Sandy - Wirbelsturm trifft New York
Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste.

04. November 2012

"Sandy" und die Folgen: Notstand in Haiti, Kältewelle an US-Ostküste

Im schwer betroffenen Bundesstaat New Jersey wurden ganze Straßenzüge zerstört. Foto: Les Stone / American Red Cross 

Wirbelsturm "Sandy" zerstörte in Haiti die Ernten, die Menschen hungern. In New York und New Jersey harren Bewohner in eiskalten Wohnungen ohne Strom aus. Und über dem Atlantik entwickelt sich der nächste Sturm.

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Auch Tage nach dem verheerenden Wirbelsturm "Sandy" ist für die Menschen in den betroffenen Regionen noch kein Ende des Leids in Sicht. Während an der US-Ostküste weiter Millionen ohne Strom und Treibstoff auskommen müssen und nun auch noch eine Kältewelle droht, rief die Regierung Haitis am Samstag den Notstand aus. Die Regenfälle des Wirbelsturmes hatten in weiten Teilen des Karibikstaats die Ernten zerstört. Nun werden in dem noch immer unter der Erdbebenkatastrophe von 2010 leidenden Land die Lebensmittel knapp. Außerdem nimmt die Zahl der Cholera-Fälle nach Angaben von Hilfsorganisationen wieder zu.

Die Zahl der Toten nach dem Wirbelsturm stieg derweil nach Angaben des Nachrichtensenders CNN allein in den USA auf 106. Hinzu kommen 2 Todesopfer in Kanada und 67 weitere in der Karibik, die meisten davon in Haiti. Und vielerorts geht die Suche nach Vermissten weiter.

Kein Strom, kein Benzin, kein Heizöl

Zahlreichen Opfern des Wirbelsturms „Sandy“ an der Ostküste der USA hat in der Nacht zum Sonntag ein Kälteeinbruch zu schaffen gemacht. Die Temperaturen näherten sich dem Gefrierpunkt. Bis Mitte kommender Woche soll es mit Temperaturen um die sechs Grad empfindlich kalt bleiben. Dann droht ein Kältesturm die Nerven der Betroffenen noch weiter zu strapazieren: Der Sturm, der jedoch deutlich schwächer ist als "Sandy", entwickelt sich Meteorologen zufolge derzeit über dem Atlantik. Ob er tatsächlich die US-Küste treffen wird, war zunächst aber noch unklar.

Nach wie vor haben fast drei Millionen Menschen an der Ostküste keinen Strom, auch Benzin und Heizöl sind knapp. Viele Menschen in den Staaten New Jersey und New York harren in ihren eiskalten Wohnungen aus. Aus einigen Gegenden kamen Berichte über Plünderungen. "Ich habe heute drei Stunden an einer Tankstelle gewartet", sagte ein New Yorker Taxifahrer. "Wie soll ich Geld verdienen, wenn ich kein Benzin habe und meine ganze Zeit an der Tankstelle verbringe?"

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg warnte, es werde noch mehrere Tage dauern, bis der Strom wieder zuverlässig fließt und ausreichend Treibstoff vorhanden ist. Er forderte Menschen ohne Strom und Heizung auf, Schutz in Notunterkünften zu suchen. Rund 2,5 Millionen Haushalte waren noch immer vom Stromnetz abgeschnitten.

US-Präsident Barack Obama ordnete Treibstofflieferungen in die Katastrophengebiete an. Das Verteidigungsministerium wurde angewiesen, gut 80 Millionen Liter an bleifreiem Benzin und Diesel aufzukaufen und auszuliefern, wie aus einer Mitteilung der US-Behörde für Katastrophenmanagement hervorging. New Jerseys Gouverneur Chris Christie ließ das Benzin rationieren - im täglichen Wechsel dürfen jetzt nur noch Besitzer von Nummernschildern mit gerader oder ungerader Endziffer tanken.

In anderen Teilen normalisierte sich das Leben dagegen weiter. Der südliche Teil Manhattans wurde größtenteils wieder ans Stromnetz angeschlossen. Weitere Parks in der Millionenmetropole öffneten. Rund 80 Prozent des U-Bahnnetzes war offiziellen Angaben zufolge wieder in Betrieb, und auch die vor allem bei Touristen beliebte Fähre nach Staten Island fuhr wieder. Viele New Yorker taten sich spontan zusammen, um zu helfen. Sie sammelten abgebrochene Äste in Parks auf oder verteilten Wasser und Essen an Bedürftige.

Präsidentenwahl im Zeichen des Sturms

Auch der Ablauf der US-Präsidentenwahl am Dienstag dürfte an der Ostküste im Zeichen des Sturms stehen. Bürger in den betroffenen Gebieten müssen sich darauf einstellen, ihre Stimme in einem Militärlastwagen oder in Zelten abzugeben, berichtete die "New York Times". Die Wahlen würden in den Katastrophengebieten aber auf jeden Fall stattfinden, zitierte die Zeitung am Samstag Lokalpolitiker. Eventuell können Bürger auch per E-Mail oder Fax abstimmen, meldete der Sender CNN. Auch das Eintreffen der Briefwahl-Stimmen könnte sich verzögern, da die Post sturmbedingt tagelang liegengeblieben ist.

Kriminalität geht zurück

In den Tagen nach dem verheerenden Wirbelsturm „Sandy“ ist die Kriminalität in New York drastisch zurückgegangen. Die Polizei teilte am Sonntag mit, zwischen Montag und Freitag seien 1061 Delikte gezählt worden. Das sei ein Drittel weniger gewesen als in der gleichen Woche vor einem Jahr. „Die Polizei war in den vom Sturm betroffenen Gegenden weiter zu Tausenden in ausgeweiteten Rundgängen im Einsatz, um für Sicherheit zu sorgen und den Wiederaufbau zu unterstützen“, erklärte Sprecher Paul Browne. Eine Ausnahme seien Einbruchsdelikte gewesen, die leicht zugelegt hätten. Den Angaben zufolge wurde zuletzt die Polizeipräsenz an Tankstellen erhöht. Am Freitag und Samstag wurden mindestens 15 Personen festgenommen nach Auseinandersetzungen in den Warteschlangen. Im Stadtteil Queens wurden mehr als 15 Personen Plünderungen zur Last gelegt. Durch „Sandy“ kamen in New York City 41 Menschen ums Leben.

Notstand in Haiti

In Haiti richtete "Sandy" nach vorläufigen Schätzungen des nationalen Koordinationsbüros für Lebensmittelsicherheit (CSNA) einen Schaden von über 104 Millionen Dollar an, wie die Zeitung "Le Nouvelliste" online berichtete. Der Notstand erlaube es der Regierung, Maßnahmen zu ergreifen, um den Menschen zu helfen und dem drohenden Hunger zu begegnen, sagte Kommunikationsministers Ady Jean Gardy.

In Haiti hatte im Januar 2010 ein schweres Erdbeben die Hauptstadtregion und weite Teile des Südens zerstört. Über 220 000 Menschen starben. Trotz umfassender internationaler Hilfe leidet das Land noch immer unter den Folgen der Katastrophe, etwa unter der Cholera, die im Oktober desselben Jahres ausbrach und an der seitdem über 7600 Menschen gestorben sind. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen hat sich die Zahl der Neuinfektionen in den Tagen nach dem Sturm fast verdoppelt. (dpa/rtr)

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