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Biologie: Rothirsch darf nicht wandern

In Deutschland muss Rotwild in eigens ausgewiesenen Bezirken bleiben, sonst ist es zum Abschuss freigegeben. Das aber verhindert die genetische Variation, warnen Forscher.

Der röhrende Hirsch ist nur über dem Sofa peinlich. In freier Natur fasziniert er viele.  Foto: dpa

Bedächtigen Schritts kommt das kräftige Tier zwischen den Bäumen langsam näher. Neugierig wirkt sein Blick, nicht ängstlich, doch verhalten. Bis er das laute Röhren hört. Da spannt der 14-Ender die Brustmuskeln an, legt den Kopf in den Nacken und erwidert den Ruf weit mächtiger. Die jetzt schon schwächer klingende Antwort des Gegenübers übertrumpft das gewaltige Tier mit einem noch lauteren Röhren, um dann den Kopf zu senken und die gefährlichen Enden seines Geweihs in Stellung zu bringen. Aus. Da bleibt nur die Flucht. Er ist der Platzhirsch. Er hat gewonnen.

Alle reden vom Elch. Vielleicht, weil dieses mächtige Wildtier des Nordens auch etwas Putziges hat. Aber vom Rothirsch? Dabei ist der mit seinen bis zu 150 Zentimetern Schulterhöhe das größte, noch in freier Wildbahn lebende Säugetier in Deutschland. Jedenfalls so lange die Brunos dieser Welt den von zersiedelter Landschaft umgebenen Wald nicht zurückerobern. Und doch finden sich im Internet jede Menge Filmchen, die das beeindruckende Röhren der Rothirsche zur Brunftzeit im September dokumentieren, das Dominier-Gehabe, mit dem jüngere Tiere die Platzhirsche herausfordern. Vielleicht belegt das ja doch eine gewisse Faszination.

„Neben dem Platzhirsch hat kaum ein anderer Hirsch die Chance, sich zu paaren“, erläutert Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, das seltsame Gebaren. Dazu müsse er schon ein eigenes Rudel Kahlwild erobern, wie die Hirschkühe heißen. Und das heißt: einem Platzhirsch abjagen. Nach dem „akustischen Duell“ wühlen die beiden Kämpfer mit Läufen und Geweih die Erde auf, um dann „steifbeinig nebeneinander her zu stolzieren“. Der Imponiermarsch dient offenbar dazu, die Kräfte des Gegners einzuschätzen.

Der Sieger bekommt ein Rudel Kahlwild

Am Ende drehen sich die Köpfe zueinander und es geht zur Sache: Die Geweihe krachen ineinander. „Die Hirsche versuchen mit aller Macht, sich gegenseitig wegzuschieben. So lange, bis einer flüchtet. Dabei kann es auch tödliche Verletzungen geben“, beschreibt Baron Münchhausen. Der Sieger hat das Rudel Kahlwild − die Hirschkühe − für sich erobert.“

Vielleicht liegt es ja auch am Klischee vom röhrenden Hirsch über Urgroßmutters Sofa, dass es der Rothirsch so schwer hat in Deutschland. Als cooles Tier gilt er eher nicht. Was auch daran liegen könnte, dass die wenigsten je das große Glück hatten, einmal einen Hirsch mit dem angsteinflößenden mächtigen Geweih aus nächster Nähe zu beobachten.

Der Rothirsch

Ein erwachsener Rothirsch (Cervus elaphus) hat eine Schulterhöhe von bis zu 1,50 Metern. Er wiegt maximal 220 Kilogramm. Die Hirschkuh bringt es nur auf höchstens 1,20 Meter und 130 Kilo.
Im Februar − bedingt durch den Tiefstand des Sexualhormons Testosteron − wirft der Hirsch sein aus Knochensubstanz gebildetes Geweih ab, das bis zu 14 Kilogramm wiegen kann. Es dauerte dann rund 140 Tage, bis ihm ein neues gewachsen ist (zwei Zentimeter am Tag) .


Während das Geweih wächst, ist es mit einer gut durchbluteten Basthaut überzogen und sehr schmerzempfindlich. Geweihkämpfe gibt es in dieser Zeit deshalb nicht. Erst Ende Juli ist das Geweih ausgewachsen. Der Hirsch streift die Basthaut an Bäumen ab − er „fegt“. Dort, wo einst die Blutbahnen verliefen, haben sich Rillen und Furchen gebildet. Der weiße Knochen verfärbt sich durch die Pflanzensäfte graubraun.


Jedes Jahr verzweigt sich das Geweih weiter. Trägt der Jährling nur zwei schmale Spieße, können sich im zweiten Jahr schon vier oder sechs Enden gebildet haben. Auf dem Höhepunkt ihrer Kraft sind Hirsche, die 16 oder 17 Jahre alt werden, im zehnten, elften und zwölften Lebensjahr, wenn sie ein Geweih mit 20 Enden tragen können.


20 Kilogramm Nahrung am Tag frisst der wiederkäuende Rothirsch − Gras, Kräuter, Knospen, Eicheln und Kastanien. Wenn die Nahrung am Winterende knapp ist, schält Rotwild auch die Rinde von den Bäumen, weshalb es unter Förstern als Schädling gilt. Dabei ist nach Auffassung der Wildtier Stiftung nicht der Hirsch das Problem, sondern der Mensch, der ihn aus seinem natürlichen Lebensraum, der Offenlandschaft vertrieben hat. Ein wildfreundlicher Waldbau mit Wildwiesen und Flächen mit schnell wachsenden Weiden, Holunder, Robinie und Eberesche, könnten ihm schon früh im Jahr genug Nahrung bieten.


Ein Kalb pro Jahr bringt die Hirschkuh in der Regel zur Welt, das nach 34 Wochen Tragzeit Ende Mai, Anfang Juni geboren wird. Das Kalb des Vorjahres wird von seiner Mutter nun vertrieben, es darf erst einige Wochen später zurückkehren und mit Mutter und dem neuen Jungen die Rotwild-Kernfamilie bilden, die zusammen mit anderen Mutter-Kind-Gruppen in bis zu 80-köpfigen Kahlwildrudeln lebt, die von einer Leitkuh angeführt werden − allerdings nur so lange sie ihr Kalb nicht verliert. Wird es geschossen, verliert sie auch ihre Führungsposition.
Bei der Brunft − der Zeit des Werbens und Paarens − im September kommt das Geweih zum Einsatz, das Stärke und Macht demonstrieren soll. Die Hirsche wollen sich paaren und stehen in erbitterter Konkurrenz. Mit Imponiergehabe und lautem Röhren fordern testosteronbefeuerte Hirsche den Platzhirsch heraus, um ihm sein Rudel abzujagen. Denn nur der Platzhirsch pflanzt sich fort. In den Brunftkämpfen werden die Geweihe als Waffe eingesetzt.


Im Winter fährt der Rothirsch seinen Stoffwechsel herunter, er reduziert Körpertemperatur, Herzschlag und Atmung und bewegt sich kaum noch. Das Herz schlägt nur noch halb so oft wie im Sommer. Wird er von Spaziergängern, Hunden oder gar Jägern gestört, braucht er für die Flucht enorm viel Energie, die er in der futterarmen Zeit kaum wieder hereinholen kann. Dass einige Bundesländer (Schleswig-Holstein, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Saarland) Rotwild bis Ende Februar bejagen lassen, kritisieren Tierschützer. „Die Jagd im Januar und Februar ist eine Katastrophe“, kritisiert die Wildtier Stiftung.


In freier Wildbahn können Interessierte die Brunft im September etwa auf Gut Klepelshagen in Mecklenburg-Vorpommern erleben: www.wildtierland.de oder im Duvenstedter Brook nahe Hamburg: www.forst-hamburg.de

Ein Blick auf das Geweih macht klar: „Der Hirsch ist kein Tier des Waldes, dazu ist das Geweih viel zu unpraktisch“, sagt Baron Münchhausen. „Er bewegt sich der Deckung wegen gerne entlang von Hecken und kleinen Gehölzen und liebt eher eine steppenartige Landschaft, wie wir sie von Truppenübungsplätzen kennen.“ Aber vom offenen Land wurde der Hirsch schon im 19. Jahrhundert vertrieben. Ein Opfer der bürgerlichen Revolution gewissermaßen.

So schildert es Professor Sven Herzog, Wildbiologe an der TU Dresden. „Die Bauern hatten es satt, dass der Adel ihre Felder selbstverständlich als Lebensraum für ihre Rotwildrudel missbrauchte, um sich dann hemmungslos der Jagd hinzugeben.“ Kaum hatten Bauern und Bürger das Heft in der Hand, musste der Hirsch weichen. So viel Rotwild wurde geschossen, dass es beinahe der Art an den Kragen ging. Also verzog sie sich in den Wald. Ein nicht sehr artgerechtes Reservat.

Der Rothirsch findet keine Ruhe

Dort ärgert er jetzt die Waldbesitzer. Denn in den vergangenen 30 Jahren stellen viele auf naturnähere Bewirtschaftung um, mit vielen Laubbäumen, statt Fichten und Kiefern. „Doch die Buchen und Eichen sind noch jung und deshalb verletzlich gegen Verbiss“, sagt Herzog. Die Folge: „Nun wird das Rotwild auch im Wald nicht mehr gerne gesehen.“ Jedenfalls dort, wo die Interessen von Jägern und Förstern aufeinanderprallen. „Wo Jagd und Wald in einer Hand sind, sollte es diese Probleme eigentlich nicht geben“, versichert der Wildbiologe.

Doch Ruhe findet der Rothirsch trotzdem nicht. Sein Leben ist Stress pur, vor allem im Winter. „In zivilisationsfernen Gegenden döst der Hirsch im Winter meist, um Energie zu sparen. Da wird er vielleicht alle vier Wochen mal von einem Wolf gestört, aber bei uns kann das − vor allem durch Waldbesucher am Tag 20, 30 oder 40 Mal passieren.“ Für die Flucht aber braucht er Energie − und das heißt: Futter. Die Störungen befeuerten deshalb noch das Verbissproblem. Die Lösung sieht Professor Friedrich Reimoser vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der veterinärmedizinischen Uni Wien in der naturnahen Bewirtschaftung der Wälder − ohne Kahlschläge.

„Denn, wenn diese freigeschlagenen Flächen wieder aufgeforstet werden, werden pro Hektar vielleicht 3000 Bäume gepflanzt. Ein Stück Rotwild schafft es, in wenigen Wochen jeden der gepflanzten Bäume anzufressen. Setzt man aber auf natürliche Verjüngung, wachsen auf einem Hektar oft 30000 bis 300000 Jungbäume, von denen später nur 500 Platz haben. Der Rest ist ein Puffer, von dem viele Wildtiere leben können. Das kostet nichts und der Wald erleidet keinen Schaden.“

Wildbiologen und Artenschützer fordern deshalb ein Schutzprogramm für das Rotwild. Tut sich nichts, sieht Herzog die Art auf lange Sicht gefährdet, auch wenn es derzeit geschätzt noch 180000 Tiere in Deutschland gibt. Denn der Rothirsch, der, wenn er kann, am Tag bis zu 100 Kilometer weit läuft, darf in Deutschland (außer in Mecklenburg-Vorpommern, in Brandenburg, Niedersachsen und dem Saarland) nicht wandern. Laut Jagdgesetz muss er in ausgewiesenen Rotwildbezirken bleiben, sonst wird er abgeschossen.

Der erste Schritt im Aussterbeprozess

„Ein genetischer Austausch ist so nicht möglich. Und das ist der erste Schritt im Aussterbeprozess“, sagt Herzog, Autor verschiedener Studien zur genetischen Vielfalt des Rotwilds.

Ergebnis: In isolierten Gebieten wie etwa der Dresdner Heide stellte der Wildbiologe bereits besorgniserregende genetische Veränderungen fest. Andere Forscher beobachteten sogar Inzuchterscheinungen wie verkürzte Unterkiefer. „Nur die genetische Variation lässt eine Art überleben. Sonst kann sie sich nicht an den Klimawandel und andere menschliche Einflüsse anpassen.“

Herzog fordert deshalb freie Bahn für den Rothirsch. „Natürlich geht das nicht ohne Schäden auf den Feldern“, räumt er ein, „aber man kann das mit Geld ersetzen, eine ausgestorbene Art nicht“. Vernetzte Korridore seien nötig, die nicht bejagt werden. „Der Hirsch soll sich seinen Lebensraum selbst suchen“, formuliert Baron Münchhausen, der die Rotwildbezirke aufgelöst sehen will. Unmöglich nennt er es, dass Länder wie Baden-Württemberg und Bayern Rotwild nur auf vier, beziehungsweise 14 Prozent der Fläche dulden. „Wildtiere sind Standortfaktoren wie Klima und Boden. Damit müssen Förster und Landwirte leben lernen“, sagt er.

Reimoser schlägt deshalb eine wildökologische Raumplanung vor, mit Nutzflächen für Rotwild von bis zu 10000 Hektar Größe, die weit über den Wald hinausweisen. Denn die meisten Jagdgebiete seien viel kleiner − nur zwischen 100 und 1000 Hektar groß. Und oft seien die verschiedenen Interessen der Jagdpächter und Grundstückseigner nicht vereinbar. „Wir müssen deshalb großflächiger überlegen, in welchen Gebieten, wir das Rotwild gut tolerieren können und dort einen angemessenen Lebensraum mit Ruhezonen schaffen. Mit solchen gut vernetzten Kernzonen sollte der Erhalt dieser imposanten Art möglich sein.“

Die faszinierende Choreografie der Hirsche

Der Schweizer Kanton Graubünden sei da vorbildlich, auch weil der Wald hauptsächlich in der Hand des Staates sei: In 270 Ruhezonen darf der Mensch von Januar bis April keinen Fuß setzen und das Rotwild verbeißt mit dem Segen der Behörden 25 Prozent des Waldes. „Aber das haut nur hin, wenn die Bestände nicht zu groß werden“, so Reimoser.

Stirbt der Rothirsch aus, hat das auch Folgen für andere Spezies. Oder andersherum: Da, wo Rotwild ist, tummeln sich besonders viele Arten, berichtet Reimoser. Langzeit-Untersuchungen hätten gezeigt, dass ein Großraum dann am artenreichsten ist, wenn große Huftiere wie der Rothirsch ihn mittelstark nutzen. „Erst der Wildverbiss schafft mancherorts Artenreichtum.“

Und ohne ihn gäbe es die faszinierende Choreographie der Hirsche nicht mehr zu beobachten: Die beiden mächtigen Tiere gehen aufeinander zu, als wollten sie ein nachbarschaftliches Schwätzchen über den Zaun halten. Doch dann senken sie die Köpfe und lassen die schweren Geweihe ineinander krachen. Wie ein Tanz wirkt dieser schweigsame Kampf − ein Wogen der Körper. Mal überwiegt die Kraft des einen, mal die des anderen, hin und her geht das.

Ein paar Schritte vor, ein paar zurück. Minutenlang. Mit ungeheurer Kraft schieben die Hirsche ihre Körper gegeneinander. Ein Gleichgewicht der Machos. Bis plötzlich ein dritter Hirsch mit weit mächtigerem Geweih auf der Lichtung erscheint. Nur kurz stürzt er sich ins Getümmel. Dann ist alles vorbei. Die jungen Wilden flüchten. Der Platzhirsch triumphiert.

Autor:  Frauke Haß
Datum:  30 | 11 | 2010
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