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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

04. September 2012

Euro-Krise: Das Märchen von den Griechen

 Von Stephan Kaufmann
Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen. Foto: dapd/Timur Emek

Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen. Es geht um „Lügen“, „Sorgen“ und der teuren „Rettung“. Dahinter verbergen sich knallharte Interessen.

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Zur Krise Griechenlands kursieren zwei Erzählungen. Die eine ist ökonomisch. Sie handelt von Schuldenquoten und Krediten, von Zinsaufschlägen und Haushaltsdefiziten. In der anderen Erzählung geht es um große Gefühle: um missbrauchtes Vertrauen, um Ängste und Hoffnungen, um Lügen, Verschwendung, um gebrochene Versprechen und gerechte Strafe. Politiker erzählen diese Geschichte zuweilen dem Volk, das sie weitererzählt.

Diese Geschichte ist ein Märchen. „Allen Märchen liegt eine feste Handlungsstruktur zugrunde, unabhängig von ihrem Inhalt“, so die Online-Enzyklopädie Wikipedia. „Diese Struktur erfüllt bestimmte Funktionen, die mit ’archetypischen’ Akteuren verbunden sind (zum Beispiel Held, Gegenspieler, Helfer). Gut und Böse werden im Märchen in der Regel klar getrennt. Am Ende eines Märchens wird das Gute belohnt und das Böse bestraft.“

Das Griechen-Märchen geht ungefähr so: Die Griechen haben gelebt und gewirtschaftet, ohne aufs Geld zu achten. Mit List und Tücke haben sie sich in die Euro-Zone geschummelt. Die gerechte Strafe ereilte die Nation in Form der Schuldenkrise, als die Finanzmärkte das Vertrauen in Griechenland verloren. In ihrer Not wandten sich die Griechen an ihre Freunde in der EU, die ihnen zur Hilfe eilten. Als Gegenleistung für dieses Opfer forderte man Maßnahmen von den Griechen, die zwar schmerzhaft, aber zu ihrem eigenen Besten waren.

Doch die Griechen wollten nicht hören, haben ihre Pflicht versäumt und sich nicht gebessert. Nun ist die Geduld der Helfer erschöpft, die Staatengemeinschaft ist enttäuscht und will Griechenland – abermals zum eigenen Besten – in die Selbstständigkeit entlassen, sprich: aus dem Euro werfen.

Es ist eine moralische Erzählung. Sie ist leicht zu vermitteln, denn ihre Zutaten sind jedem bekannt: menschliche Gefühle und ewige Werte, von denen auch die Dramen der Vorabend-Serien leben. Sie bauen auf einer Reihe von Lebensweisheiten auf: Unrecht Gut gedeihet nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied. Dem Tüchtigen gehört die Welt. Spare in der Zeit, so hast du in der Not.

Mit der ökonomischen Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Denn in ihr geht es nicht um Gut und Böse, sondern um Gewinn und Verlust. Nicht um Vertrauen, sondern um Berechnung. Nicht um Freundschaft, sondern um Interessen. Nicht um Schuld, sondern um Schulden und ihre Bedienung. Neun Klarstellungen:

Lüge:

Der griechische Staat hat vor seinem Euro-Beitritt falsche Haushalts-Zahlen vorgelegt, um der Euro-Zone beitreten zu können. Das stimmt. Bemerkenswert ist dabei erstens: Diese Lüge war geduldet. Die Euro-Zone hat nicht auf zweifelsfreien Daten bestanden. Man wollte Athen in der Euro-Zone haben, denn die sollte so groß wie möglich sein, um der jungen Währung mehr Gewicht zu verleihen.

Zweitens: Lügen ist meist ein Zeichen der Schwäche. Der Starke kann darüber bestimmen, was wahr und was falsch ist und so die Realität nach seinen Wünschen formen. So wie Deutschland und Frankreich. Als die beiden Staaten vor zehn Jahren mehr Schulden machten als sie laut Stabilitätspakt durften, verheimlichten sie dies nicht. Stattdessen ließen sie den Pakt umschreiben, so dass er in bestimmten Zeiten mehr Schulden erlaubt. Damit passte der Pakt wieder zur deutschen und französischen Politik. „Deutschland und Frankreich haben damit den Stabilitätspakt gemeuchelt“, sagt Otmar Issing, einer der Väter des Pakts.

Sorge:

Die Finanzmärkte sorgen sich um die Stabilität der Euro-Zone, heißt es. Das klingt schön. Denn da steckt „Sorge um“ drin, also die vorausschauende Anteilnahme. Tatsächlich sorgen sich die Anleger aber nicht um Europa, sondern um den Wert ihrer Geldanlagen. Und wenn sie aus dieser Sorge dann Anleihen von Euro-Ländern verkaufen und so deren Preis drücken, dann wollen sie damit ihre Investments retten – und sorgen für eine Verschärfung der Krise.

Vertrauen: Die Finanzmärkte haben das Vertrauen in Griechenland verloren, heißt es. Die Maßstäbe der Finanzinvestoren sind jedoch mit „Ver-„ oder „Misstrauen“ nicht beschrieben. Hier geht es um Spekulation, also um den kalkulierten Umgang mit Erwartungen zur Gewinnmaximierung. „Vertrauen verloren“ bedeutet im Falle der Investoren nichts anderes, als dass sie zu der Einschätzung gelangt sind, dass an Griechenland nichts mehr zu verdienen ist. Und im Falle der Euro-Politiker bedeutet es, dass nicht daran glauben, dass sich daran etwas ändern wird.

Freundschaft:

Freundschaft ist ein Gefühl. Staaten haben keine Gefühle. Bei Staaten tut man gut daran, „Freundschaft“ zu übersetzen mit „materielle Interessen“. Ein Freundschaftsvertrag ist ein Widerspruch in sich: Wer Freundschaft will, braucht keinen Vertrag, dessen Nicht-Einhaltung Strafe nach sich zieht. Ein Vertrag zwingt, Freundschaft ist freiwillig.

Bei Geld hört die Freundschaft auf, heißt es, und bei einer gemeinsamen Währung fängt sie bestimmt nicht an. Auch die Euro-Zone ist daher kein Freundschafts-Club und keine Familie, sondern eine Ansammlung von Staaten, die ökonomisch gegeneinander konkurrieren und diese Konkurrenz ergänzen um eine Kooperation. Jeder Euro-Teilnehmerstaat tut dies, weil er auf zusätzliches Wirtschaftswachstum hofft. Im Falle Deutschlands ist das gut aufgegangen: Mehr als 40 Prozent der Exporte gehen in Euro-Staaten. In den Jahren vor der Finanzkrise brachte der Außenhandel zwei Drittel des Wirtschaftswachstums. Griechenland dagegen verzeichnet seit seinem EU-Beitritt ein wachsendes Defizit im Außenhandel, hat dem Ausland also mehr abgekauft als ihm verkauft. Sprich: Das Ausland verdient an Griechenland, nicht umgekehrt.

Rettung:

Mit Milliardenkrediten der Euro-Staaten soll Griechenland gerettet werden, heißt es. Das ist nicht korrekt. Die „Rettung“ – was immer das genau sein soll – Athens ist nur das Mittel. Der Zweck ist in den Statuten des Euro-Rettungsschirms ESM festgelegt. Dort heißt es nicht: Jedes Land wird unterstützt, wenn es in Schwierigkeiten kommt. Sondern: Länder werden nur dann unterstützt, wenn ihre Probleme die Finanzen der gesamten Währungsunion destabilisieren. Die Stabilität der Euro-Zone und der Banken ist es also, die mit Milliarden vor Griechenland gerettet werden soll. Dafür wurde Athen unterstützt.

Inzwischen gelangt man zu der Ansicht: Für die Euro-Zone könnte ein Griechen-Rauswurf billiger sein als ein Verbleib in der Währungsunion. Damit steht er auf der Agenda – und Athen auf der Abschussliste. Die griechische Regierung kann nur hoffen, dass es nicht so weit kommt. Denn die Drachme rettet das Land nicht.

Opfer:

Die Euro-Staaten bringen Opfer für die Griechenland-Rettung, heißt es. Wenn Kredite Opfer oder Hilfe wären, dann wäre jede Bank eine opferbereite Hilfsorganisation. Abgesehen davon, dass der deutsche Staat bislang einige Hundert Millionen Euro an den Rettungskrediten verdient hat – die „Opfer“ für Griechenland sind eine Investition. Eine Investition in den Erhalt der Euro-Zone. Gelingt dies, so winkt den Opferbringern reiche Rendite.

Versprechen:

Griechenland erfüllt seine Versprechungen nicht, heißt es. Man kann jedoch nur Dinge versprechen, die man steuern kann. Sein Haushaltsdefizit jedoch kann ein Staat kaum steuern. Denn es hängt von der Wirtschaftsleistung ab. Spart der Staat wie derzeit, so bricht die Wirtschaftsleistung ein. In Folge dessen steigt das Defizit, da hilft alles Sparen nichts. Dass Athen diese Versprechen dennoch geleistet hat, liegt am Druck: Ohne diese Zusage hätte es keine Milliarden von der EU bekommen.

Einsicht:

Griechenland hätte nie der Euro-Zone beitreten dürfen, will man inzwischen gelernt haben. Das mag sein. Doch das Problem der Euro-Zone ist nicht Griechenland – es macht nicht einmal drei Prozent der Euro-Wirtschaftsleistung aus. Das Problem der Währungsunion liegt gerade darin, dass das Schuldenproblem eben kein exklusiv griechisches ist. Fast alle Staaten der Währungsunion haben dank der Finanzkrise drastisch gestiegene Schulden. Dadurch wird die schlechte Konstruktion der Euro-Zone brüchig und verliert bei den Geldgebern ihren Kredit. Anders gesagt: Auch ohne Griechenland hätte die Euro-Zone das gleiche Problem.

Strafe:

Die Retter-Staaten haben angesichts der Dauer-Krise in Griechenland die Geduld mit Athen verloren und wollen es zur Strafe aus der Euro-Zone werfen, heißt es.

Der Begriff Geduld bezeichnet die Fähigkeit, zu warten, ihr Kern ist die Hoffnung. Hoffnung worauf? Dass es mit Griechenland bergauf geht? Es ist doch gerade das radikale Sparprogramm, das die griechische Wirtschaft ruiniert. Die Retter müssen sich also gar nicht passiv in Geduld üben, sondern könnten die Sparauflagen abmildern. Das aber geschieht nicht. Stattdessen soll an Griechenland ein Exempel statuiert werden.

Damit wäre der Rauswurf Griechenlands aus der Euro-Zone nicht Resultat eines gerissenen Geduldsfadens, sondern ein Mittel zur Disziplinierung innerhalb der Euro-Zone. Die Bestrafung Griechenlands dient als Warnung an alle Staaten, eisern zu sparen und ihre Lohnkosten zu senken. Denn am Ende soll Europa die wettbewerbsfähigste Region der Welt sein.

So soll das Märchen enden: Durch das reinigende Feuer der Krise wird Europa erlöst, das Böse vernichtet und das Gute gestärkt.

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