinik Marburg testet. „Ziel der Kooperation ist es, künftig bereits in der vorklinischen Phase eine datengestützte, versorgungsgerechte Patientennavigation entweder in den ambulanten oder den stationären Bereich sicherzustellen“, heißt es in der Ankündigung von Rhön. „Zeit- und kostspielige Fehlzuweisungen können dadurch vermieden werden.“ Zudem könne das Sammeln der Daten nützlich für weitere Behandlungsempfehlungen sein. Der Computer sei schlau. Es handele sich um „kognitive Systeme“, denen Rhön wahre Wunder zutraut. „Sie verstehen natürliche Sprache, können logische Schlüsse ziehen und sind lernfähig.“ Sie seien in der Lage, Daten zu interpretieren, neue Einsichten zu gewinnen – beides wichtige Kompetenzen, um die Entwicklung der Behandlung mittels IT inklusive Vorschlägen zu Diagnose und Therapie voranzutreiben.

Der Computer ersetzt den Arzt. „Das würde viele Personalkosten sparen“, sagt Nolte, Mitglied der privatisierungskritischen Initiative Notruf 113. Mit dem Projekt käme Rhön-Gründer Eugen Münch seiner Vorstellung einer medizinischen Versorgung der Zukunft ein ganzes Stück näher: „Der Patient wird erst mal unter den Scanner gelegt und der sagt sofort, was der hat und welches Medikament er braucht.“ Doch medizinische Versorgung laufe anders ab als die Reparatur eines Autos: An erster Stelle stehe die Beziehung. „Die Patienten gehen zu jenen Menschen, denen sie vertrauen.“ In einem zweiten Schritt gelte es abzuklären, was ihnen fehle. An dritter Stelle stehe dann die Entscheidung, welche Maßnahmen unternommen werden sollten.

Keine emotionale Bindung

„Das Verhältnis zwischen dem Patienten und seinem Arzt spielt eine große Rolle“, sagt Nolte. Mit einem Computer sei es nicht möglich, eine emotionale Verbindung aufzubauen. Auch sieht er die Gefahr der „Überdiagnostik und Übertherapie“. Ein Trend, vor dem Experten in jüngster Zeit vermehrt warnen. „Nicht alles nutzt dem Patienten, was wir können.“ Ein gutes Beispiel dafür seien Prostata-Operationen, die nicht immer notwendig seien. Doch der Computer werde alles behandeln wollen, was er entdecke. Erst recht, wenn es dem Krankenhaus Geld in die Kasse spült.

Wie Rhön mitteilt, soll in der ersten Phase in Marburg das „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen von einem kognitiven Assistenzsystem bei der arbeitsintensiven Bearbeitung dieser Fälle unterstützt werden“. Das IBM-Forschungszentrum sei für die technische Leitung zuständig, der Klinikkonzern stelle die notwendigen fachlichen Informationen sowie das medizinische Know-how eines Maximalversorgers zur Verfügung. Auch das Einbinden der eigenen IT-Systeme und des Datenschutzes sei Sache Rhöns.

Der Konzern erhofft sich, die Technik auch in anderen Häusern einsetzen zu können. „Nach Abschluss der ersten Projektphase am Universitätsklinikum Marburg sollen die gewonnenen Erkenntnisse ausgewertet und für andere Kliniken des Konzerns nutzbar gemacht werden.“

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