Sandy - Wirbelsturm trifft New York
Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste.

21. November 2012

Occupy hilft "Sandy": Der neue Sinn von Occupy

 Von Sebastian Moll
Im Stützpunkt von Occupy Sandy im Queens treffen sich Helfer.  Foto: dapd/Ap/Craig Ruttle

Erst kämpften die Protestler der „Occupy“-Bewegung gegen den Kapitalismus. Nun helfen sie den Opfern von Hurrikan „Sandy“ - direkt und unbürokratisch. Von offiziellen Hilfsorganisationen ist dagegen nichts zu sehen.

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NEW YORK –  

Die St. Jacobi Kirche in Brooklyn ist ein heilloses Chaos in diesen Tagen, eine Mischung aus Flohmarkt und Verladebahnhof. Vor dem Eingangsportal stapeln sich Kisten mit Konservendosen und Altkleidern, in der Zufahrt entlang der Fourth Avenue stauen sich die SUVs, beladen mit Spenden und New Yorker Bürgern, die irgendwie den am schlimmsten getroffenen Opfern von Hurrikan „Sandy“ beistehen wollen. Helfer in gelben Westen mit der Aufschrift „Occupy Sandy“ versuchen verzweifelt, des Durcheinanders Herr zu werden, Kartons zu entleeren, Sachen in das Kellergewölbe zu schaffen, Aufgaben für Neuankömmlinge zu finden.
Inmitten von diesem Gewühl steht Steve mit seinem iPad auf dem Arm und einem Freisprechgerät im Ohr. Steve ist das Auge des Orkans, er ist die Ruhe selbst und vermittelt überzeugend den Eindruck, als habe er hier alles im Griff. „Die brauchen Leute, die in Staten Island Putzsachen verteilen“, ruft er in das Gewühl, „haben wir einen Wagen voll?“ Sandra und Viola, zwei frisch angekommene Helferinnen, bekommen rasch ein Stück Klebeband mit ihrem Vornamen auf die Brust und einen Zettel mit einer Adresse in die Hand gedrückt. „Vielen Dank und viel Glück“, gibt er den beiden Krankenschwestern, die anderthalb Stunden lang aus den nördlichen Vororten angereist sind, noch mit. „Ihr helft euren Nachbarn.“
Steve ist seit dem Tag eins nach „Sandy“ hier in der St. Jacobi Church, die strategisch günstig in der Mitte zwischen den am schwersten verwüsteten Gebieten Far Rockaway und Staten Island liegt. Sobald der Sturm sich gelegt hatte, war Steve zusammen mit einem halben Dutzend der alten Gefährten aus dem Zuccotti-Park, der Geburtsstätte der Occupy Bewegung, losgezogen. Den ganzen Tag fuhren sie mit Fahrrädern durch Brooklyn und Queens, brachten den Leuten, die ohne Strom und Heizung waren, warmes Essen und Taschenlampen, organisierten Krankenwagen für Alte und Gebrechliche. Irgendwann in der Nacht klopften sie dann völlig erschöpft an die Pforte von St. Jacobi und fragten, ob sie sich mit ihren Schlafsäcken dort irgendwo für ein paar Stunden aufs Ohr hauen könnten.

Kirche wird zur Kommando-Zentrale

Seither hat sich die St. Jacobi Church zur Kommando-Zentrale der bislang effektivsten Katastrophenhilfe nach Hurrikan „Sandy“ hier in New York entwickelt. Es ist, als hätten die alten Kommunikationskanäle, mit deren Hilfe Occupy vor gerade einmal einem Jahr Zehntausende in New York und Hunderttausende im ganzen Land mobilisiert hatte, nur auf diese Gelegenheit gewartet. Binnen Tagen hatte Occupy ein leistungsfähiges Netzwerk aufgebaut, das Hilfe schnell und reibungslos genau dorthin bringt, wo sie gebraucht wird.
Während andere Organisationen wie das Rote Kreuz oft nicht wissen, was sie mit den vielen New Yorker Bürgern tun sollen, die anpacken wollen, findet Occupy für jeden eine Aufgabe. Während andere Organisationen Probleme haben, die Spenden an Kleidern, Decken, Lebensmitteln und Taschenlampen effizient zu verteilen, bringt Occupy Sandy sie genau dorthin, wo sie benötigt werden. „Wir sind eine horizontal organisierte schnelle Eingreiftruppe“, erklärt Steve stolz. „Deshalb können wir flexibel und dynamisch sein.“
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Per Twitter, Facebook und der Occupy-Homepage wird rund um die Uhr aus dem Feld gemeldet, was wo gebraucht wird, bis hin ins kleinste Detail. „Sanitäter benötigen dringend Infusionsflüssigkeit an der Nummer 520 Clinton Street“, lautet etwa ein Tweet. Oder: „Brauchen morgen Teams, die in Rockaway Häuser ausräumen. Treffpunkt St. Jacobi, 8 Uhr. Gummistiefel mitbringen.“ Sogar einen „Hochzeits-Tisch“ bei Amazon hat Occupy eingerichtet, wo die Occupy-Organisatoren eintragen, was sie sich wünschen und Spender für die Artikel bezahlen können. Mehr als 100.000 Dollar an Hilfsgütern sind dort schon zusammengekommen.

Unürokratische Hilfe wird dringend benötigt

Wie dringend diese Art unbürokratischer Direkthilfe gebraucht wird, erleben Viola und Sandra keine 20 Minuten nachdem sie an der St. Jacobi Church losgefahren sind. Die Strandortschaften New Dorp und Midland auf Staten Island, direkt gegenüber von Brooklyn an der New York Bay gelegen, sind auch zwei Wochen nach „Sandy“ noch völlig verwüstet. Der Schlamm von der Flut steht in einer dicken Kruste auf der Straße, Autos und Boote stecken auf Zäunen und hängen in Bäumen.
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Die Menschen versuchen verzweifelt das, was von ihren bescheidenen Einfamilienhäusern übrig, ist zu retten. Modrige Sessel und Sofas werden auf die Straße geschleppt, schwammig gewordenes Parkett aus den Erdgeschossen herausgehauen. „Mein Haus“, sagt eine Anwohnerin in der Naughton Street, während sie Unrat in große schwarze Säcke stopft, „ist nur noch ein Rahmen mit einer Nummer.“
An Strom und Wärme ist noch immer nicht zu denken, die Leute können nur in den milderen Nächten hier übernachten. Dass das Viertel vor dem Winter wieder bewohnbar wird, ist ausgeschlossen. Wenn es überhaupt je wieder aufgebaut werden kann. Rund 200 Häuser hat die Stadt bereits zum Abriss frei gegeben. Rote Zettel kleben an der Tür, mit der Aufschrift „Betreten verboten – Lebensgefahr“. Erinnerungen an New Orleans werden wach.

Von offiziellen Hilfsorganisationen keine Spur

Von offiziellen Hilfsorganisationen ist derweil keine Spur. Weder die Nationalgarde noch das Rote Kreuz oder der nationale Katastrophenschutz Fema sind irgendwo zu sehen. Die improvisierten Ausgabestellen für alles, was hier gebraucht wird – von Windeln und Babynahrung bis hin zu Schaufeln und Besen – werden von privaten Hilfsinitiativen betrieben, die zum Teil restlos überfordert sind. Vor einer winzigen Einraum-Kirche in der Guyon Street türmen sich meterhoch die Säcke mit Kleiderspenden, niemand ist da, um die Sachen zu sortieren. Leute aus dem Viertel wühlen wild darin herum.
Im Gemeindezentrum an der Mill Street bietet sich hingegen ein Bild wohl geordneter Effizienz. Hier hat Occupy seinen „Free Store“ eingerichtet. Die zwei großen Räume sehen tatsächlich aus wie ein Supermarkt, rechts die Regale mit Konserven, daneben Windeln und Hygienebedarf, im Nachbarraum Bleiche, Müllsäcke, Schaufeln, Wischmops.
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Vor allem ist der Free Store jedoch Kommandozentrale. Christina, eine Occupistin der ersten Stunde, die den Stützpunkt leitet, nimmt die Wünsche und Anfragen der Opfer entgegen und leitet sie nach Brooklyn weiter. „Brauchen morgen dringend Wasserpumpen und Schläuche“, schreibt sie gerade per SMS an Steve, als Viola und Sandra ankommen, um Putzlappen, Bleiche und Müllsäcke abzuholen und zu verteilen. „Außerdem Arbeitshandschuhe und Rechen. Bitte keine Kleidung mehr.“ „Eigentlich waren wir von Anfang an eine Art Katastrophenhilfe“, sagt Christina in einer ruhigeren Minute. „Erst die Finanzkatastrophe von 2008 und jetzt das hier.“
Als Sandra und Viola über die Verranzano Bridge zurück nach Brooklyn fahren, dämmert es bereits. Die Skyline von Manhattan in der Ferne funkelt unwirklich im Abendhimmel. Als sie in der St. Jacobi Church ankommen, herrscht noch Hochbetrieb. Während im Hauptschiff der alten Kirche der Organist probt, werden im Keller eifrig Erdnussbutter-Brote geschmiert und Konserven ausgepackt. Auf der Treppe sitzt ein junger Occupier mit Rastalocken und weist eine neue Freiwillige ein.
Für viele New Yorker, die nicht in der Nähe der Katastrophenzone leben, ist Sandy schon fast wieder vergessen. Für Occupy hat die Arbeit hingegen gerade erst angefangen.

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