Es geht um die kleinsten Patienten des privaten Universitätsklinikums in Marburg - Frühgeborene mit komplexen Fehlbildungen, krebskranke Kinder, junge Diabetiker. Für sie gibt es offenbar immer weniger Ärzte. "Wir sehen unsere Klinik als Haus der Maximalversorgung sowie als Ausbildungsstandort gefährdet", warnen acht Oberärzte in einem Brandbrief an die kaufmännische Geschäftsleitung. Die Personaldecke am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin werde immer dünner - so der Tenor des Schreibens vom 17. März, das der Frankfurter Rundschau vorliegt.
Nach der Privatisierung vor vier Jahren habe eine "massive Leistungserweiterung im Intensivbereich" stattgefunden, ist in dem Brief der Oberärzte zu lesen. Das spiegele sich aber nicht in einer größeren Personalausstattung wider. "In absehbarer Zukunft" sei die Klinik "nicht mehr in der Lage, den aktuellen hohen Standard bezüglich Patientenversorgung und Patientensicherheit unter Einhaltung arbeitsrechtlicher Vorgaben zu gewährleisten."
Ein großes Problem sehen die Oberärzte in der hohen Fluktuation. Immer mehr Kollegen verließen Marburg wegen der schlechten Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen. Innerhalb von zwei Jahren hätten aus diesem Grund zehn Fachärzte und acht Ärzte in Weiterbildung gekündigt. "Diese mussten weitestgehend durch junge Assistenzärzte ohne Berufserfahrungen ersetzt werden."
Die "Möglichkeiten der Effizienzmaximierung und Umstrukturierung" seien ausgeschöpft, so der Brief. Die Patientenversorgung werde aus dem Pool für Forschung und Lehre subventioniert. 4,6 Stellen seien "zweckentfremdet" - das sind Stellen, die das hessische Finanzministerium und damit der Steuerzahler finanziert. Der Schichtdienst auf den Intensivstationen sei unterbesetzt, eine Besserung nicht in Sicht, heißt es weiter: "Bisher wurden zehn statt der erforderlichen 14 Ärzte eingesetzt. Die Kündigung weiterer Ärzte ist zu erwarten." Vertretungen bei Krankheit oder Urlaub gebe es nicht. Für die Notfallambulanz existiere keine Arztstelle, sie werde werktags tagsüber von den Stationskollegen mitbetreut.
Die Oberärzte kritisieren ein beim börsennotierten Rhön-Konzern übliches "Benchmarking": Der Personalbedarf in Marburg werde mit jenem im Rhön-Krankenhaus in Frankfurt/Oder gleichgesetzt. Doch das sei keine Universitätsklinik, schwerkranke Kinder würden dort nicht behandelt, es gebe keine pädiatrische Intensivstation und kaum Spezialambulanzen.
Die Ärzte äußern auch rechtliche Bedenken: Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) aufgestellten Kriterien für die Behandlung von Frühgeburten und Krebskranken könnten nicht erfüllt werden, "daher fehlende juristische Grundlage für die Behandlung dieser Patienten".
Nach Angaben des Wissenschaftsministeriums finanziert das Land in Marburg 160 Vollzeitstellen, die auf mehr Köpfe verteilt sind. Eine Trennung zwischen medizinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit sei nicht möglich und üblich, so ein Sprecher: "Die Einheit von Krankenversorgung, Lehre und Forschung gibt es an allen Uni-Kliniken."
Von der Geschäftsführung des Klinikums war gestern keine Stellungnahme zu dem Brief der Oberärzte zu bekommen. "Leider können wir zu internen Vorgängen keine Auskünfte geben", teilte die Sprecherin schriftlich mit.