Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Sandy - Wirbelsturm trifft New York
Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste.

15. November 2012

Nach Sandy: „Erst die Finanzkatastrophe – und jetzt das hier“

 Von Sebastian Moll
In Midland Beach, einem Abschnitt von Staten Island, kommt die Müllabfuhr gar nicht mit dem Wegkarren nach, so hoch liegt der Schutt. Foto: REUTERS

New York, zwei Wochen nach dem Hurrikan: Statt Banken zu besetzen, kümmert sich das Occupy-Netzwerk um die Nothilfe

Drucken per Mail

New York, zwei Wochen nach dem Hurrikan: Statt Banken zu besetzen, kümmert sich das Occupy-Netzwerk um die Nothilfe

New York –  

Die Kirche St. Jacobi in Brooklyn ist ein heilloses Chaos in diesen Tagen, eine Mischung aus Flohmarkt und Verladebahnhof. Vor dem Eingangsportal stapeln sich Kisten mit Konservendosen und Altkleidern. In der Zufahrt an der Fourth Avenue stauen sich die SUVs, beladen mit Spenden von New Yorker Bürgern, die irgendwie den am schlimmsten getroffenen Opfern von Hurrikan „Sandy“ beistehen wollen. Helfer in gelben Westen mit der Aufschrift „Occupy Sandy“ versuchen verzweifelt, des Durcheinanders Herr zu werden, Kartons zu entleeren, Sachen in das Kellergewölbe zu schaffen.

Inmitten dieses Gewühls steht Steve mit seinem iPad in der Hand und einem Freisprechgerät im Ohr. Steve verkörpert gewissermaßen das Auge des Sturms: Er ist die Ruhe selbst und vermittelt überzeugend den Eindruck, als habe er hier alles im Griff. „Wir brauchen Leute für Staten Island, die dort Putzsachen verteilen“, ruft er in das Gewühl. Sandra und Viola, zwei frisch angekommene Helferinnen, bekommen rasch ein Stück Klebeband mit ihrem Vornamen auf die Brust und einen Zettel mit einer Adresse in die Hand gedrückt. „Vielen Dank und viel Glück“, gibt Steve den beiden Krankenschwestern, die anderthalb Stunden lang aus den nördlichen Vororten angereist sind, noch mit. „Ihr helft euren Nachbarn.“

Horizontale Eingreiftruppe

Steve ist seit dem Tag Eins nach „Sandy“ mit dabei. Sobald der Sturm sich gelegt hatte, war er zusammen mit einem halben Dutzend alter Gefährten aus dem Zuccotti-Park, der Geburtsstätte der Occupy-Bewegung, losgezogen. Den ganzen Tag lang fuhren sie mit Fahrrädern durch Brooklyn und Queens, brachten Leuten, die ohne Strom und Heizung waren, warmes Essen und Taschenlampen, organisierten Krankenwagen für Alte und Gebrechliche. Irgendwann in der Nacht klopften sie dann erschöpft an die Pforte von St. Jacobi und fragten, ob sie sich mit ihren Schlafsäcken irgendwo für ein paar Stunden aufs Ohr hauen könnten.

Seither hat sich die Kirche, die strategisch günstig in der Mitte zwischen den am schwersten verwüsteten Gebieten Far Rockaway und Staten Island liegt, zur Kommandozentrale der bislang effektivsten Katastrophenhilfe in der Stadt entwickelt. Es ist, als hätten die alten Kommunikationskanäle, mit deren Hilfe Occupy vor gerade einmal einem Jahr Zehntausende in New York und Hunderttausende im ganzen Land mobilisierte, nur auf diese Gelegenheit gewartet. Binnen weniger Tage hatte Occupy ein leistungsfähiges Netzwerk aufgebaut, das schnell und zuverlässig hilft.

Während andere Organisationen wie das Rote Kreuz oft nicht wissen, was sie mit den vielen New Yorker Bürgern tun sollen, die anpacken wollen, findet Occupy für jeden eine Aufgabe. Während andere Organisationen Probleme haben, die gespendeten Kleider, Decken, Lebensmittel und Taschenlampen effizient zu verteilen, bringt „Occupy Sandy“ sie genau dorthin, wo sie benötigt werden. „Wir sind eine horizontal organisierte schnelle Eingreiftruppe“, erklärt Steve stolz. „Deshalb können wir flexibel und dynamisch sein.“

Per Twitter, Facebook und der Occupy-Homepage kommen rund um die Uhr die Meldungen an, was wo gebraucht wird – bis ins kleinste Detail. „Sanitäter benötigen dringend Infusionsflüssigkeit an der Clinton Street 520“, lautet so ein Tweet. Ein anderes: „Brauchen morgen Teams, die in Rockaway Häuser ausräumen. Treffpunkt St. Jacobi, 8 Uhr. Gummistiefel mitbringen.“ Bei Amazon ist einer dieser „Hochzeits-Tische“ eingerichtet worden, wo die Occupy-Organisatoren eintragen, was sie sich wünschen, und Spender für die Artikel ihrer Wahl bezahlen können. Mehr als 100.000 Dollar sind dort schon eingegangen.

Noch immer völlige Verwüstung

Wie dringend diese Art unbürokratischer Direkthilfe gebraucht wird, erleben Viola und Sandra, als sie auf Staten Island ankommen. Die Strandortschaften New Dorp und Midland direkt gegenüber von Brooklyn bieten auch zwei Wochen nach „Sandy“ noch ein Bild völliger Verwüstung. Der Schlamm, den die Flut hinterließ, steht in einer dicken Kruste auf der Straße. Autos und Boote stecken auf Zäunen und hängen in Bäumen.

Die Menschen versuchen verzweifelt zu retten, was von ihren bescheidenen Einfamilienhäusern übrig ist. Sie schleppen modrige Sessel und Sofas auf die Straße, reißen schwammig gewordenes Parkett aus den Erdgeschossen heraus. „Mein Haus“, sagt eine Anwohnerin in der Naughton Street, während sie Unrat in große schwarze Säcke stopft, „ist nur noch ein Rahmen mit einer Nummer.“

Obama macht sich ein Bild

US-Präsident Barack Obama ist am Donnerstag nach New York gereist, um sich in den von Hurrikan „Sandy“ verwüsteten Stadtteilen über den Stand der Aufräumarbeiten zu informieren.

Unmittelbar nach dem Hurrikan hatte der Präsident bereits den ebenfalls stark betroffenen Bundesstaat New Jersey besucht und den Geschädigten Hilfe versprochen.

Mehr als Hundert Menschen waren durch „Sandy“ in den USA ums Leben gekommen, mindestens 40 allein in New York.

An Strom und Wärme ist hier noch immer nicht zu denken, die Leute können nur in den milderen Nächten in ihren Häusern übernachten. Dass das Viertel vor dem Winter wieder bewohnbar wird, ist ausgeschlossen, ob die Häuser überhaupt je wieder aufgebaut werden können, ist fraglich. Bei der Hälfte von ihnen hilft wohl nur noch der Abriss. Erinnerungen an New Orleans nach Hurrikan „Katrina“ werden wach.

Von offiziellen Hilfsorganisationen fehlt hier jede Spur. Weder die Nationalgarde noch das Rote Kreuz oder der nationale Katastrophenschutz sind irgendwo zu sehen. Die improvisierten Ausgabestellen für alles, was hier gebraucht wird – von Windeln und Babynahrung bis hin zu Schaufeln und Besen –, werden sämtlich von privaten Hilfsinitiativen betrieben. Einige sind damit schlicht überfordert. Vor einer winzigen Einraum-Kirche in der Guyon Street türmen sich die Säcke mit Kleiderspenden meterhoch, doch niemand ist da, um sie zu sortieren. Leute aus dem Viertel wühlen wild in den Sachen herum.

Im Gemeindezentrum an der Mill Street bietet sich hingegen ein Bild wohlgeordneter Effizienz. Hier hat Occupy seinen „Free Store“ eingerichtet. Die zwei großen Räume sehen tatsächlich aus wie ein Supermarkt: rechts die Regale mit Konserven, daneben Windeln und Hygienebedarf, im Nachbarraum Müllsäcke, Schaufeln, Wischmops.

Bitte keine Kleidung mehr

Christina, eine Occupy-Aktivistin der ersten Stunde, die den Stützpunkt leitet, nimmt die Wünsche und Anfragen der Hurrikan-Geschädigten entgegen und leitet sie nach Brooklyn weiter. „Brauchen morgen dringend Wasserpumpen und Schläuche“, schreibt sie gerade per SMS an Steve, als Viola und Sandra ankommen, um Scheuermittel und Müllsäcke abzuholen. „Außerdem Arbeitshandschuhe und Harken. Bitte keine Kleidung mehr.“ Kommt sie sich nicht merkwürdig vor, wenn sie, statt Banken zu besetzen, nun Putzlappen verteilt? Christina beschließt, die Dinge pragmatisch zu sehen: „Eine Art Katastrophenhilfe waren wir doch eigentlich von Anfang an“, sagt sie. „Erst die Finanzkatastrophe von 2008 – und jetzt das hier.“
Als Sandra und Viola über die Verranzano-Brücke zurück nach Brooklyn fahren, dämmert es bereits. Als sie in St. Jacobi ankommen, herrscht dort noch immer Hochbetrieb. Während im Hauptschiff der alten Kirche der Organist probt, werden im Keller eifrig Brote mit Erdnussbutter geschmiert und Konserven ausgepackt. Auf der Treppe sitzt ein junger Occupy-Aktivist mit Rastalocken und weist eine ebenso junge Freiwillige ein.

Für viele New Yorker, die nicht in der Katastrophenzone leben, ist „Sandy“ schon fast wieder vergessen. Für Steve und seine Truppe hat die Arbeit gerade erst angefangen.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Spezial

Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste. Das Spezial.


Wirbelsturm Sandy
Videonachrichten Panorama
Anzeige
Spezial
15. Oktober: Das Gesundheitsamt Mitte benachrichtigt die ihm übergeordnete Senatsgesundheitsverwaltung über den Ausbruch der Epidemie – sechs Tage nach Erhalt der Information. (Foto: Eingangsportal des Rudolf-Virchow-Krankenhauses der Charité)

Erst der Tod eines Frühchens, dann Missbrauchsvorwürfe: Hintergründe und Berichte zu den Vorfällen in der Charité Berlin im FR-Spezial.

Videonachrichten Leute
Costa Concordia
Costa Concordia: Die Beteiligten schieben sich jetzt die Schuld zu.

Berichte, Bilder und Hintergründe zum tödlichen Schiffsunglück der Costa Concordia und dem Prozess in Italien im FR-Spezial.

Anzeige
Anzeige