Es kann dauern, bis sich in Vereinen die Prioritäten verschieben. "30 Jahre", sagt Lothar Herborn, der Präsident des Judo-Clubs Wiesbaden, "haben wir uns nur auf Leistungssport konzentriert." Als er 2003, noch ohne Präsidentenstatus, mit dem Vorschlag ankam, Judo speziell für behinderte Menschen anzubieten, sei er "belächelt" worden. Dabei eignet sich der "sanfte Weg", so die Übersetzung von Judo aus dem Japanischen, zum einen erwiesenermaßen gut für Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Funktionseinschränkung. Zum anderen war der Leistungssport im 1922 gegründeten Traditionsverein schon damals auf dem absteigenden Ast. 2005 zog Wiesbaden die Frauenmannschaft aus finanziellen Gründen aus der Bundesliga zurück, die Männer kämpfen in der ersten Liga seit Jahren ausschließlich gegen den Klassenerhalt, hoffnungsvolle Talente gibt es wenige.
Im vergangenen Jahr übernahm Herborn das Vereinsruder, nachdem er seit 2003 den Judosport für geistig und körperlich behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Verein kontinuierlich ausgebaut hat. Inzwischen steht die "Förderung der Behindertenarbeit Judo" ausformuliert in der Vereinsphilosophie. "Soziale Integration ist für uns nicht nur ein Wort", heißt es dort. "Im neuen Infofaltblatt unseres Vereins kommt das Behinderten-Judo sogar auf Seite eins", berichtet Herborn stolz.
Von Anfang an habe er gesagt: "Das ist ein Projekt, mit dem wir als Verein groß Flagge zeigen können." Heute hat der JC Wiesbaden knapp 30 Menschen mit einem Handicap integriert. Sie trainieren dienstags im Dojo der Sporthalle am Konrad-Adenauer-Ring, kämpfen bei Turnieren des Behindertensportverbands und legen Gürtelprüfungen ab. Studierende mit Wahlfach Behindertensport unterstützen das Training.
Vorbild BC Mühlheim
Zu den Vorbildern zählt der Budo-Club Mühlheim, in dem seit 1998 Menschen mit einem geistigen Handicap Judosport treiben und der im Vorjahr von der Schlappekicker-Aktion der FR für seine integrative Arbeit ausgezeichnet wurde. Dieses Jahr war der Judo-Club Wiesbaden dran. Eine seiner Besonderheiten: Inzwischen werden neben Judo und Aikido als weiterer Kampfsportdisziplin auch Basketball für Rollstuhlfahrer und Nordic Walking für geistig behinderte Menschen angeboten. Es macht sich bemerkbar, dass Lothar Herborn auch ehrenamtlicher Behindertensportbeauftragter der Stadt Wiesbaden ist. Jeden Freitag hält er im Sportamt ab 14 Uhr zwei Sprechstunden ab.
Den Rollstuhlbasketball unterrichten in Wiesbaden zwei speziell ausgebildete US-Amerikaner. Seit zwei Jahren bringt sich der JCW mit seinem integrativen Ansatz auch beim Feriensportangebot der Stadt ein, und die Ideen Herborns und seiner Frau Ulrike Stoll sprudeln weiter. Japanisches Bogenschießen aus dem Rollstuhl soll es geben sowie am Freitagabend "Judo für Frauen von Frauen" samt Betreuungsangebot für die Kinder. "Damit sollen auch Frauen mit Migrationshintergrund angesprochen werden", erläutert Stoll, die das neue Denken beim JC Wiesbaden gewissermaßen personifiziert. Sie engagiert sich bei den Integrationsprojekten, hat aber gleichzeitig als Bronzemedaillengewinnerin der Senioren-Weltmeisterschaft in der Altersklasse der 40 bis 44 Beziehung zum Leistungssport.