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Schlecker: Wege aus der Insolvenz

Die Rolle des flexiblen Nahversorgers könnte Schleckers Chance sein. Moderne Belieferungssysteme kosten allerdings Geld - Geld, das der Drogeriekette momentan fehlt. Ein Besuch in Strausberg, gut 30 Kilometer östlich von Berlin.

        

Etwas freundlicher: die modernisierten Schlecker-Filialen.
Etwas freundlicher: die modernisierten Schlecker-Filialen.
Foto: berliner zeitung/markus wächter

Trotz Eiseskälte stoppen die beiden älteren Damen auf einen Plausch, als sie sich auf dem Vorplatz des Südcenters begegnen. Es ist Vormittag. Unter den Passanten sind viele Rentner. Der Name Südcenter führt in die Irre, es handelt sich um einen übersichtlichen Flachbau mit einer Handvoll kleiner Läden. Dennoch: Hier, in Strausberg-Vorstadt, gut 30 Kilometer östlich von Berlin, gibt es noch das, was man unter Nahversorgung versteht: Netto-Discounter, Post-Filiale, Blumenladen, Kiosk, Apotheke, Friseur, Modeboutique und – ein Schlecker.

Vielleicht liegt es an der Tageszeit, dass die einzige Kundin eine ältere Dame mit Pelzkragen-Mantel ist. Es handelt sich um einen der neuen Märkte, die im Zuge der Modernisierung umgestaltet wurden: Neuer Schriftzug am Eingang, drinnen erinnern die breiten Gänge und die bunten Piktogramme für Körperpflege, Babyprodukte oder Schminke an die Märkte des Konkurrenten dm.

Kein Geld für Investitionen

Bei Schlecker heißt es intern, die Strausberg-Filiale sei eine „Goldgrube“. Auch Jochen Hiemeyer, Handelsexperte der IT- und Managementberatung Accenture, glaubt, dass eine Zukunft der insolventen Drogeriekette an Orten wie diesem liegen könnte: Am Rande mittelgroßer Städte wie der 26.000-Einwohner-Stadt Strausberg. Rund 6.000 Menschen leben in der Vorstadt. „Das Einzugsgebiet ist groß genug, um die nötige Kundenfrequenz zu erreichen, und die Konkurrenten Rossmann und dm sind zu weit entfernt, um gefährlich zu werden“, so Hiemeyer. „Wo die Konkurrenz unmittelbar vor Ort ist, hat Schlecker heute keine Chance.“ Stattdessen müsse sich die Kette auf ihre Stärke als Nahversorger konzentrieren.

Fragt man die Frau mit dem Pelzkragen, liegt er richtig. „Wir waren so froh, als der Schlecker im April hier reingezogen ist.“ Der alte Schlecker-Markt sei um die Ecke und deutlich kleiner gewesen. „Vielleicht ein Viertel des Neuen.“ Nach der Nachricht von der Insolvenz bangt sie um ihre Drogerie. „Die sollen uns den Markt lassen, sonst haben wir hier gar nichts mehr.“ Der Rossmann im Stadtzentrum sei zu weit entfernt und die S-Bahn teuer. Dann zahle sie lieber ein bisschen mehr für die Sachen bei Schlecker.

Blog des Personaldirektors

Kommunikation: Zu ungewöhnlichen Mitteln greift das Unternehmen Schlecker in der Krisenkommunikation: In einem Blog beantwortet Personaldirektor Alexander Boldt persönlich seit Montag die Fragen von Mitarbeitern zur Insolvenz. Sie sind unter www.schlecker-blog.com öffentlich zugänglich.
Sonderausgabe: Außerdem erscheint in dieser Woche eine Sonderausgabe der Mitarbeiterzeitung „Mittendrin“, in der über die Insolvenz informiert wird und Begriffe aus dem Verfahren erläutert werden.

Präsenz: Rund 6.000 Filialen und gut 30.000 Beschäftigte hat das Unternehmen aus dem schwäbischen Ehingen in Deutschland, hinzu kommen 680 Märkte mit 5.800 Mitarbeitern der Tochter Ihr Platz.

Ausland: Im europäischen Ausland – Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien und Polen – betreibt die Schlecker-Kette insgesamt weitere 3.000 Filialen.

Zu hohe Preise – das war aus Sicht von Branchenkennern ein Hauptgrund, warum die Strategie der neuen XL-Märkte nicht funktionierte, mit denen Schlecker 2010 versuchte, in das Segment von dm vorzudringen. Die Preise resultierten aus den hohen Kosten der Märkte, für die Schlecker einige hundert Filialen in Innenstadtlage anmietete. Die Konkurrenz jedoch war deutlich billiger, die hohen Erträge blieben aus. Für Hiemeyer ist die Kopie der Großflächenkonzepte von dm und Rossmann keine Lösung für Schlecker. „Es ist sinnlos, den Marktführern hinterherzugaloppieren“, sagt er. Der Wettbewerb in 1 A- und 1B-Lagen sei viel zu groß, als dass Schlecker die dafür nötigen Investitionen stemmen könnte. Das Konzept der Unternehmenstochter Ihr Platz mit ihrem größeren Sortiment an Beauty-Artikeln, Naturkosmetik und Dekorationauf die Schlecker-Märkte zu übertragen, hält Hiemeyer für ebenfalls schwierig, weil die Märkte in der Regel größer sind als die Schlecker-Filialen.

Die Kette müsse sich stattdessen auf ihre Kernkompetenz als Nahversorger besinnen. Jeder einzelne Markt wird nun angeschaut, um dann über seine Zukunft und Ausrichtung zu entscheiden. Hiemeyer geht davon aus, dass von den derzeit 6.000 bis 7.000 Filialen nochmals eine größere Zahl geschlossen werden muss. „Am Ende ist eine Größenordnung von 5000 bis 5500 Filialen vorstellbar.“ Es müsse nicht zwangsläufig die kleinen Filialen auf dem Land treffen. „Eine ländliche Lage ist nicht automatisch unprofitabel.“ Und auch in der Stadt könne sich ein Schlecker durchaus lohnen – wenn die Konkurrenz fehlt. Wie rentabel ein Laden ist, wird mit der Flächenproduktivität gemessen. Es darum, wieviel Umsatz pro Jahr ein Quadratmeter Verkaufsfläche abwirft. Bei dm liegt er bei 6.500 Euro, bei Schlecker bei 2.200 Euro, ermittelte das Handelsinstitut EHI.

Hunderte Filialen müssten modernisiert werden

In der Strausberger Vorstadt sind nicht alle gut auf den Schlecker-Markt zu sprechen. „Ich brauch’ den nicht“, sagt eine der beiden Damen auf dem Südcenter-Vorplatz. „Ich krieg’ alles beim Netto.“ Die andere wiegt den Kopf. Hin und wieder gehe sie schon mal zu Schlecker. Heute hat sie einen Sack Vogelfutter gekauft. In dem Laden seien selten mehr als ein bis zwei Kunden, sagt sie. „Da müsste was rein, was man wirklich braucht“, sagt die andere.

So, wie das Kurzwarengeschäft im Südcenter, das vor einiger Zeit dicht gemacht hat. Nähgarn gab es dort, solche Dinge. Die Mieten seien halt zu hoch, und es werde zu wenig gekauft, bedauert die andere. Den Grundbedarf der Kunden decken: Hier liegt aus Sicht von Handelsexperten wie Hiemeyer die Chance von Schlecker. Beim Sortiment in die Breite anstatt in die Tiefe gehen, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen Soll heißen: Anstatt zehn Haartönungen von fünf Marken anzubieten, lieber das Drogerie-Sortiment um ein Basis-Angebot an Nahrungsmitteln und Non-Food-Produkten – wie Kurzwaren – erweitern.

Und flexibler werden, sich auf die regionalen Besonderheiten einstellen. Wohnen etwa in der Nähe viele Familien mit Kindern, lohnt es sich, mehr Schreibwaren anzubieten. Eine Entwicklung, die Anton Schleckers Kinder Lars und Meike Schlecker noch eingeleitet hatten, die aber zu spät kam. Mehrere Mehrere hundert Filialen pro Jahr müssten nun Schritt für Schritt modernisiert werden, um den Kunden „in absehbarer Zeit wieder ein Einkaufserlebnis zu bieten“, so Hiemeyer. Je Markt könnten da 20.000 bis 30.000 Euro anfallen. Es ist klar, dass Schlecker einen Investor mit dem nötigen Kapital braucht.

Im Strausberger Schlecker ist das „Einkaufserlebnis“ derzeit getrübt. Die von den großen Lieferanten zugesagten Lieferungen sind offenbar noch nicht eingetroffen: Man sieht, dass die Waren in die Breite geräumt wurden, um Lücken zu vermeiden. Auch das bevorzugte Peeling der Dame mit Pelzkragen ist nicht vorrätig. „Kommen Sie am Donnerstag wieder, dann kriegen wir die nächste Lieferung“, sagt die Kassiererin. Dass die Schlecker-Märkte nur einmal wöchentlich beliefert werden, ist aus Sicht von Branchenkennern ein großes Problem.

Es setzt sich beim Thema Online-Handel fort. Schlecker begann früh mit dem E-Commerce und eröffnete 2000 seinen Internet-Shop. Eigentlich ein großer Wettbewerbsvorteil. Es habe aber an der Infrastruktur gehapert, um die Vorteile eines nahtlosen Zusammenspiels von Online und Stationär voll auszunutzen, sagt Jochen Hiemeyer. Bislang kann der Kunde etwa nicht online ein Produkt kaufen und direkt beim Markt um die Ecke abholen. Denn die Bestellung geht erst an das Zentrallager und von dort in den Markt. Das kostet Zeit. Ein modernes Belieferungssystem aufzubauen kostet aber Geld – das Schlecker nicht hat.

Die Konkurrenz schläft übrigens auch in Strausberg nicht. Demnächst soll im Stadtteil Hegermühle ein dm-Markt eröffnen. Hegermühle ist nur eine Haltestelle von der Vorstadt entfernt.

Autor:  Jutta Maier
Datum:  8 | 2 | 2012
Kommentare:  2
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