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Rhön-Klinikum: Angst um die ambulante Versorgung

Eine Initiative von Marburger Ärzten attackiert das Geschäftsgebaren des Rhön-Klinikums. Seit der Privatisierung sei Personal abgebaut und durch die Gründung von Tochtergesellschaften verbilligt worden. Deren Mitarbeiter seien schlechter bezahlt und weniger qualifiziert.

Marburg –  

Eigentlich wollte sich der Marburger Unfallchirurg Eike Schäfer keine eigene Praxis. Doch nach elf Jahren in der Marburger Universitätsklinik, zuletzt als Oberarzt, plante er um. Nach der Privatisierung des Großkrankenhauses fand er die Mängel in der Krankenpflege nicht mehr tragbar. Am Dienstagabend saß Schäfer auf dem Podium – Thema: „Der Patient als Ware“, organisiert von der Marburger Ärzteinitiative Notruf 113.

Der Chirurg kritisiert, das Land habe die marode Gießener Uni-Klinik und die gut laufende Marburger Uni-Klinik – Verkehrswert 1,6 Milliarden – zu einem „Spottpreis“ von 112 Millionen Euro an die Rhön AG verkauft. Seitdem sei Personal abgebaut und durch die Gründung von Tochtergesellschaften verbilligt worden, seien deren Mitarbeiter schlechter bezahlt, weniger qualifiziert, weniger motiviert. Dies habe vor allem das Pflegepersonal und den Service getroffen: „Ich kann als Chirurg so gut operieren, wie ich will; wenn die Nachversorgung nicht stimmt, nützt das nichts.“

Zentren

In Hessen gibt es bislang 115 Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Der Großteil gehört privaten Investoren.


In Marburg gibt es drei MVZ, die von Ärzten betrieben werden, sowie zwei MVZ unter der Ägide der Rhön AG. Der Krankenhausbetreiber hat ein weiteres MVZ in Gießen. gec

Jetzt will er mit anderen niedergelassenen Ärzten in Marburg verhindern, dass die Rhön AG mit Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) freie Haus- und Fachärzte verdrängt. Durch die MVZ könne der private Krankenhausbetreiber Patienten nach Bedarf in die Klinik ziehen, kritisiert er. Eigentlich waren die Zentren 2004 von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt eingeführt worden, um ländliche Räume besser zu versorgen. Dort können mehrere Ärzte im Angestelltenverhältnis unter einem Dach agieren. Doch die Kooperationsform kann auch gebraucht werden, „um Interessen von Aktionären zu bedienen“, erklärt Medizinsoziologe Hans-Ulrich Deppe. Er sieht einen „Interessenkonflikt zwischen Klein- und Großkapital“.

Schließlich hätten auch die freien Hausärzte ökonomische Interessen, ergänzt die Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte, Dr. Nadja Rakowitz. Doch wenn Rhön dahinter stehe, seien die im MVZ angestellten Ärzte diesen Interessen verpflichtet. Sie fürchtet Fehlversorgungen durch die „reale Unterordnung unter das Kapital“.

Die Rhön AG baue diese Zentren, um dem Unternehmen weitere Gewinne zu bringen, kritisiert die Ärzteinitiative. Dazu würden auch vermehrt Arztsitze aufgekauft. Dagegen betont Klinik-Sprecher Frank Steibli: „In Gießen und Marburg stehen etwa 1000 selbstständigen Vertragsarztpraxen gerade einmal elf Vertragsarztsitze im Verantwortungsbereich der Rhön Klinikum AG gegenüber.“ Über die Zukunft sagt Steibli: „Wir wollen den Niedergelassenen Angebote machen – von eher loseren Kooperationen bis zur Übernahme von Vertragsarztpraxen und der Einbringung dieser Praxen in ein MVZ.“

Der SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Klinikarzt Thomas Spies sagte, um Missbrauch zu verhindern, könnten Versorgungszentren auf Gemeinnützigkeit verpflichtet werden. Zudem brauche es endlich Personalmindeststandards für die Kliniken.

Autor:  Gesa Coordes
Datum:  22 | 9 | 2010
Kommentare:  1
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