Sandy - Wirbelsturm trifft New York
Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste.

07. November 2012

"Sandy" in der Karibik : Nach dem Sturm droht der Hunger

 Von Klaus Ehringfeld
Retten, was zu retten ist: Ein Mann im haitianischen la Plaine befreit sein Auto von angespülten Schlamm. Foto: dapd

In Haiti und Kuba hat „Sandy“ nicht nur Häuser, sondern auch Ernte und Felder zerstört. Experten befürchten, dass die kommunistisch regierte Insel die Folgen der Katastrophe nicht alleine bewältigen kann.

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Als „Sandy“ vor einer Woche mit Wucht auf die US-Ostküste traf, hatte der Wirbelsturm bereits schlimme Verwüstungen in der Karibik hinterlassen. Rund 70 Menschen hatte er dort getötet, Ernten vernichtet, Häuser zerstört und Notunterkünfte unbewohnbar gemacht. Die Vereinten Nationen sprechen von einem der zerstörerischsten Wirbelstürme in der Region seit Jahrzehnten.

Die Schäden, die „Sandy“ angerichtet hat, belaufen sich in Haiti, der Dominikanischen Republik, auf Kuba, Jamaika und den Bahamas auf mehrere Hundert Millionen Dollar. Vor allem in den ärmeren Staaten sind die Volkswirtschaften erheblich in Mitleidenschaft gezogen, dort entsprechen die Schäden mehreren Prozent der Bruttoinlandsprodukte.

Besonders hart getroffen wurden Haiti und Kuba. In Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, starben mehr als 50 Menschen. In Kuba, wo vor allem der Osten der Insel im Umkreis der zweitgrößten Stadt Santiago de Cuba in Mitleidenschaft gezogen wurde, sind elf Menschen getötet worden.

Haitis Premierminister Laurent Lamothe nannte den Durchzug von „Sandy“ ein „Desaster großen Ausmaßes“ und rief die Internationale Gemeinschaft zu großzügiger Hilfe auf, nachdem die Regierung den Notstand ausgerufen hatte. Die kubanischen Behörden hingegen reagieren bisher zögerlich auf die Hilfsangebote der Internationalen Gemeinschaft. Experten befürchten dennoch, dass die kommunistisch regierte Insel die Folgen der Katastrophe nicht alleine bewältigen kann.

Die Hauptgefahr in Kuba und Haiti liege in einer drohenden Ernährungskrise, sagt Dirk Guenther, Koordinator der Deutschen Welthungerhilfe. „Siebzig Prozent der Ernte ist in beiden Staaten vernichtet worden“, sagt er. Die Zerstörungen und Schäden auf den Feldern und in der landwirtschaftlichen Infrastruktur beliefen sich in den beiden Ländern auf 120 Millionen Dollar. Den Sturm hätten die Menschen zwar überstanden. „Aber jetzt droht ihnen der Hunger“.

Erst Dürre, dann Sturm

Haiti war dieses Jahr bereits von anderen Naturkatastrophen betroffen. Tropensturm „Isaac“ suchte das Land Ende August heim, zuvor hatte die Inselrepublik unter einer Dürre gelitten. Durch „Sandy“ wurden nun erneut die Ernte und vor allem auch die Felder zerstört, so Dirk Guenther. Insgesamt sind in Haiti 1,5 Millionen Menschen von einer Hungersnot bedroht. Die Menschen auf der Karibikinsel kämpfen noch immer mit dem Wiederaufbau des Landes, seit im Januar 2010 ein Erdbeben die Insel schwer getroffen hatte. Weiterhin leben 400.000 Menschen in Notunterkünften. Jetzt sind durch „Sandy“ im Südosten der Insel mehr als 20.000 Menschen erneut obdachlos geworden.

Hilfsorganisationen versorgen die Menschen derzeit mit Nahrungsmitteln, Kochutensilien, Hygieneartikeln und Reparaturmaterial für ihre beschädigten Heime. „Häuser, Hütten, Brunnen, Toiletten und Ackerland stehen oder standen lange unter Wasser“, sagt Astrid Nissen, Koordinatorin des Deutschen Roten Kreuz in Haiti. „Wir fürchten, dass sich Krankheiten wie Cholera schnell ausbreiten.“ Mehr als 20 Menschen sind seit dem Durchzug von „Sandy“ an der Seuche gestorben. Seit dem Ausbruch der Cholera im Oktober 2010 starben mehr als 7600 Menschen.

Hilfsorganisationen wie die Diakonie Katastrophenhilfe und die Welthungerhilfe, die seit langem in Haiti aktiv sind, haben erneut zu Spenden aufgerufen. Alle Organisationen warnen davor, dass das geschundene Land durch die Anhäufung von Naturkatastrophen in dem Wiederaufbau weit zurück geworfen wird.

Auf Kuba drohen ebenfalls Engpässe bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln, da der Hurrikan die Gebiete zerstört hat, die sonst für die zentrale Lebensmittel-Versorgung wichtig sind. Die Ernte von mehr als 100.000 Hektar Agrarland ist Hilfsorganisationen zufolge vernichtet. Für die Insel dürfte die Ernährungslage in den kommenden Monaten kompliziert werden, befürchten die Vereinten Nationen. Deshalb liefert das UN-Welternährungsprogramm (WFP) Notrationen in den Osten des Landes. Die klamme Karibikinsel muss ohnehin schon Nahrungsmittel in Milliardenhöhe importieren, um die Bevölkerung satt zu bekommen.

„Sandy“ habe die „schlimmste Katastrophe in den vergangenen 50 Jahren im Osten Kubas verursacht“, sagt WFP-Sprecherin Elisabeth Byrs. Im Osten der Insel wurden mehr als 200.000 Häuser zerstört. Das Deutsche Rote Kreuz kalkuliert den Hilfebedarf nach ersten Schätzungen auf 4,5 Millionen Euro.

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