Peking. Wirtschaftskrise - war da was? Betrachtet man die chinesischen Wachstumszahlen, scheint 2009 in der Volksrepublik ein Boomjahr wie jedes andere gewesen zu sein: 8,7 Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vergangenes Jahr zu und lag damit nicht weit unter dem Vorjahreswert von 9,6 Prozent.
Wie das Nationale Statistikbüro am Donnerstag in Peking mitteilte, boomte die Volksrepublik im vierten Quartal sogar im zweistelligen Bereich, und zwar mit 10,7 Prozent. Angesichts der hohen Dynamik steht China unmittelbar davor, Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht nach den USA abzulösen. Die offiziellen japanischen Konjunkturzahlen für 2009 stehen noch aus. Gleichzeitig haben die Chinesen den Deutschen den Titel des Exportweltmeisters abgenommen.
Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen.
Doch von Titeln kann man sich nichts kaufen, und Wachstumszahlen sind nur ein unzureichender Maßstab für die Gesundheit eines Wirtschaftssystems. Auch wenn bei der Regierung Erleichterung herrscht, dass die magische Wachstumsmarke von acht Prozent, die in Peking als Minimum für die Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität gilt, eingehalten wurde, haben die Wirtschaftsplaner Sorgen, ob der Aufschwung tatsächlich nachhaltig ist.
Ermöglicht wurde er vor allem von Investitionsprogrammen und großzügiger Kreditvergabe durch die Staatsbanken, die umgerechnet 400 Milliarden Euro in das System pumpten. Doch die konjunkturelle Erste Hilfe ist längst nicht überall in zukunftsträchtige Projekte geflossen. Ein beträchtlicher Teil des Geldes, das für Straßen, Kraftwerke oder Schulen budgetiert war, floss tatsächlich in Spekulationen auf dem Aktien- oder Immobilienmarkt. Infolgedessen hat sich auch der Inflationsdruck deutlich erhöht.
Die Lebenshaltungskosten für die chinesischen Verbraucher lagen im Dezember um 1,9 Prozent über dem Vorjahreswert. Sie stiegen damit den zweiten Monat in Folge, nachdem sie zuvor neun Monate lang gesunken waren.
Die Weltbank warnt in einem aktuellen Bericht vor "Zeichen von Blasen", insbesondere auf dem Wohnungsmarkt. Es bestehe eine "Verletzlichkeit durch zu viele Konjunkturanreize", erklärte Weltbankökonom Hans Timmer. "Den chinesischen Behörden ist das sehr bewusst."
Die Regierung steht erneut vor einem alten Problem, das vor der Finanzkrise jahrelang als die größte - und bisher ungelöste - Aufgabe der Wirtschaftssteuerung galt: Nicht alles Wachstum ist gutes Wachstum. Ein überproportionaler Anteil des BIP stammt aus Investitionen, die zum Teil in Sektoren mit beträchtlichen Überkapazitäten oder Umweltproblemen fließen. Experten fordern seit Monaten ein Ende der Politik des billigen Geldes, doch der Geldhahn blieb auch dann noch aufgedreht, als die Preise von Aktien und Wohnungen im vergangenen Sommer wieder in die Höhe zu schnellen begannen.
Doch damit soll nun Schluss sein. Am Mittwoch kündigte Bankenaufsichtschef Liu Mingkang eine Einschränkung der Kreditvergabe an. Die Zentralbank erhöhte die Rendite für dreimonatige Schatzwechsel sowie die Mindestreserven für Geschäftsbanken. Einigen großen Instituten wie der China Merchants Bank oder der Agricultural Bank of China wurde sogar bis Ende Januar die Vergabe neuer Kredite untersagt - eine Maßnahme, die nicht für das staatliche Vertrauen in das Finanzsystem spricht.
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