Die Journalisten ließen nicht locker. Wieder und wieder fragten sie Mitt Romney, ob er denn nach wie vor die nationale Katastrophenschutzbehörde Fema abschaffen wolle. Jetzt, da der Hurrikan „Sandy“ gewaltige Verwüstungen an der ganzen Ostküste angerichtet habe. Jetzt, da sich zeige, dass eine funktionierende Bundesbehörde wichtig sei. Doch Romney, der Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner, sagte einfach nichts. Er wollte offensichtlich nicht antworten. Lediglich sein Wahlkampf-Team erklärte, dass es keine Pläne gebe, Fema abzuwickeln.
Wahrscheinlich war Romneys Schweigen aus seiner Sicht richtig. Denn hätte er seine Ausführungen aus dem vergangenen Jahr wiederholt, wäre die Kritik an ihm noch heftiger geworden. Damals hatte der Multimillionär in einer Debatte mit anderen republikanischen Politikern erklärt, die Bundesstaaten sollten die Fema-Aufgaben übernehmen. Und wenn man die Chance habe, den Katastrophenschutz zu privatisieren, dann sei das noch besser, sagte Romney. Er schob damals hinterher, dass Bundesbehörden an sich zur Staatsverschuldung beitrügen, was den künftigen Generationen gegenüber unmoralisch sei.
Wirbelsturm Sandy hat auch den politischen Kampf ums Weiße Haus durcheinander gebracht. US-Präsident Obama sagte Wahlkampfauftritte in Ohio und Orlando ab und flog zurück nach Washington. Das Bild zeigt Obama nach der Landung der Air Force One in Maryland.
Foto: AFPIn sturmfreien Zeiten hätte Romney für diese Aussage in seiner Partei Beifall bekommen. Nichts ist in republikanischen Kreisen beliebter als die Kritik an dem angeblich geldverschlingenden Ungetüm, das den Namen Washington trägt. Doch nach „Sandy“ hat sich das schnell geändert. Nach und nach fielen die Parteifreunde ihrem Präsidentschaftskandidaten in den Rücken.
Die Infrastruktur in den USA ist in einem Maße vernachlässigt und reparaturbedürftig, dass sie auch schon bei geringeren Einwirkungen als einem Hurrikan zusammenbricht. Schlaglochpisten, gekappte Stromleitungen, einsturzgefährdete Brücken oder löchrige Wasserleitungen, es besteht Reparaturbedarf. Doch für den öffentlichen Sektor wird immer weniger Geld zur Verfügung gestellt.
Chris Christie, Gouverneur des besonders vom Sturm betroffenen Bundesstaates New Jersey, sagte, Fema leiste eine hervorragende Arbeit. Und Barack Obama, der als Präsident die Katastrophenschutzbehörde beaufsichtigt, „hat uns unglaublich unterstützt“, sagte Christie. Die Zusammenarbeit mit Washington sei wundervoll. Über Twitter fügte er hinzu: „Ich möchte dem Präsidenten persönlich für all seine Hilfe danken.“
Das Lob für Obama war insofern bemerkenswert, als Christie noch vor wenigen Tagen erklärt hatte, Obama laufe wie blind im Weißen Haus herum und suche nach Lösungen für die Probleme Amerikas. Am Mittwochnachmittag wollte Christie mit Obama einen Rundgang durch das Katastrophengebiet von New Jersey machen. Seinen eigenen Präsidentschaftskandidaten aber lud Christie nonchalant aus. Es interessiere ihn nicht, ob Romney auch einen Besuch in New Jersey plane, blaffte Christie. Er habe Wichtigeres zu erledigen.
Die Einlassungen des Republikaners Christie waren ein starker Kontrast zu den hitzigen Wortgefechten, die sich die Regierung von Obamas Amtsvorgänger George W. Bush im Jahr 2005 mit lokalen Behörden geliefert hatte. Als der Hurrikan „Katrina“ die US-Golfküste heimsuchte, stritten Fema und die Gouverneurin von Louisiana erbittert wegen des schlechten Krisenmanagements. Damals starben fast 2000 Menschen.
Nach „Sandy“ sind solche Töne nicht zu hören. Im Gegenteil: Auch aus Virginia kam Lob für Obama. Gouverneur Bob McDonnell, ein führender Romney-Unterstützer, sagte, der Bund habe unglaublich schnell reagiert: „Wir sind sehr dankbar.“ Sein Krisenmanagement sage viel über den Präsidenten Obama aus, sagte McDonnell. Das konnte schon fast als ein Aufruf verstanden werden, in der kommenden Woche Obama zu wählen.
Der verheerende Sturm „Sandy“ könnte im Nordosten der USA nach Schätzungen des Informationsdienstes IHS Global Insight einen wirtschaftlichen Gesamtschaden in Höhe von bis zu 50 Milliarden Dollar (38,7 Milliarden Euro) verursachen. Die Analysten rechneten mit direkten Schäden von rund 20 Milliarden Dollar und Gewinneinbußen von bis zu 30 Milliarden Dollar. Ein Überblick der bislang kostenträchtigsten Stürme in den USA:
Der Präsident selbst hielt sich vor Abreise ins Katastrophengebiet vornehm zurück und versprach, dass jedes Sturmopfer schnell Hilfe erhalten werde. „Keine Bürokratie“, sagte Obama. Von Montag bis Mittwoch hatte der Präsident auf Wahlkampfauftritte verzichtet, um den Eindruck zu vermeiden, er wolle sich auf Kosten der Sturmopfer profilieren.
Doch ein Rollenwechsel steht bevor – aus dem obersten Katastrophenschützer des Landes wird wieder der Wahlkämpfer. Am Mittwochmorgen kündigte das Weiße Haus an, dass der Präsident am Donnerstag nach Nevada und Colorado fliegen werde.
Sein Herausforderer Mitt Romney gab die sturmbedingte Zurückhaltung schon einen Tag vorher auf. Am Mittwoch wollte er in Florida wahlkämpfen. Auch dort dürfte er allerdings wieder Fragen ertragen müssen, wie er es denn mit den Bundesbehörden halte.
Die Hand sollte wohl noch aus der Hose, aber die Gummistiefel und der Regenmantel kommen gut an: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder 2002 nach der Flut in Grimma. Kurz darauf wird er als Kanzler wiedergewählt.
Foto: dpaNaturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste. Das Spezial.
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