Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

13. Februar 2010

Betrug, Untreue, versuchte Nötigung: Kriegserklärung an Großbank

 Von Matthias Thieme
Betrogener Millionär zeigt sein Gesicht, will aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Foto: Argum

Vom Multimillionär zum Tellerwäscher: Ein ehemals schwerreicher Mann bezichtigt die Großbank UBS, ihm Angebote zur Steuerhinterziehung offeriert zu haben. Die Hauptvorwürfe: Betrug, Untreue, versuchte Nötigung. Von Matthias Thieme

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Vor zwei Jahren war Hans Sielert* noch ein schwerreicher Mann. Sein Vermögen bei der Großbank UBS belief sich 2008 auf rund 50 Millionen Euro. Im Strudel der Finanzkrise wurden daraus innerhalb weniger Wochen zwischenzeitlich 250 Millionen Euro Verlust. Heute soll Sielert der UBS noch rund sieben Millionen Euro schulden.

Doch der Multimillionär, der lange in Südamerika tätig war, sieht sich betrogen. Jetzt packt er aus und redet über die Aktionen der Bank: "Ich hätte niemals gedacht, dass die UBS eine Spielhölle ist", sagt der Großunternehmer und schickt seine Anwälte los - es könnte für die Bank eine teure und äußerst peinliche Auseinandersetzung werden.

Bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft hat der Unternehmer Strafanzeige gegen das Management der deutschen UBS-Filiale eingereicht. Die Hauptvorwürfe: Betrug, Untreue, versuchte Nötigung. "Die Bank hat das Depot ohne Wissen des Kunden in eine Art Hedge-Fonds verwandelt", sagt Johannes Fiala, ein Anwalt des Unternehmers. "Das war graue Vermögensverwaltung."

Das Verlustrisiko sei ins Unendliche gesteigert worden, während Banker Sielerts Vermögen hektisch rund um den Globus jagten. Ein einziger UBS-Banker habe mit dem Geld täglich bis zu 1500 offene Optionen gehandelt, so der Anwalt. Dabei habe Sielert nur einen Beratungsvertrag mit der Bank geschlossen und keinen Vermögensverwaltungskontrakt.

"Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Bankenrecht, aber derartige Systemfehler in einer Bank sind mir noch nicht untergekommen", sagt Anwalt Fiala. Für ihre Tätigkeit habe die Bank jährlich rund eine Million Euro an Gebühren kassiert. Jetzt ist alles Geld weg. Man glaube nicht einmal, dass die Rechnungslegung der Bank korrekt sei, sagt der Anwalt. "Das Zahlenwerk der Bank erscheint uns nicht stimmig, das Ausmaß der Management-Fehler ist unbeschreiblich", sagt auch Anwalt Gerhard Bink, der den Millionär strafrechtlich vertritt. Die Überprüfung wird schwierig: Für einzelne Tage gibt es mehr als 100 Seiten Kontoauszüge.

Ob die Bank es auf einen langen Rechtsstreit ankommen lässt ist fraglich, denn die Anwälte haben noch mehr Pfeile im Köcher: "Wir stehen in Kontakt mit ehemaligen UBS-Mitarbeitern und Kunden, denen es ähnlich ergangen ist", sagt Fiala. Die UBS könne davon ausgehen, dass es Informanten gebe, die brisante Bank-Interna auspacken wollen.

Gravierende Probleme im Handel

Sielerts Forderung nach dem Ausgleich seiner Anlageverluste weise die UBS Deutschland AG zurück, teilt die Bank mit. Doch die Nervosität steigt, denn es ist ein interner Bank-Report an die Öffentlichkeit gelangt, der der FR vorliegt. In dem geheimen Papier heißt es, die UBS habe 2008 mit "gravierenden Problemen im Handel" zu kämpfen gehabt, weil sie "nicht mehr in der Lage war, die überwältigende Zahl von Aufträgen zu bewältigen".

In weiteren Bank-Unterlagen geht es um andere brisante Dinge: Als Großunternehmer Sielert aus Krankheitsgründen nach vielen Jahren aus Südamerika in sein Haus am Tegernsee zurückkehrt, warnt die Bank: "Es besteht das Risiko, dass Sie in Deutschland Steuerwohnsitz begründet haben", heißt es in einem UBS-Schreiben, "weshalb sehr rasches Handeln nötig ist". Sonst drohe "unbeschränkte Steuerpflicht" in Deutschland, "was erhebliche finanzielle Folgen hätte". Dies sei ein "leider düsteres Bild", meint die Bank und verspricht Abhilfe.

"Wie im Gespräch bereits angetönt, stellt sich die Frage, ob eine Wohnsitznahme in der Schweiz nicht doch in Frage käme", schlägt die UBS vor und schreitet schließlich zur Tat. Das Institut mietet im Mai 2006 in Zürich eine Dreizimmerwohnung an, holt eine Aufenthaltsbewilligung ein und beantragt Pauschalbesteuerung in der Schweiz. Der deutsche Fiskus soll dank dieser Scheinadresse keinen Cent bekommen.

"Mein Mandant wollte niemals in die Schweiz ziehen", sagt Anwalt Fiala. "Die UBS hat ihn in die Irre geleitet - wir haben den Verdacht, dass die UBS Täter bei dieser versuchten Steuerhinterziehung ist." Nachdem es zum Konflikt zwischen Kunde und Bank gekommen war, habe ein UBS-Anwalt Sielert mit einer Anzeige wegen Steuerhinterziehung in Deutschland gedroht, so der Anwalt. Sielert sei dem zuvorgekommen und habe seine Steuern nacherklärt - bis zu 40 Millionen Euro wird er zahlen müssen.

Zu den Vorwürfen habe die UBS eine interne Untersuchung eingeleitet, teilt die Bank mit. Sollten sich diese erhärten, werde man "Maßnahmen ergreifen".

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