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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

06. März 2009

"Wundersame Vermehrung": Bank von England spuckt frisches Geld aus

 Von PETER NONNENMACHER

Eine quantitative Lockerung des Finanzvolumens soll Britannien vor Krise schützen.

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London. Kurzarbeit? Auftragsmangel? In Debden in der englischen Grafschaft Essex bereitet man sich auf Überstunden vor. In der mächtigen Werkshalle der dortigen "Debden Sicherheits-Druckerei" werden aus Baumwolle, Silberfäden, 85 Farbtinten und anderen Ingredienzen die Banknoten der Insel hergestellt. Und von denen soll es sehr viel mehr geben, künftig. Das hat die britische Zentralbank beschlossen.

Dabei macht das in Debden produzierte Bargeld nur einen winzigen Teil des neuen, wundersamen Geldvermehrungs-Projekts aus. 97 Prozent aller Transaktionen in Britannien werden mittlerweile elektronisch abgewickelt. Außerdem möchte die Bank nicht gern den Eindruck erwecken, dass nun, etwa um Regierungsschulden zu tilgen, Geld gedruckt werde.

Lieber spricht man von einer "quantitativen Lockerung" des Geldvolumens. Das letzte, was Bank-Gouverneur Mervyn King bräuchte, wären Assoziationen mit Schubkarren voll wertloser Reichsmark-Noten, wie in der Weimarer Republik, oder mit Inflations-Katastrophen wie in Simbabwe, wo man auch für Milliarden nichts mehr kaufen kann.

Stattdessen will King der Insel-Wirtschaft auf begrenzte Zeit frisches Kapital einspritzen, um den in der Kreditkrise erlahmten Geldverleih im Lande wieder in Schwung zu bringen, und drohender Deflation zu wehren. Der gestern veröffentlichte Plan besagt, dass die Zentralbank öffentliche und private Wertpapiere in Höhe von 75 Milliarden Pfund ankaufen will, die mit neu geschaffenem Geld, mit "Geld aus blauem Himmel", bezahlt werden sollen. Später kann der Betrag auf 150 Milliarden aufgestockt werden.

Den Banken, die die betreffenden Papiere verkaufen, soll die Geldzufuhr helfen, dringend benötigte Kredite für ihre Kunden bereit zu stellen. Damit soll Wirtschaftsaktivität stimuliert werden. Zugleich soll es billiger werden, Kredite aufzunehmen. Zu der Entscheidung, es mit solcher "quantitativen Lockerung" zu versuchen, gelangte der Finanzrat der Bank von England jetzt, nachdem er praktisch sein letztes Zins-Pulver verschossen hatte. Zum sechsten Mal binnen sechs Monaten senkte die Bank am Donnerstag ihren Zinssatz, diesmal von einem auf ein halbes Prozent.

Umstritten sind die Erfolgsaussichten der radikalen Maßnahme. Eine Gefahr sehen Experten darin, dass die bewilligten Beträge zu gering sein könnten - dass Banken mit dem erhaltenen Geld ihre schwache Kapitalbasis untermauern, es schlicht nicht an ihre Kunden weitergeben. Das andere Extrem wäre eine Inflation.

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