Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index.
Die großen Deregulierer: Christian Wulff, Peer Steinbrück, Horst Seehofer, Sigmar Gabriel, Olaf Scholz
Foto: fr/ddp/dpa/afp/rtr
Die großen Deregulierer: Christian Wulff, Peer Steinbrück, Horst Seehofer, Sigmar Gabriel, Olaf Scholz
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Spätestens seit der Finanzkrise ist das Wort "Deregulierung" in der deutschen politischen Debatte verbrannt sind sich doch heute Volkswirte wie Politiker weitgehend einig, dass es mangelnde staatliche Aufsicht und zu laxe Regeln waren, die der Weltwirtschaft die schwerste Krise seit 80 Jahren beschert haben. Und die öffentlichen Haushalten ächzen unter der Krisenlast von mehreren Hundert Milliarden Euro.
Selten hat sich ein Sinneswandel so schnell vollzogen: Nicht einmal vier Jahre ist es her, dass viele Politiker in Deutschland gar nicht rasch genug den staatlichen Einfluss über die Wirtschaft abbauen wollten.
Noch im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2005 schrieb die CDU/CSU: "Wir entschlacken die Vorschriften zum Kreditwesengesetz und führen die bestehende Überregulierung bei der Bankenaufsicht auf das notwendige Maß zurück."
Das Lockern von Regeln auf den Finanzmärkten war dabei nur ein Teil der breiten Deregulierungs-Agenda: Zumindest Union und FDP forderten den Abbau von Schutzvorschriften auf dem Arbeitsmarkt, etwa den Kündigungsschutz.
Die großen Deregulierer - und ihre Sprüche
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Die großen Deregulierer - und ihre Sprüche
Wir zeigen in aufsteigender Reihenfolge, zu wie viel Prozent sich Politiker und Wirtschaftsweise vor der Krise für eine Deregulierung des Marktes ausgesprochen haben.
0,0 Prozent: Grünen-Chefin Claudia Roth:
"Wir fordern die Bundesregierung und die anderen führenden Industrienationen auf, die Transparenzvorschriften bei Hedge Fonds deutlich zu verschärfen, damit die Finanzaufsichtbehörden in der Lage sind, rechtzeitig Fehlentwicklungen zu bemerken."
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0,0 Prozent: Die Linke-Parteichef Oskar Lafontaine:
"Wir brauchen eine Kontrolle des internationalen Kapitalverkehrs, um das Weltspekulationskarussell zu beenden."
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0,0 Prozent: Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Kurz Beck:
"Aber es ist doch klar, dass wir als größtes Wirtschaftsland in Europa und Exportweltmeister uns nicht außerhalb der internationalen Finanztransfers stellen wollen und können."
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22,5 Prozent: SPD-Chef Franz Müntefering:
"Auf Dauer brauchen wir aber sozial akzeptable Regeln, um die Risiken, die sich aus dieser neuen Finanzindustrie ergeben, zu begrenzen..."
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33,3 Prozent: Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Jürgen Rüttgers:
Jürgen Rüttgers forderte eine Liberalisierung Hedgefonds und Krankenversicherungen, aber trotzdem einen gesetzlichen Kündigungschutz und eine Regulierung von Managergehältern.
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48,0 Prozent: Arbeitsminister Olaf Scholz:
"Kündigungsschutz, Betriebsverfassung und Mitbestimmung in Unternehmen bleiben, wie sie sind. Sie sind keine Wachstumshemmnisse, sondern stärken die Beschäftigung in Deutschland."
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50,0 Prozent: Umweltminister Sigmar Gabriel:
"Die Mitbestimmung ist ein echtes deutsches Erfolgsmodell."
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50,0 Prozent: Bayrischer Ministerpräsident Horst Seehofer:
"Ansonsten halte ich die Tarifautonomie für ein hohes Gut"
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55,0 Prozent: Finanzminister Peer Steinbrück:
"Eine direkte Regulierung der Hedgefonds ist allerdings auch nicht unbedingt zwingend, wenn sich der indirekte aufsichtsrechtliche Ansatz bewährt, der auf Marktdisziplin baut und beim Risikomanagement der regulierten Geschäftspartner der Hedgefonds ansetzt."
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66,7 Prozent: Ministerpräsident von Niedersachsen Christian Wulff:
"Weniger Staat. Niedrigere Staatsquote, flexibleres Arbeits- und Tarifrecht. Wir brauchen einen Arbeitsmarkt, der den Namen "Markt" verdient."
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70,8 Prozent: Bundeskanzlerin Angela Merkel:
"Sie wissen, ich bin gegen eine gesetzliche Begrenzung von Managergehältern."
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75,0 Prozent: Hessischer Ministerpräsident Roland Koch:
"Wir müssen es den Unternehmen ermöglichen, längere Arbeitszeiten zu vereinbaren und mehr befristete Arbeitsverhältnisse bei Neueinstellungen eingehen zu können."
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81,3 Prozent: Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos:
"Um die Konjunktur zu stützen, brauchen wir Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt."
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87,5 Prozent: Ministerpräsident von Baden Würtemberg Günther Oettinger:
"Wir brauchen weit mehr marktwirtschaftliche Impulse im Gesundheitswesen."
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100,0 Prozent: FDP-Chef Guido Westerwelle:
"Wir werden nach dem Wahlsieg 2006 die Gewerkschaftsfunktionäre entmachten. Wir werden das starre Tarifvertragssystem aufbrechen."
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62,5 Prozent: Wirtschaftsweiser und Ökonom Peter Bofinger:
"Anders als gelegentlich behauptet gehen von den Aktivitäten sowohl der Hedge-Fonds als auch der Private-Equity-Gesellschaften keine wesentlichen Risiken für Unternehmer oder Anleger aus." (Sachverständigenrat-Gutachten 2005, S. 492)
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87,5 Prozent: Ex-Wirtschaftsweiser und Berater der Regierung Bert Rürup:
"Die Politik sollte den Kurs der Liberalisierung und Modernisierung des deutschen Finanzplatzes zügig fortsetzen, um die Chancen von neuen Finanzinstrumenten nutzbar zu machen." (SVR-Gutachten 2005)
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87,5 Prozent: Wirtschaftswissenschaftlerin und Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro:
"Für die Europäische Union sollte früher oder später ein einheitliches Aufsichtssystem geschaffen werden, das sich an den dezentralen Strukturen des Europäischen Systems für Zentralbanken orientieren könnte." (SVR-Gutachten 2007)
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87,5 Prozent: Wirtschaftsweiser und Ökonom Wolfgang Franz:
" Nach den bisherigen Überlegungen scheint solch ein gradueller Wandel hin zu einer privaten Beteiligung an öffentlich-rechtlichen Banken keine Verschlechterung der gegenwärtigen Zielerreichung zu bedeuten. Gleichzeitig würde dies die finanzpolitischen Optionen der Träger erweitern und könnte zu einer Entflechtung von Politik und Bankgeschäft beitragen." (SVR-Gutachten 2004)
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87,5 Prozent: Wirtschaftsweiser Wolfgang Wiegard:
"...dass betriebsbedingte Kündigungen generell zulässig sein sollten und stattdessen ein von der Dauer der Betriebszugehörigkeit abhängiger, verbindlicher Abfindungsanspruch gewährt wird." (SVR-Gutachten 2006)
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100,0 Prozent: Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Klaus Zimmermann:
Zimmermann setzte sich vor allem für eine Liberalisierung des Kündigungsschutzes, der Krankenversicherungen und der Zeitarbeit ein.
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100,0 Prozent: Präsident des Ifo-Instituts Hans Werner Sinn:
"Ich sagte schon, dass die Marktwirtschaft nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach Knappheit entlohnt. Die deutschen Bezüge sind aus Sicht von Otto Normalverbrauchern hoch, im Vergleich zu den USA und den angelsächsischen Ländern aber eher bescheiden."
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100,0 Prozent: Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Dennis J. Snower:
"Sobald wir anfangen uns abzukapseln - durch Mindestlöhne, erweiterten Kündigungsschutz und ähnliche Schutzmaßnahmen - erdrosseln wir entweder die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen oder zwingen sie, ins Ausland zu flüchten."
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100,0 Prozent: Arbeitsmarktforscher Christoph Schmidt:
Auch Christoph Schmidt sprach sich für eine Deregulierung der Bereiche Kündigungsschutz, Flächentarife und Krankenversicherung aus.
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100,0 Prozent: Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle Ulrich Blum:
Auch Ulrich Blum vom IfWH plädierte für eine Liberalisierung von Krankenversicherungen und Zeitarbeit.
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100,0 Prozent: Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts Thomas Straubhaar:
"Weder strengere Gesetze noch schärfere Kontrollen können menschliches Fehlverhalten und Fehlentscheidungen verhindern. Je mehr Führungskräfte durch Gesetze gebunden und geknebelt werden, umso weniger fühlen sie sich moralisch für ihr Verhalten verantwortlich, weil sie sich vor allem als Ausführende, weniger aber als Anführer verstehen." (HWWI Standpunkte August 2007) - Sehen Sie auch: Der Deregulierungsrat im FR-Experten-Check.
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Darf die Finanzwelt machen, was sie will? Oder muss der Staat regulierend eingreifen? Der Streit darüber ist alt, die Positionen dazu sind in jüngster Zeit aber überraschend neu. Wir erinnern an frühere Stellungnahmen - von Politikern und Ökonomen. (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung)
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Schuldenkrise
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Fotostrecken Wirtschaft
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SPD und Grüne waren in der rot-grünen Koalition nicht nur für den Rückbau des Sozialstaates im Rahmen des Reformpaketes "Agenda 2010" verantwortlich, sondern lockerten auch die Regeln etwa für Hedge-Fonds in Deutschland. Unterfüttert wurde all dies von entsprechenden Empfehlungen renommierter Wirtschaftswissenschaftlern.
Kaum ein Politiker vertritt heute noch solche Thesen im Gegenteil. Jeder will schon immer gewusst haben, dass eigentlich der Finanzsektor deutlich mehr, nicht weniger Aufsicht braucht. Kanzlerin Angela Merkel verweist so zwar regelmäßig auf ihre Forderungen beim G8-Gipfel in Heiligendamm, verschweigt indes die Forderungen aus ihrem Wahlprogramm 2005.
Um den Bürgern vor der aktuellen Wahl einen Überblick zu geben, welcher Politiker und welcher Politikberater in den fünf Jahren vor der Krise, die im Sommer 2007 begann, tatsächlich undifferenziert Deregulierung gefordert hat und bei welchen Politikern sich eher ein ausgewogener Forderungskatalog findet, hat die Hans-Böckler-Stiftung eine entsprechende Studie bei mir in Auftrag gegeben.
Dabei wurde nicht nur die Frage nach der Finanzmarktderegulierung untersucht, sondern alle wirtschaftspolitisch aktuellen Fragen mit einbezogen, von der Debatte um die Lockerung des Kündigungsschutzes zur Frage nach mehr privater Vorsorge bei Renten- und Krankenversicherung bis hin zum Abbau des Flächentarifs und der Begrenzung von Manager-Gehältern.
Für die Studie wurden dazu Reden, Gastbeiträge und Interviews führender Wirtschaftspolitiker in 34 tonangebenden deutschen Tages- und Wirtschaftsmedien ausgewertet. Aus diesen Daten wurde ein Index errechnet, der angibt, wie deutlich sich eine Persönlichkeit für Deregulierung stark gemacht hat.
Ein Wert von 100 Prozent bedeutet, dass der entsprechende Politiker sich in allen untersuchten Themenfeldern für einen Rückbau des Staates ausgesprochen hat, ein Wert von null, dass er bei keiner der untersuchten Fragen für weniger Staat plädierte.
Das Ergebnis: Viele Politiker vor allem von Union und FDP waren radikal für den Rückbau des Staates in allen Bereichen. Und: Volkswirte in Deutschland waren weit einmütigere Verfechter von einem radikalen Rückbau des Staates als die meisten Politiker.
Insgesamt war unter den Politikern erwartungsgemäß Guido Westerwelle von der FDP der vehementeste Deregulierungsverfechter. In der Auswertung findet sich keine einzige Äußerung, wo der FDP-Politiker sich für mehr Gesetze, Kontrolle oder Staat eingesetzt hätte.
Ihm folgen in der Rangliste Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) mit einem Deregulierungs-Index-Wert von 87,5 Prozent und Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) mit einem Wert von 81,3 Prozent.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, Oskar Lafontaine und die führenden Forscher abschneiden.