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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

09. November 2011

Commerzbank: Zurück auf Los

 Von Anna Sleegers
Bevor der Blitz einschlägt: Die Commerzbank braucht den Staat. Foto: dpa

Die Ratingagentur Fitch warnt: Die Commerzbank könnte neue Staatshilfen brauchen. Die Börse reagiert prompt mit Kursverlusten.

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Die Abnabelung vom Staat bleibt für die Commerzbank wohl vorerst ein Wunschtraum. Die Analysten der Ratingagentur Fitch warnen, dass das zweitgrößte deutsche Geldhaus möglicherweise schon im nächsten Jahr wieder beim Bankenrettungsfonds Soffin anklopfen muss. Das wäre bitter für das Institut, das erst im Frühjahr einen Großteil der in der Bankenkrise erhaltenen Staatshilfen zurückgezahlt hat. Der Bund ist jedoch mit 25 Prozent plus einer Aktie noch immer Hauptaktionär.

An der Börse kam es am Dienstag zu Kursverlusten bei der Commerzbank – und das obwohl andere Bankaktien deutlich zulegten. Die Commerzbank leidet heftig an den Folgen der Eurokrise. Denn vor allem über ihre Staatsfinanzierungstochter Eurohypo hat die Commerzbank griechische, spanische, irische, italienische und portugiesische Staatsanleihen im Wert von rund 13 Milliarden Euro in den Büchern stehen. Der anhaltende Kursverfall dieser Papiere, aber auch der Forderungsverzicht, den die Banken Griechenland in Aussicht gestellt haben, schmälern den Gewinn.

Angesichts eines Verlusts von knapp 700 Millionen Euro im abgelaufenen dritte Quartal ist der angepeilte Jahresgewinn von vier Milliarden Euro in unerreichbare Ferne gerückt. Unter dem Strich hat das Institut in den ersten neun Monaten des Jahres gerade einmal 322 Millionen Euro verdient.

Es geht ums Überleben

Doch nie brauchten die Banken so dringend hohe Gewinne wie heute. Und zwar nicht, um die Aktionäre mit hohen Dividenden und die Top-Manager mit großzügigen Bonuszahlungen zu beglücken. Es geht schlicht ums Überleben. Denn um zu verhindern, dass das Bankensystem unter der Eurokrise zusammenbricht, haben die Bankenaufseher den Geldhäusern höhere Kernkapitalquoten verordnet. Zum 30. Juni müssen die europäischen Banken eine Kernkapitalquote von neun Prozent aufweisen. Andernfalls droht ihnen der Entzug der Banklizenz.

Die Kernkapitalquote ist eine Kennziffer, aus der sich ablesen lässt, mit wie viel eigenen Mittel ein Geldhaus seine Kredite unterlegt. Bei ihrer Berechnung wird auch berücksichtigt, wie riskant die jeweiligen Geschäfte sind. Je riskanter ein Geschäft ist, desto mehr Eigenkapital muss die Bank dafür vorhalten.

Weil die Banken die Kundendaten mit Diskretion behandeln müssen und weil sie sich nicht in die Karten schauen lassen wollen, ist die Berechnung der Kernkapitalquote nicht sehr transparent. Gemeinsam mit ihren Wirtschaftsprüfern errechnen die Institute die risikogewichteten Aktiva, also die Summe der unterlegungspflichtigen Geschäfte. Im Falle der Commerzbank lag diese per Ende September bei 244,2 Milliarden Euro. Dafür hat das Institut nach eigenen Angaben Eigenmittel im Wert von 23 Milliarden Euro vorgehalten. Das entspricht einer Quote von 9,4 Prozent, womit die Anforderungen der Aufsichtsbehörde nach heutigem Stand erfüllt wären.

Kreditvergabe in Gefahr

Doch wegen der Einbrüche am europäischen Anleihenmarkt sieht die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA zusätzlichen Kapitalbedarf. Die deutschen Banken, die am Stresstest teilgenommen haben, benötigen nach EBA-Berechnungen insgesamt 5,2 Milliarden Euro. Allein die Commerzbank muss nach eigenen Angaben 2,9 Milliarden Euro aufbringen, um die EBA-Kontrolleure zufriedenzustellen.

Um dieses zusätzlich geforderte Kernkapital aufzubauen, hat die Commerzbank verschiedene Möglichkeiten. Sie kann entweder die risikogewichteten Aktiva , also die Kreditvergabe, zurückfahren. Commerzbank-Chef Martin Blessing will das Neugeschäft der Eurohypo und die Kreditvergabe außerhalb Deutschlands und Polens vorerst auf Eis legen. Ob das ausreicht, ist nach Einschätzung der Fitch-Analysten fraglich. Sie weisen darauf hin, dass die risikogewichteten Aktiva sogar gestiegen sind.

Aber auch aus volkswirtschaftlicher Sicht ist dieser Weg zweifelhaft. Denn ob nicht auch die Kreditvergabe der Commerzbank an heimische Unternehmen leidet, lässt sich schwer kontrollieren. Angesichts zunehmender Konjunktursorgen werden die Banken bei der Kreditvergabe ohnehin vorsichtiger. Ohne Kredite können die Unternehmen nicht mehr investieren, was die Konjunkturaussichten weiter eintrübt.

Besser wäre es, wenn die Commerzbank für den Aufbau des Kapitalpolsters Gewinne einbehalten könnte. Bislang erwarten die Analysten für 2012 einen Gewinn von 2,9 Milliarden Euro. Das kann sich im Falle eines Konjunktureinbruchs aber rasch ändern.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die Commerzbank den Kapitalmarkt anzapft. Doch diese Karte zog das Institut bereits im Frühjahr, als es neue Aktien im Wert von elf Milliarden Euro verkaufte, um den Teilausstieg des Bundes zu kompensieren. Seither befinden sich die Bankaktien im freien Fall. Nicht nur bei Fitch hält man weitere Kapitalerhöhungen daher für unrealistisch. Die Analysten halten es daher nicht für unwahrscheinlich, dass der Bund noch einmal für die Commerzbank in die Bresche springen muss.

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