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Sandy - Wirbelsturm trifft New York
Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste.

04. November 2012

New York Marathon: Lauf ins Leere

 Von Anne Lena Mösken
Ein Arbeiter baut den Finish des Marathons ab.Foto: imago

Unsere Autorin wollte mit ihrer Familie den New-York-Marathon 2012 laufen. Dann wurde das Rennen abgesagt – und sie beschloss, sich die Gründe dafür selbst anzusehen.

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Der Taxifahrer flucht, als er mit seinem Yellow Cab auf den Franklin D. Roosevelt Drive an der Ostseite Manhattans fährt. „Acht Stunden für Benzin“, sagt er mit dem rollenden Akzent der Pakistanis, „den ganzen Tag stand ich in der Schlange vor der Tankstelle, und als ich endlich dran war, haben sie dicht gemacht.“ Er schüttelt den Kopf, links ragt ein Kraftwerk in den wolkenlosen Himmel über New York. Als das Wasser des East River am Dienstag über die Ufer trat, gab es dort eine Explosion. Und in Manhattan gingen die Lichter aus.

„Noch immer kein Strom“, sagt der Taxifahrer. Dann erzählt er, wie er an einer anderen Tankstelle doch noch erfolgreich war. Er kann es sich nicht leisten, auszusetzen. Jeder Tag kostet ihn 120 Dollar Gebühren, die zahlt er, auch wenn ein Sturm die Stadt verwüstet.

Er hält vor dem Terminal der Staten Island Ferry an der Südspitze Manhattans. Vor den Glastüren pumpt ein Generator Wasser aus der U-Bahn Station, die Überbleibsel einer vier Meter hohen Flutwelle, die hier über die Kaimauer gerollt ist, die Straßen überschwemmte und fast auch das Parkett der New Yorker Börse, wenige Blöcke entfernt.

Vier Monate trainiert - 500 Kilometer

Es ist Tag vier nach dem großen Sturm, nach Sandy. Monstersturm, Frankenstorm, nannten ihn die Medien. Es ist auch der Tag, bevor drüben auf Staten Island, wo die Verrazano Narrows Brücke sich über die Bucht wölbt und nach Brooklyn führt, mehr als 47.000 Läufer an den Start gehen sollten, um 42,195 Kilometer durch New York zu laufen, durch alle fünf Stadtteile, bis zum Central Park in Manhattan. Knapp die Hälfte der Läufer ist aus dem Ausland angereist. Flüge wurden gestrichen, als Sandy kam, Läufer auf andere Flüge umgebucht, als am Mittwoch die Flughäfen wieder öffnen konnten.

Jetzt sind sie alle in der Stadt. Auch ich. Es ist mein erster Marathon. Vier Monate habe ich trainiert, über 500 Kilometer insgesamt. Dass ich mitlaufe, ist ein Geschenk an meine Mutter, sie ist in diesem Jahr fünfzig Jahre alt geworden. Als sie vierzig wurde, lief sie ihren ersten Marathon in Berlin. Und von da an jedes Jahr einen, manchmal zwei, sechzehn Mal insgesamt. New York wurde irgendwann ihr Traum. Es ist der Traum eines jeden Marathonläufers. Weil es der größte der fünf wichtigsten Marathons der Welt ist. Weil die Stimmung so einzigartig ist. Die New Yorker lieben diesen Marathon. Der Lauf ist ein einziges großes Fest.

Das erste Mal in New York

Meine Mutter war noch nie in New York. Sie hat lange gespart, um das Geld für Startgebühren, Flug und Hotel für die ganze Familie zusammenzubekommen. 1800 Dollar gibt jeder Marathonläufer im Schnitt in der Stadt aus, für Unterkunft und Verpflegung, für den Besuch von Theatern und Musicals, Stadtrundfahrten und Museumsbesuche. In den Geschäften am Broadway hängen Schilder: „Willkommen, Marathonläufer! Heute 30 Prozent Discount auf alles.“ Manche Bars und Cafés an der Strecke machen am Tag des Laufs den Umsatz des Jahres dank all der Zuschauer, die am Straßenrand stehen.

Einst führte die Strecke nur um den Central Park herum, dann entschied der damalige Bürgermeister, die Läufer durch die Stadt zu schicken. Um Geld in die Kassen der 1976 fast bankrotten Stadt zu holen. Mittlerweile bringt der Marathon jedes Jahr 340 Millionen Dollar ein, davon sind allein 17 Millionen Steuern, von denen wiederum zwei Drittel direkt an die Stadt gehen. Der Marathon ist ein riesiges Geschäft.

Bloomberg geht ein Licht auf

Gerade jetzt brauche New York dieses Geschäft, hat das aktuelle Stadtoberhaupt Michael Bloomberg in den vergangenen Tagen immer wieder gesagt. Und hinzugefügt, dass der Marathon die New Yorker in diesen schweren Stunden aufmuntern werde. Er muss an den 11. September 2001 gedacht haben. Damals nutzte Bürgermeister Rudy Giuliani den Lauf, um ein Zeichen zu setzen. Wir New Yorker lassen uns nicht unterkriegen. Schau her, Welt, hier geht alles wieder seinen normalen Gang.

Aber 2001 lag ein ganzer Monat zwischen Katastrophe und Marathon. Und es gab nicht Hunderttausende, die ohne Strom und Wasser vor ihren zerstörten Heimen saßen, während im Central Park Generatoren darauf warten, eine riesige LED-Leinwand zu beleuchten, und LKWs voller Wasserflaschen, die an die Läufer verteilt werden sollen.

Wir stehen auf dem Oberdeck der Staten Island Ferry, das der Schiffsbauer „Hurricane Deck“ genannt hat, wohl weil es dort an der Reling so windet. Den Touristen stehen die Haare zu Berge, als sie sich erst vor der immer kleiner werdenden Skyline Manhattans, dann vor der ohnehin kleinen Freiheitsstatue fotografieren. Die New Yorker sitzen derweil im windstillen Unterdeck und blättern in den Tageszeitungen. Eine davon, die New York Post, hat an diesem Tag ein großes Bild von Bürgermeister Michael Bloomberg auf dem Titel. Der Kopf des Bürgermeisters steckt in einer Glühbirne. „Light Comes On“, steht darunter. Bloomberg ist ein Licht aufgegangen, soll das heißen. Weil er den Marathon abgesagt hat. Der Lauf, so der Bürgermeister, würde New York spalten, statt wie sonst für ein großes Gemeinschaftsgefühl zu sorgen.

"Und was jetzt?"

Am frühen Freitagabend war das. Wir standen gerade im Messezentrum am Ufer des Hudson, in der Schlange vor den Schaltern, an denen die Startnummern ausgeteilt wurden. Nervös traten wir von einem Bein auf das andere. Es hatte sich so angefühlt, wie wir uns den Start vorstellten: eingezwängt zwischen all den anderen Läufern aus der ganzen Welt, aus Südamerika, Italien, Australien, Texas, Ohio. Die meisten trugen bereits ihre Laufschuhe, als wollten sie sofort los rennen. Wir lachten viel, mein kleiner Bruder fotografierte jede Minute Wartezeit. Meine Mutter fragte zum dritten Mal, ob wir unsere Ausweise dabei haben. Und neben mir wischte ein New Yorker angestrengt mit dem Finger auf seinem Smartphone herum.

Plötzlich, ohne aufzublicken, sagte er: „Sie canceln den Marathon.“ – „Was?“, fragte ich. Er zeigte mir die Homepage der New York Times. Da stand: Nach Tagen des öffentlichen Drucks, nach Kritik von Politikern, Läufern und der Öffentlichkeit, entscheiden die Veranstalter des New York City Marathons, den Lauf nicht stattfinden zu lassen. Ein paar Minuten später die gleiche Botschaft aus den Lautsprechern des Messezentrums, ruhig und sachlich, wie eine Durchsage in einem Kaufhaus.

Es gibt keinen Aufschrei. Alle bleiben in der Schlange stehen, irgendwie orientierungslos, ratlos auch. Ein paar Reihen vor mir fängt eine Frau an zu weinen. „Und was machen wir jetzt?“, fragt meine Mutter.

Wir hatten wenig mitbekommen von dem öffentlichen Druck. Wie auch. Wir waren ja noch nicht einmal 24 Stunden in dieser Stadt und hatten den Tag davor in der Blase der Reisenden, in Bussen und Flugzeugen, verbracht. Wir hatten die Bilder in den Nachrichten gesehen, das ja. Aber Staten Island, wo der Sturm die Häuser Tausender Menschen zerstörte, ist weit weg, wenn man am Times Square steht, vor dem Fernseher im Hotel sitzt. Auch deshalb beschließen wir am Abend, nach Staten Island zu fahren.

Wir fühlen uns ein wenig schäbig

Als die Fähre anlegt, steigen die meisten Passagiere gar nicht richtig aus, fahren gleich wieder zurück – sie wollten nur die Aussicht von dem Boot aus genießen. Lediglich ein paar Einwohner gehen den steilen Berg zur Straße hinauf, sie schleppen Einkaufstüten. Im Bus, der uns zur Verrazano Narrows Brücke bringen soll, riecht es so stark nach Benzin, dass wir nach Luft schnappen. Ganz hinten sitzt ein Mann neben einem dieser Plastikbehälter, die man auf Wasserspendern findet. Der Behälter ist voll mit Benzin.

Wir pressen unsere Gesichter an die Fensterscheiben, halten Ausschau nach Sandys Spuren. Wir fühlen uns ein wenig schäbig. Wir sind Katastrophentouristen, irgendwie. Aber wir wollen es mit eigenen Augen sehen, wollen verstehen, warum wir nicht laufen können, nicht laufen dürfen, und am Ende vielleicht auch gar nicht mehr laufen wollen. Vielleicht können wir helfen. Auch das stand in den unzähligen aufgebrachten Kommentaren im Internet: Statt zu laufen solltet ihr eure Energie für Freiwilligenarbeit nutzen. Spendet eure Hotelzimmer. Reist ab, gebt euer Geld an Hilfsorganisationen. Ein Hotelier in Staten Island schmiss Marathonläufer raus, um Platz für obdachlos gewordene New Yorker zu schaffen.

Mitten im Nachrichtenbild

Wir sind die einzigen Nicht-Staten-Islander in diesem Bus. Und draußen vor dem Fenster zieht eine Kleinstadt vorbei, die trist ist, aber intakt. Was von den Vorbereitungen für den Marathon, die fast abgeschlossen waren, übrig geblieben ist auf Staten Island, sind 1700 Dixie Klos. In langen Reihen stehen sie auf einem Militärgelände am Fuß der Brücke. Über die verlassenen Wege dazwischen wehen Äste, die der Sturm von den Bäumen gerissen hat. Es sieht aus, wie in diesen alten Westernfilmen. Stunden hätten wir hier verbracht und auf den Startschuss gewartet, eingehüllt in alte Kleider, die wir vor dem Loslaufen weggeworfen hätten, die dann an die Obdachlosen der Stadt verteilt werden sollten.

Wir laufen die Küstenstraße entlang, an uns vorbei rasen Polizeiwagen und schwere Trucks der New Yorker Feuerwehr. Die Zeit drängt, in den nächsten Tagen sollen die Temperaturen nachts auf den Gefrierpunkt fallen.

Und dann stehen wir mitten in einem dieser Bilder, die wir in den Nachrichten gesehen haben. Die Gartenmauer vor dem Haus ist umgestürzt, dahinter steht die Tür offen, Möbel, Teppiche und all das, was Menschen so besitzen, hat sich zu einem unkenntlichen Wust übereinander getürmt, als hätte ein Kind sein Puppenhaus in die Hand genommen und kräftig geschüttelt. Schwere Jeeps stecken quer in Einfahrten fest, Bäume mit mannsdicken Stämmen liegen entwurzelt in den Vorgärten. Auf dem Bürgersteig liegen Fotos, die der Sturm aus dem Familienalbum gerissen hat. Und inmitten all dieses Chaos stehen hie und da noch immer die orangefarben leuchtenden Kürbisse auf den Stufen vor den Eingängen. Der Sturm kam kurz vor Halloween.

„Crime scene“, raunzt ein Polizist

Wir kehren um. Wir fühlen uns wie Eindringlinge. Es gibt nichts, was wir hier tun können. Aber wir sind erleichtert, dass nicht wir uns in die Decken der Marathonveranstalter hüllen, sondern dass es heißt, sie würden nun an die Menschen hier gegeben. Und dass Geld gespendet wird, eine Million Dollar, das nicht mehr für den Lauf gebraucht wird. „Wir probieren es nächstes Jahr“, sagt meine Mutter. New York bleibt ein Traum.

Es ist ein strahlender Tag, dieser Tag vor dem Marathon. Die Luft ist kalt und klar. Im Hotel ziehen wir unsere Laufschuhe an, und die T-Shirts, die meine Mutter hat anfertigen lassen. „We are Familiy“, steht darauf, und „New York 2012“. Dann laufen wir los, vorbei an heruntergekommenen Fabrikhallen, an einer Straßensperre. „Crime Scene“, raunzt uns ein Police Officer an, der vor einem gelben Absperrband steht, das im Wind flattert. Es ist wie im Film.

Wir laufen über die Queensboro Brücke, es wäre der 25. Kilometer des Marathons gewesen, links tost der Verkehr über den Freeway, rechts liegt bleigrau der East River und vor uns türmen sich die Wolkenkratzer auf. Wir laufen mitten hinein. Die 59th Street entlang, links und rechts die Häuserschluchten, bis zum Central Park. Ein Strom von Läufern kommt uns entgegen, sie sind alle gekommen, es sind Hunderte, mit denen wir zusammen durch das Herbstlaub laufen. Bis zur Ziellinie.

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