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Sandy - Wirbelsturm trifft New York
Naturkatastrophe in den USA: Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste.

30. Oktober 2012

Sandy New York: Die Nachwirkungen des Hurrikans

 Von Sebastian Moll
Versammelte Trümmer: Auf einem Fähranlege-Platz in New Jersey treibt der Sturm zusammen, was er in den Stunden zuvor mitgerissen hat. Foto: Reuters

Nach dem Hurrikan "Sandy" harren mehr als zweieinhalb Millionen Menschen ohne Strom aus, und nur wenige Unerschrockene feiern, dass die Büros geschlossen bleiben.

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New York –  

Der Montagabend am oberen Broadway begann beinahe wie jeder andere, die Restaurants rund um die Columbia University hatten geöffnet, und die Leute saßen unbeeindruckt beim Essen. Ein paar Supermärkte waren ebenfalls noch in Betrieb, bis 20 Uhr gingen Studenten dort ein und aus, um letzte Besorgungen zu machen. In den Kneipen ging es hoch her, wie sonst kaum an einem Werktag, schließlich musste am nächsten Tag wegen den Sturmwarnungen niemand zur Arbeit. Alleine die harschen Böen, die in regelmäßigen Abständen durch die Straße fegten und die Markisen über den Geschäften beinahe zum Zerreißen brachten, kündeten davon, dass sich über Manhattan etwas zusammen braut.

Bis zu diesem Zeitpunkt hofften die New Yorker noch, dass es mit dem Hurrikan „Sandy“ nicht anders wird als vor 14 Monaten mit „Irene“, dass außer den ungemütlichen Winden und starkem Regen nichts passiert. Dass am nächsten Tag das Leben wieder seinen gewohnten Gang geht. An diesem nächsten Tag wird Bürgermeister Bloomberg auf einer ersten Pressekonferenz verkünden, dass in New York zehn Menschen durch „Sandy“ ums Leben gekommen sind und man womöglich noch mit mehr Opfern rechnen müsse.

Alle, von Bloomberg bis Präsident Barack Obama, hatten davor gewarnt, „Sandy“ zu unterschätzen, sich nicht an die Evakuierungsmaßnahmen in der Flutzonen an der Lower East Side, in Brooklyn und in Queens zu halten.

Hatten wir alles schon

Das alles hatte man ja bei Hurrikan „Irene“ auch schon gehabt. Doch am Abend merkte auch der abgebrühteste New Yorker, dass „Sandy“ sehr viel ernster genommen werden musste. Erst wurden die Böen so stark, dass sich die Kunststofffenster in den Wohnungen bogen und die Kästen der Klimaanlagen, in die Wohnzimmer gedrückt zu werden drohten. Und dann kamen die Schreckensmeldungen aus Downtown, dem Süden Manhattans, Schlag auf Schlag.

„Bei mir flackert das Licht“, berichtete um kurz nach halb neun eine Bekannte aus dem East Village, kurz darauf meldeten Freunde aus dem West Village, dass es bei ihnen dunkel geworden ist. Eine Freundin, die in der Nähe des UN-Gebäudes wohnt, sah vom 18. Stock aus, wie das Wasser die First Avenue hinauf strömte: „Es ist eine große schwarze Flut“, erzählte sie am Telefon. „Das einzige Licht sind noch die Hecklampen eines Auto, und auch die verschwinden gerade in den Fluten.“ Bis zu viereinhalb Meter hoch sollen die Wassermassen in Küstennähe gewesen sein.

Als gegen 21 Uhr das Wasser seinen Höchststand erreicht hatte, war beinahe die Hälfte von Manhattan ohne Licht. Unterhalb der 39. Straße war die Insel gespenstisch dunkel. Auf der Westseite hatte die Elektrizitätsgesellschaft den Strom vorsichtshalber abgestellt, um andauernde Schäden am Netz zu verhindern, an der Ostseite war eine Trafostation geflutet worden und mit einem lauten Knall explodiert. Anwohner berichteten von einer grellen blauen Flamme, die über New York zischte.

Polizeiautos schwimmen durch den Finanzdistrikt

Vom Hudson River aus, der schon am Vormittag in die Parkanlagen entlang des Ufers geschwappt war, überspülten die Fluten die Schnellstraße, die die Westseite versorgt. Im Osten drückte der aufgewühlte Atlantik sowohl von der New Yorker Bucht als auch vom Long Island Sound auf den East River und ließ ihn sturzbachartig in die Straßen fließen.

Ebenfalls kurz nach 21 Uhr wurde gemeldet, dass vom alten Hafen im Osten das Wasser die Wall Street hinunter rinne. Nicht ganz frei von Schadenfreude stellten Mitglieder der Occupy-Bewegung Bilder von Polizeiautos ins Internet, die durch den Finanzdistrikt schwimmen. Kurz darauf ergoss sich der Fluss über weite Strecken der Szeneviertel Lower East Side und East Village.

Schlimmer noch erwischt es auf der anderen Flussseite das Brooklyner Viertel Red Hook. Der einstige Hafenarbeiter-Bezirk, in dem sich in den letzten Jahren die junge Brooklyner Boheme mit Kneipen und Künstlerlofts eingenistet hat, liegt tiefer als der Meerespegel und hat kaum einen Schutzwall vor dem Wasser. Die Tatsache, dass die Stadt den Flutschutz über viele Jahre nicht ernst genommen hat, wurde an dem Tag, an dem Sandy kam, für Red Hook zum Verhängnis.

Hurrikan-Partys in den Kneipen

Noch am Nachmittag hatten die Red Hooker hochmütig dem Sturm getrotzt, in den Kneipen wurden Hurrikan-Partys gefeiert. Um halb acht Uhr am Abend verwandelte sich die Feierstimmung dann jedoch in einen massiven Kater. Wie aus einem riesigen Eimer gegossen, rollte eine Flutwelle durch die Straßen von Red Hook, innerhalb von wenigen Minuten stand das Wasser ein halbes Stockwerk hoch. Die Keller waren im Nu geflutet, das Wasser drang in die Häuser. Wer jetzt noch entkommen wollte, musste durch das kalte Nass waten.

Von Norden Manhattans aus, wo das Ufer steil ist und die Straßen trocken geblieben waren, ergab sich derweil ein gespenstisches Bild. Vom höchsten Punkt zwischen dem Hudson River und dem East River blickte man in beide Richtungen in eine undurchdringliche Schwärze. Die Ortschaften von New Jersey auf der anderen Seite des Hudson waren ebenso ohne Elektrizität wie die Bronx auf der anderen Seite. Nur ab und an war in der Nacht das blaue Blitzen einer Explosion in einer Trafo-Station zu erkennen.

Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen im Großraum New York verbrachten diese Nacht ohne Strom. Und die meisten von ihnen haben sich darauf eingestellt, dass sie noch länger ohne Licht auskommen müssen. Auch wenn die harschen Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 280 Stundenkilometern schon in der Nacht abgeebbt waren, so blies „Sandy“ am Dienstag früh noch immer unangenehme Böen durch die Region. Bis die Arbeiten an den Hochspannungsleitungen beginnen, könnte es Tage dauern.

Besonders hart traf der Stromausfall das Langone Medical Center in Manhattan, ein Großkrankenhaus am East River in Höhe der 30. Straße. Das Hochwasser vom Fluss her überschwemmte auch die Notgeneratoren der Klinik, sämtliche 215 Patienten mussten evakuiert werden. So setzte sich gegen 22 Uhr vom Langone Center aus eine Prozession an Krankenwagen mit Blaulichtern durch die dunklen Straßen der Stadt in Bewegung, um die Kranken auf nahe liegende Kliniken zu verteilen, die noch Elektrizität hatten.

Nur noch ein Weg raus aus New York

Etwa um die gleiche Zeit wurde gemeldet, das es nur noch einen Weg aus New York heraus gebe, den Lincoln Tunnel, der von der 39. Straße aus nach New Jersey führt. Der Midtown Tunnel im Westen und der Brooklyn Battery Tunnel im Süden sind ebenso mit Wasser voll gelaufen wie die meisten U-Bahn Schächte der Stadt. Die großen Brücken wurden gesperrt, weil die Sturmböen es zu gefährlich machen, sie zu passieren. Lamar Graham, der Nachrichtenchef des Portals NewJersey.com, twitterte sarkastisch: „Manhattan ist jetzt wirklich wieder eine Insel.“

Das bekamen vor allem auch die Taxifahrer zu spüren. Um kurz vor Mitternacht patrouillierte der pakistanische Fahrer Azad Samiri den oberen Broadway auf und ab und sucht entlang des verlassenen Boulevards verzweifelt nach Kundschaft. „Ich wohne in Queens und habe keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen soll“, erklärte er. „Also kann ich genau so gut die ganze Nacht fahren.“

Doch das befahrbare Gebiet ist klein geworden. „Südlich der 39. Straße hat es überhaupt keinen Sinn mehr“, sagte Samiri. „Das ist das totale Chaos.“ Über die 34. Straße, wo er gerade her käme, würden jetzt die Wellen rollen. Weiter südlich sei es zu gefährlich, weil man nichts mehr sehen könne, was außerhalb des Lichtkegels der Scheinwerfer liegt. Außerdem fliege allerlei Unrat in der Luft herum, der jederzeit auf der Windschutzscheibe landen könne.

In der Dive Bar an der 101. Straße, einer kleinen modrigen Spelunke, hatte sich unterdessen ein Dutzend Gäste festgetrunken. Die Sturmmeldungen, die über den Plasmabildschirm hinter der Theke flimmern, interessierten mittlerweile kaum jemanden mehr. Und als ein Spaßvogel auf der Jukebox „Here Comes the Rain Again“ von Annie Lennox aussuchte, wurde prompt laut mitgegrölt und noch eine Runde bestellt. Schließlich muss am nächsten Morgen keiner zur Arbeit.

U-Bahn bleibt lahmgelegt

Die meisten Büros der Stadt blieben am Dienstag geschlossen, die Stromversorgung war noch immer nur sporadisch. Das U-Bahnnetz blieb bis auf weiteres lahmgelegt. Am Times Square, an dem an einem gewöhnlichen Werktag nicht einmal Fußgänger weiterkommen, konnten die Taxis ungehindert quer über die Fahrbahnen kreuzen. „Sandy“ hatte den Motor der Stadt, die sonst niemals inne hält, schwer ins Stottern gebracht.

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