Man kann meinen, es hätte Sandy nie gegeben. Zwei Tage nach dem Sturm sind an der Upper West Side in Manhattan die Geschäfte geöffnet, die Taxis rollen Stoßstange an Stoßstange den Broadway hinunter und die Menschen machen sich auf den Weg in die Büros in Midtown. Nur die U-Bahn können sie nicht nehmen, das Netz ist überflutet und steht auf unbestimmte Zeit still. Manch einer hier hat Sandy gar genossen. „Es war wie Urlaub“, sagt Marcia Gregory, Rechtsanwältin. „Wir haben uns eine Flasche Wein aufgemacht und den ganze Abend Filme geguckt.“
Der Eine tanzt im Regen, ein Anderer nutzt die Wellen und schwingt sich mal wieder auf sein Surfbrett, Kumpels sitzen nachts gemeinsam in der Stammkneipe und trinken darauf, dass es vorbei ist. Die Menschen an der Ostküste der USA gingen ganz unterschiedlich mit dem Wirbelsturm "Sandy" um. Die etwas andere Seite des Wirbelsturms in Bildern...
Foto: AFPKeine zehn Kilometer südlich bietet sich ein vollkommen anderes Bild. In Lower Manhattan ist New York ein Katastrophengebiet. Mehr als 285.000 Haushalte sind ohne Strom, Geschäfte und Restaurants geschlossen, der Verkehr muss sich mangels Ampeln selbst regeln. Im Osten der Stadt, der überflutet wurde, versuchen die Menschen Überblick über die Schäden zu bekommen. Überall sieht man dort in den Seitenstraßen Menschen, die mit Eimern Keller leer schöpfen.
Die Frage, die alle umtreibt, kann indes niemand beantworten. Vor dem Elektrizitätswerk an der 14. Straße bedrängen Anwohner den Werkschutz an der Zufahrt. Doch keiner wagt auch nur eine Schätzung, wann denn der Strom im südlichen Manhattan wieder fließt.
In der Karibik hat „Sandy“ mehr zerstört, als zunächst angenommen. Allein auf Kuba wurden 180.000 Wohnungen zerstört, ist auf der Regierungswebseite Cubadebate zu lesen. Wegen großer Schäden in der Landwirtschaft werden Versorgungsengpässe befürchtet. Elf Menschen starben dort im Sturm, in Haiti waren es 54 Tote, in Jamaika und auf den Bahamas jeweils einer.
Zwei New Yorker Flughäfen sind wieder geöffnet. Der John-F.-Kennedy-Airport, einer der größten Flughäfen Amerikas, meldete am Mittwochmorgen wieder erste Landungen von Inlandsflügen.
Die Basketball- und die Footballliga in den USA halten ihren Ligabetrieb aufrecht. Beide wollen die für die kommenden Tage angesetzten Partien planmäßig spielen.
Das Halloween-Fest im Weißen Haus, für das 2 000 Schulkinder geladen waren, hat Obama abgesagt. Der Präsident reiste stattdessen in das schwer zerstörte Atlantic City in New Jersey.
Auf der anderen Seite des East River, im Brooklyner Stadtteil Red Hook, ist fehlender Strom noch die geringste Sorge. Vor dem früheren Hafenarbeiterviertel, das unterhalb des Meeresspiegels liegt, war ein Damm gebrochen, der halbe Bezirk steht bis zum ersten Stock unter Wasser. Am Tag nach dem Sturm sind die Bewohner zurückgekehrt um das Ausmaß des Schadens zu begutachten. Überall brummen benzinbetriebene Wasserpumpen. An den Fassaden der Einfamilienhäuser und alten Lagerkontore zeigt ein Schmutzrand in Hüfthöhe, wie hoch der East River anschwoll. Ein Schleim aus Schmutz und Öl überzieht die Straße. Ein Supermarkt hat seine faulige Ware in Einkaufswagen verladen. Das Viertel erinnert an New Orleans nach „Katrina“.
Tote, Stromausfälle, Brände und Überschwemmungen: Monstersturm „Sandy“ hat entlang der US-Ostküste ein Chaos von historischem Ausmaß hinterlassen. Die Zahl der Todesopfer stieg am Dienstag auf mindestens 39, mehr als 8,2 Millionen Menschen waren ohne Strom. Fluggesellschaften mussten über 15.000 Flüge streichen. Und vielerorts war das tatsächliche Ausmaß der Zerstörung immer noch ungewiss.
Foto: dapdPeter Mishkin, der an der Van Brunt Street wohnt, steht sichtlich verzweifelt vor seinem Haus, auf der Stirn tiefe Sorgenfalten. „Aus dem Keller und dem Erdgeschoss ist nichts mehr zu gebrauchen“, sagt er. „Ich kann nur hoffen, dass meine Versicherung das zahlt.“
Immerhin haben in der Van Brunt Street alle überlebt. In anderen Teilen der Stadt verloren während des Sturms 22 Menschen ihr Leben. Viele wurden von umstürzenden Bäumen getroffen. Ein besonders tragisches Schicksal traf die Kosmetikerin Lauren Abraham, die in der Sturmnacht durch ihr Wohnviertel in Queens lief. Abraham kam mit einer Stromleitung in Kontakt und starb.
Bürgermeister Michael Bloomberg gibt sich derweil alle Mühe, Normalität zu demonstrieren. Persönlich eröffnet er die Börse. Doch es herrscht alles andere als Normalität. Das Viertel hat weiter keinen Strom. Die Straße entlang des East River war mit Unrat übersät, den der Fluss angespült hatte. Business as usual ist das noch lange nicht.
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