Vielleicht war alles doch nicht so schlimm. Vielleicht war der deutsche HipHop, wie allgemein diagnostiziert, doch nicht tot. Nicht zugrunde gerichtet von peinlichen Studentenrappern und rücksichtslosen Pseudo-Gangstern. Ja, vielleicht hat DeutschHop doch noch eine Chance. Denn plötzlich ist mit Casper und seinem zu Recht gefeierten Album „XOXO“ wieder überzeugender Nachwuchs da, der neue Wege aufzeigt. Und nun kehrt auch noch einer der Granden, die sich frustriert abgewendet hatten, zurück in den Schoß des Rap: „Samy hat wieder Bock und HipHop ist zurück“.
Rappen über das eigene Leben
Samy Sorge, 33, aus Hamburg, Künstlername: Samy Deluxe, vormals bester deutscher Rapper, zuletzt verschwunden Richtung Reggae, legt wieder ein Rap-Album vor: „SchwarzWeiss“. Und reklamiert – Genre-üblich ganz unbescheiden – sofort den Thron zurück: „Wenn ich nicht der Beste bin, dann ist der Papst nicht katholisch.“ Er schimpft, auch das im HipHop gute Sitte, noch auf die Konkurrenz, auf „diese Rapper, die scheinbar nichts wissen über diese Kunstform“. Auch eine andere Pflichtaufgabe, den beständigen „Kampf gegen mein Ego“, erledigt er schnell. Dann ist klar, dass er in der Teildisziplin Battle-Rap immer noch in der Spitzengruppe agiert.
Allerdings ist Samy schlau genug zu wissen, dass Battle-Rap allein nicht mehr interessiert 2011 in Deutschland. Also tut er, was Songschreiber so tun, womit sich Rapper bisweilen aber immer noch schwer tun: Er schöpft aus seiner Autobiografie. In „Vater im Himmel“ betrauert er den Tod seines abwesenden Erzeugers und mahnt sich in „Doppel VIP“, dass er dieselben Fehler bei seinem eigenen Kind, von dem er getrennt lebt, nicht wiederholen möge. Im Titelsong thematisiert er sein Dasein als Afro-Deutscher.
Doch damit nicht genug. Schon auf seinem letzten Album „Diswoichherkomm“ und dem gleichnamigen, autobiografischen Buch hatte Samy Deluxe eine sozialpolitische Verantwortungshaltung entwickelt und gerappt: „Früher dachte ich, fick Politik, heute will ich mitreden.“
Samy will mitmischen
Also hat er einen Verein gegründet, der sich um die Integration von Jugendlichen kümmert, und ist als Botschafter für den Welt-Aids-Tag unterwegs. Diese Arbeit findet ihre Entsprechung auf „SchwarzWeiss“: Für einen Song wie „Strassen Musik“ versetzt sich Samy in einen Obdachlosen. Für „Keine wahre Geschichte“ schlüpft er in den Körper eines Amokläufers, der im letzten Moment noch kehrt macht.
„Zurück zu Wir“ schließlich ist ein riesiger Rundumschlag gegen den allgemeinen Konsumwahn und die sinnentleerten Medien, gegen „virtuelle Welt, virtuelles Leben“. Beklagt wird hier fast schon naiv die mangelnde Menschlichkeit in der modernen Gesellschaft. „Jeder geht seinen Weg allein, die große Stadt macht jeden klein“, singt Max Herre im Refrain, der ganze Song bezieht sich sehnsüchtig auf den klassischen Polit-Soul der frühen siebziger Jahre, auf Marvin Gaye oder Isaac Haayes.
Samy gibt Hip Hop wieder Sinn
Andere musikalische Querverweise sind weniger naheliegend. „Poesie Album“ schwebt auf einem federnden Gitarrenriff wie von den Red Hot Chili Peppers davon, „Eines Tages“ sitzt schrammelnd am Lagerfeuer, „Strassen Musik“ beginnt mit einem flimmernden Delta-Blues und „RapGenie“ beruht auf einem hysterisch flatternden Vocal-Sample, das vom Telefonbesetztzeichen strukturiert wird.
Einen gemeinsamen Nenner, eine zentrale Idee lässt „SchwarzWeiss“ zwar vermissen. Aber vielleicht, oder auch höchstwahrscheinlich, war das auch gar nicht die Absicht von Samy Deluxe. Vielleicht wollte er, angesichts der großen Krise des deutschen Hip- Hop, vor allem eins noch einmal vorführen: Was Rap, sowohl inhaltlich als auch musikalisch, alles sein kann. Das ist ihm gelungen. Und das Fazit: Samy hat wieder Bock, Rap ist zurück.
Samy Deluxe: SchwarzWeiss. Capitol/EMI. Tour im Oktober.