„Warum kriegen die Deutschen keine Kinder mehr?“ Das war die Ausgangsfrage der Forscher, wie Ines Imdahl vom Rheingold-Institut berichtet. Beim Weiterbohren seien sie dann darauf gestoßen, dass zu den bereits bekannten Ansprüchen moderner Mütter – die Kinder müssen besonders gut geraten, sie selbst alles unter einen Hut bekommen und dabei selbstverständlich attraktiv bleiben – eine neue Maxime gekommen ist: nämlich die, ganz locker zu bleiben. „Alles soll schön leicht aussehen“, so Imdahl zur Frankfurter Rundschau. „Das fanden wir relativ schockierend, weil es verdeckt, was die Frauen an Ängsten mit sich herumschleppen.“
„Kinderkriegen in Deutschland“ heißt die Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold, für die Psychologen mehr als 1000 Frauen befragt haben – zum Teil in Tiefeninterviews. Auf diese Weise sollten auch die unbewussten Einflussfaktoren bestimmt werden können.
Die Befragten - Mütter, Schwangere sowie junge Frauen mit und ohne Kinderwunsch – waren 20 bis 40 Jahre alt. sha
Und Ängste gibt es viele: Existenzangst, die Furcht, den Job zu verlieren, in Hartz IV abzurutschen – und immer noch die alte Angst, der Mann und Partner könnte gehen. Laut Imdahl haben die Forscher in ihren Interviews zwei zentrale Punkte ausgemacht. Erstens: Frauen haben kein Selbstverständnis als Mutter, fühlen sich hin- und hergerissen zwischen liebender Supermama und selbstbestimmter Erfolgsfrau. „Sie tun im Job so, als wäre alles wie vorher, haben aber gleichzeitig im Kopf, sich für das Kind komplett aufopfern zu müssen.“
Zweiter Punkt: Die Mütter haben ein festes Bild, wie ihre Kinder zu sein haben und glauben, sie könnten dies durch eigene Ruhe und Gelassenheit beeinflussen. Schreiende Bündel, die sich im Supermarkt auf den Boden werfen, sind nicht vorgesehen. „Die Mütter stellen sich vor, sie hätten es in der Hand, die Kinder zu formen.“ Das erzeugt weiteren Stress – und Schuldgefühle, wenn es dann doch anders läuft, das Kind in der Schule versagt oder gar Drogen nimmt. Dabei sind viele Frauen von ihrem Anspruchsideal der gelassenen Mutter sowieso weit entfernt: Nur zwei von fünf fühlen sich wirklich entspannt.
Was ist mit den Männern?
Und die Rolle der Männer? Auch wenn sie helfende Partner haben, fühlen sich 61 Prozent der Befragten allein verantwortlich fürs Kind. „Sie haben unterm Strich nicht das Gefühl, sich fallenlassen und zeigen zu können, wenn sie an ihre Grenzen stoßen.“
Bei der Arbeit treten die Mütter Imdahl zufolge oft nicht offensiv auf, geben etwa einen „Termin“ vor, wenn sie um vier zum Kindergartenfest müssen. „Sie wissen nicht, wie kommt das an, wenn ich die Wahrheit sage.“ Kinder ins Büro mitbringen – undenkbar.
Und der Ausweg aus der Misere? „Die Frauen müssen raus aus dieser Schizophrenie, im Job nur die Business-Frau zu sein und nicht die Mutter - und zu Hause umgekehrt“, fordert Imdahl. Geld ist gar nicht mal das Problem. Neben mehr Kinderbetreuung und besseren Wiedereinstiegsmöglichkeiten in den Job wünschten sich die Frauen vor allem eins: sich vom Ideal der perfekten Supermama verabschieden zu können.
Hildegard Müller, 43, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, Ex-Staatsministerin:
Ich hatte mich für eine „geteilte Elternzeit“ entschieden: Mein Amt als Staatsministerin samt aller Bezüge und Versorgungsansprüche habe ich ruhen lassen, das Bundestagsmandat und meine Parteifunktion hingegen behalten. Zum Beispiel bin ich schon sehr bald nach der Geburt meiner Tochter vor vier Jahren wieder zu CDU- Präsidiumssitzungen gegangen. Und ich habe von mir aus sehr viel dafür getan, um am Informationsfluss beteiligt zu bleiben – durch aktives Nachfragen und sehr viel Lesen. Eine komplette Abstinenz nach dem Motto „ich bin dann mal weg“ über zehn, 15 Monate – das wäre schwierig, auch wegen der Hektik des politischen Betriebs. Von Politikern wird jederzeit sofortige Reaktionsfähigkeit erwartet. Wer da befristet aussteigen will, muss sich also sehr gut organisieren. Mit dem Phänomen, dass andere scharf auf den eigenen Posten sein könnten, musste ich als Politikerin täglich umgehen.
Das ist keine Spezialität junger Mütter. Man muss sich dessen aber schon bewusst sein. Deshalb weiß ich genau, wovon Andrea Nahles redet, wenn sie Sorge vor einer zu langen Auszeit äußert. Nicht weil ich selbst negative Erfahrungen gemacht hätte, sondern weil ich weiß, wie groß der Druck ist. Und das scheinheilige Erstaunen über diese, ach so seltsamen Gedanken von ihr – das hätten sich die ganzen Kommentatoren ruhig sparen können. Eine Besonderheit für Mütter in der Politik ist die ständige Öffentlichkeit. Sie leben jeden Tag unter dem Mikroskop: „Wie macht sie das? Ist sie eine gute Mutter? Leidet ihr Job?“ Das macht die Sache schon noch mal schwieriger. Umgekehrt beobachte ich auch, dass Politiker ihr Privatleben zunehmend einsetzen, um politische Zwecke zu verfolgen – als Teil ihrer öffentlichen Selbstdarstellung. Damit setzen sie sich zusätzlich unter Druck.
Aufgezeichnet von Joachim Frank
Susanne T., 32, Finanzbuchhalterin:
Mein Lebensgefährte war der Hauptverdiener und für mich war klar, ich bleib erstmal zu Hause. Die Angst kam erst später. Als wir uns getrennt haben, bin ich von Teilzeit auf Vollzeit umgestiegen – aus finanziellen Gründen. Ich wollte unabhängig sein, auch um meinem Kind seine Wünsche zu erfüllen. Und ich wollte nicht so lange aus meinem Job raus. Ein richtig schlechtes Gewissen hatte ich trotzdem. Wenn der Kleine morgens geweint hat, und ich aus der Tür musste. Da habe ich schon überlegt, ob ich das als Mutter richtig mache.
Mein Sohn ist jetzt fast fünf und geht seit dreieinhalb Jahren in den Kindergarten von der Stadt Hamburg. Der ist von 6 bis 18 Uhr geöffnet, da klappt das Vollzeitarbeiten wunderbar. Ansonsten springen im Notfall meine Tante oder meine Cousine ein und holen ihn ab. Schwierig wurde es, als ich vor einem Jahr betriebsbedingt gekündigt wurde und mir etwas Neues suchen musste. Neun Monate war ich arbeitslos. Da wurde ich in Vorstellungsgesprächen gefragt, ob mein Sohn schon alle Kinderkrankheiten durch hat, oder ob ich nicht bis 20 Uhr arbeiten kann. Und bekam Absagen, wenn ich gesagt habe, nach 18 Uhr ist es schlecht. Heute bin ich zu 50 Prozent Mutter und zu 50 Prozent Berufstätige. Für das Frausein bleibt keine Zeit.
Aufgezeichnet von Nadja Erb
Lisa Ortgies, 44, TV-Moderatorin:
Während der Schwangerschaft hatte ich die Befürchtung, ich könnte jetzt ganz aus dem Job und aus dem gesellschaftlichen Leben kippen, sobald das Kind da ist. Mein Mann und ich haben damals hart verhandelt: Wer tritt zurück im Job? Wer reduziert seine Arbeitszeit um wie viele Stunden? Die erste Geburt war, trotz Stress und Komplikationen, ein großer Moment. Das ist jetzt acht Jahre her. Danach haben sich einige Dinge neu geordnet. Der Wiedereinstieg hat aber sehr gut geklappt: Nach drei Monaten habe ich Teilzeit gearbeitet, später aufgestockt. Ich hatte eine Babysitterin, die mir meine Tochter zum Stillen ins Büro gebracht hat, bis sie sechs Monate alt war.
Als sie fast ein Jahr alt war, hatten wir einen Platz in der Krippe. Am meisten wurde ich deswegen von anderen Müttern angefeindet. Obwohl die Männer oft dasselbe denken, es aber nicht aussprechen. Das zeigt sich dann eher beim Umgang im Job: Es gibt immer noch sehr viele männliche Vorgesetzte, die Frauen mit der Geburt des ersten Kindes gedanklich aussortieren. Nach dem Motto: „Die hat jetzt andere Prioritäten.“ Frauen haben dagegen die unfeine Gewohnheit, ihr eigenes schlechtes Gewissen und ihren Perfektionswahn auf andere Mütter zu projizieren. Als unser zweites Kind auf die Welt kam, waren mein Mann und ich entspannter.
Aufgezeichnet von Amrai Coen
Nastasja Becker, 26, Volontärin:
Ein Kind schon während des Studiums? Warum nicht, dachten mein damaliger Freund und ich. Als vor vier Jahren meine Tochter geboren wurde, hatte ich mir nicht vorgestellt, dass es mit sehr viel Stress und Organisation verbunden ist, Studium, Praktika, Nebenjob, Haushalt und Kind unter einen Hut zu bringen. Bereits vier Wochen nach der Geburt habe ich wieder die ersten Seminare an der Uni besucht. Problematischer wurde es am Ende meines Studiums. Auch wenn meine Uni als kinder- und familienfreundlich galt, konnte ich von dort keine Hilfe bei der Betreuung erwarten.
Mit Bafög zusätzlich zum Erziehungsgeld kam ich einigermaßen über die Runden. Hätte ich die Familie nicht, wüsste ich nicht, ob ich mein Studium überhaupt hätte abschließen können. Kita-Plätze sind in ländlichen Regionen rar und trotz Zuschüssen für Alleinerziehende unbezahlbar. Tagsüber kümmert sich jetzt meine 70-jährige Oma um meine Tochter.