Sandy - Wirbelsturm trifft New York
Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste.

31. Oktober 2012

Hurrikan Sandy und der Klimawandel: Die politischen Folgen von "Sandy"

 Von Joachim Wille
Feuerwehrmänner im Stadtteil Queens, wo 50 Häuser zerstört wurden. Foto: AFP

Ob der Hurrikan „Sandy“ eine Folge des Klimawandels ist, kann niemand mit Sicherheit beurteilen. Das Thema Klimawandel spielt im Duell zwischen Obama und Romney bislang überhaupt keine Rolle - das ist politisch fahrlässig.

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Der Hurrikan „Sandy“ könnte den US-Wahlkampf mitentscheiden. Dass Naturkatastrophen dazu in der Lage sind, wissen gerade die Deutschen. Das Krisenmanagement nach der Elbeflut 2002 sicherte dem damaligen SPD-Kanzler Gerhard Schröder und seiner angeschlagenen rot-grünen Bundesregierung 2002 die Wahl, während sein dilettierender CSU-Herausforderer Edmund Stoiber den sicher geglaubten Erfolg verstolperte. Und ein Hamburger Innensenator namens Helmut Schmidt legte bereits 1962 bei dem verheerenden Hochwasser in der Hansestadt die Basis für seinen politischen Aufstieg bis ganz nach oben.

In den USA wird es nun in dem bisherigen Kopf-an-Kopf-Rennen darauf ankommen, ob Präsident Barack Obama sich als Macher in Szene setzen kann. Den Retter, der das nationale Unglück, das der Monstersturm angerichtet hat, in den Griff bekommt. Bei seinem Amtsvorgänger George Bush war es ja gerade das eklatante Missmanagement während und nach der Hurrikankatastrophe namens „Katrina“, das 2005 das lange Ende seiner Präsidentschaft einläutete.

Die Frage ist allerdings: Wird Obama oder sein vielleicht doch noch reüssierender Konkurrent Romney, der sich als Spendensammler für die „Sandy“-Opfer zu profilieren versucht, auch langfristig die richtigen Schlüsse aus der Katastrophe ziehen? Wird der künftige Präsident dem Problem des Klimawandels und der Anpassung an die sich dadurch dramatisch erhöhenden Gefahren die nötige Aufmerksamkeit geben? Oder bleibt es beim politischen Wegducken zu dieser doch weltweit immer dringlicher werdenden Frage.

Niemand kann mit Sicherheit beurteilen, ob der Megahurrikan „Sandy“ oder zumindest seine Ausmaße bereits eine Folge des Klimawandel sind. Sandy dürfte zwar als bisher größter tropischer Sturm – mit der unfassbaren Ausdehnung von 3000 Kilometern – in die Geschichte eingehen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass das fortschreitende Schmelzen des Nordpol-Eises über Einflüsse auf die Wetterfronten-Systeme seine ungewöhnliche Zugbahn beeinflusst haben könnte.

Trotzdem gilt: New York sowie die gesamte Ostküste der USA erleben immer wieder Hurrikane. Manche gehen glimpflich ab, andere nicht. 1938 zum Beispiel hat ein extremer Wirbelsturm New York heimgesucht, es gab damals etwa 600 Tote. Trotzdem wäre es fatal, wenn die aktuelle Katastrophe hinsichtlich klimapolitischer Zielsetzungen so folgenlos bliebe wie nach dem Wirbelsturm „Katrina“.

Denn wenn eines im 21. Jahrhundert, das man als Treibhaus-Jahrhundert bezeichnen kann, sicher ist, dann das: Wetterextreme nehmen zu. Bei Hurrikanen und Zyklonen zeigte sich bereits in den letzten Jahrzehnten, dass die Stürme der obersten Kategorien vier und fünf häufiger geworden sind.

Küstennahe Metropolen wie New York werden aber auch schon alleine durch den steigenden Meeresspiegel große Probleme bekommen. In den letzten 100 Jahren ist er um 20 Zentimeter gestiegen, in diesem Jahrhundert kommt ein halber bis ein Meter dazu. Sturmfluten werden umso gefährlicher. Aber auch Trockenheiten nehmen zu. Für die verheerende Dürreperiode, die in diesem Sommer die Kornkammern der USA im Mittelwesten heimsuchte, gilt dasselbe wie für „Sandy“: Dass der Klimawandel sie getriggert hat, ist wahrscheinlich, aber nicht völlig sicher. Nur: Als Grund für Nichtstun taugt das nicht.

Genau so läuft es aber bisher in den USA. Das Thema Klimawandel spielte im Duell zwischen Präsident Obama und seinem Herausforderer Romney bislang überhaupt keine Rolle, anders als bei fast allen US-Wahlkämpfen in den vergangenen 20 Jahren. Beide haben Angst, damit wichtige Wählergruppen zu verprellen, etwa die Gewerkschaften auf der einen, die Tea-Party-Anhänger auf der anderen Seite. Selbst Obama, der den von Menschenhand gemachten Treibhauseffekt früher als größte Bedrohung für die Erde bezeichnete, biss sich zuletzt lieber auf die Zunge, als das Thema auf seine Agenda zu setzen. Das aber ist politisch fahrlässig, weil das Tabuisieren einer Gefahr diese niemals beseitigt und in diesem Fall sogar potenziert. Und zweitens dürfte dem auch eine Fehleinschätzung zugrunde liegen. Laut Umfragen zeigt sich die Mehrheit der US-Bürger trotz des Trommelfeuers der industrienahen Klimaskeptiker davon überzeugt, dass der Klimawandel real ist, und viele verknüpfen diese Einschätzung mit persönlichen Erfahrungen von extremen Wetterereignissen. Es ist also keineswegs gesagt, dass „das Klima“ die Wahlaussichten schmälern würde.

Der nächste US-Präsident hat es also, mit den Erfahrungen der Folgen von „Sandy“, in der Hand, den Klimaschutz endlich offensiv anzugehen. National wäre das ein Segen, und auch international, gerade jetzt, kurz vor dem nächsten Weltklimagipfel in Katar. Wenn Washington dort seine notorische Blockadehaltung aufgäbe, hätte „Sandy“ in dieser Hinsicht wenigstens auch ein Gutes gehabt.

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