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Interview: "Profit ist nicht Zweck der Medizin"

Tumorspezialistin Angela Spelsberg über Krebstherapien, den Rhön-Konzern und naive Politiker

Angela Spelsberg, Ärztliche Leiterin des Tumorzentrum Aachen e.V
Angela Spelsberg, Ärztliche Leiterin des Tumorzentrum Aachen e.V
Foto: privat

Bei der Privatisierung der Universitätsklinik Gießen-Marburg Anfang 2006 hatte der Rhön-Konzern zugesagt, vom Spätsommer 2011 an Krebspatienten in einem neuen, super-modernen Partikelzentrum zu behandeln. Vor zwei Monaten verkündete er das Aus für das 107 Millionen Euro teure Projekt. Laut Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) erfüllt Rhön damit seine Verpflichtungen nicht. Die FR sprach mit der Tumorspezialistin Angela Spelsberg über diese neue Behandlungsmethode.

Frau Spelsberg, der Rhön-Konzern und die Firma Siemens sagen, dass sie bei der wirtschaftlichen Umsetzung des Partikelzentrums „zu ambitioniert“ gewesen seien. Hat Sie das gewundert?

Zur Person

Angela Spelsberg ist Mitglied der Arbeitsgruppe Gesundheit von Transparency Deutschland.

Die Ärztin und Epidemiologin leitet das Tumorzentrum Aachen.

Der Wissenschaftsausschuss im Hessischen Landtag diskutiert am heutigen Mittwoch, wie das Land damit umgehen soll, dass die Rhön-Aktiengesellschaft und Siemens die Partikeltherapie nicht für die Behandlung von Krebskranken am privatisierten Uniklinikum in Marburg einsetzen wollen.

Nein, diese Technologie ist noch nicht ausreichend wissenschaftlich auf ihre medizinische Effektivität getestet. Bevor so etwas in den Routinebetrieb bei der Patientenversorgung geht, bedarf es langjähriger Studien und Tests.

Rhön und Siemens hatten sich sechs Jahre gegeben. Zu wenig?

Was sich da genau abspielt, kann ich nicht beurteilen. Ich finde es wichtig, darüber zu debattieren, dass das Land Hessen das Projekt mit vielen Millionen Euro unterstützt hat. Wenn Rhön vor sechs Jahren zugesagt hat, dass die Anlage in so kurzer Zeit hochgefahren werden kann, und sich jetzt herausstellt, dass das auf Unwahrheit beruht, muss das Geld zurückgezahlt werden.

Passiert so etwas häufig?

Dass Technologieentwicklungen scheitern oder sich nicht rechnen, erlebt man häufiger, aber das Risiko dafür müssen die Verantwortlichen übernehmen. Wenn man sich vertan hat, muss man dafür auch geradestehen.

Nun wird die Partikeltherapie ja schon andernorts angewandt, etwa in Heidelberg.

Aber nur in geringem Umfang, bei bestimmten Indikationen und auch bei ganz wenigen Patienten. Die genauen Zahlen sind leider nicht veröffentlicht, auch nicht wie viele Patienten erfolgreich behandelt wurden und wie viele abgeschlossene Therapien es gibt. Die Partikeltherapie steht auch in Konkurrenz zu etablierten Verfahren.

Was bedeutet das?

Man muss ja erst mal den Nachweis antreten, dass die Protonen- oder Teilchentherapie gegenüber der konventionellen Bestrahlung einen Zusatznutzen bringt. Diesen Beweis haben wir auch noch nicht.

Das heißt, die Krankenkassen übernehmen die Kosten für diese Behandlungsmethode nicht?

Natürlich nicht, und zwar zu Recht. Der gemeinsame Bundesausschuss hat nur ganz beschränkte Indikationen zugelassen, bei denen die Krankenkasse zahlt. In den USA wird die Partikeltherapie beim Prostatakarzinom eingesetzt. Doch es fehlt der Beweis, dass sie der herkömmlichen Strahlung überlegen ist.

Man kann also mit der wahnsinnig teuren Anlage kein Geld verdienen?

Das Problem beginnt, wenn Medizin als Wirtschaftszweig gesehen wird, in dem jede Neuerung gleich als lukratives und erfolgreiches Geschäftsmodell betrachtet wird. Dann wird die ganze Medizin auf den Kopf gestellt.

Was ist die Alternative?

Wir brauchen nachweislich effektive Therapien. Wenn die sich auch noch rechnen, ist das schön, aber es ist kein Selbstzweck von Medizin, riesige Profite zu machen. Das Partikelzentrum ist ein gutes Beispiel dafür, wie man sich von Nichtmedizinern ein Geschäftsmodell aufschwatzen lässt, sich etwas Lukratives erhofft und dann sieht, dass es so nicht laufen wird.

Die Therapie ist also nicht die Wunderwaffe, als die sie immer dargestellt wurde?

Nein. Man kann argumentieren, dass es bei bestimmten Indikationen besonderer Strahlenqualität, Eindringtiefe und Präzision bedarf. Aber die konventionelle Bestrahlungstechnik ist auch stark verbessert worden. Die Nutzen von Neuerungen müssen erst nachgewiesen werden, bevor man sie in ein Gesundheitssystem einschleust, das dann auch die Kosten zu tragen hat.

Aber konventionelle Methoden lassen sich nicht so werbewirksam verkaufen.

Wir sollten die Sinnhaftigkeit technischer Neuerungen in der Medizin diskutieren, statt dauernd nur den Aspekt der Wirtschaftlichkeit zu betonen. Wir müssen lernen zu prüfen, ob es einen zusätzlichen Nutzen gibt. Dazu benötigen wir entsprechende Forschungsarbeiten.

Ist auch das Land Hessen auf diesen Werbegag reingefallen?

Dass man als Land etwas für die Routineversorgung zulässt, dessen Nutzen noch nicht nachgewiesen ist, ist falsch. Es wurde leichtfertig Versprechen geglaubt. Der Glaube an den unumschränkten Nutzen des technologischen Fortschritts für die Medizin seitens der Politik ist oft naiv.

Wurden Hoffnungen bei Schwerkranken geweckt, die nicht erfüllt wurden?

Ja, das darf man nur, wenn man Beweise vorlegen kann, die mit solider, guter Forschung erbracht wurden. Nicht in einer Art Selbstversuch nach dem Motto: Wir behandeln mal und schauen, was rauskommt.

Das Interview führte: Jutta Rippegather

Datum:  17 | 8 | 2011
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