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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

21. Juni 2012

Euro-Krise John Paulson : Spekulanten wetten gegen Deutschland

 Von Grit Beecken
Anstatt im Kasino mit Chips zu zocken, tauschen sich Hedgefonds über ihre Wetten gegen Staaten aus. Foto: dapd

Deutschland gilt als letzte sichere Bastion für Anleger. Nicht mehr lange, prophezeit der Hedgefonds-Guru Paulson, er spekuliert deshalb gegen deutsche Staatsanleihen. Es gibt Anzeichen dafür, dass seine Prognose stimmt.

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Deutschland gilt als letzte sichere Bastion für Anleger. Nicht mehr lange, prophezeit der Hedgefonds-Guru Paulson, er spekuliert deshalb gegen deutsche Staatsanleihen. Es gibt Anzeichen dafür, dass seine Prognose stimmt.

John Paulson bläst zum Angriff. Der stets tadellos gekleidete Hedgefondsguru (die Anzüge sind mal hell-, mal dunkelgrau) spekuliert seit einigen Wochen gegen deutsche Staatsanleihen. Der Mann sorgt mit allem, was er tut, für Aufsehen, seit er 2006 schon früh auf den großen Crash gesetzt und rund vier Milliarden Dollar verdient hat. Jetzt versucht er sein Glück mit Deutschland

Und Paulson ist nicht allein. Mehr und mehr Marktakteure nehmen Deutschland ins Visier. Spekulanten, aber auch solide Langfristinvestoren sind sicher: Es kann nur schlechter werden. Irgendwann wird die Bundesrepublik in den Strudel der Staatsschuldenkrise gezogen. Manch einer fürchtet die vollkommene Transferunion, in der Deutschland unbeschränkt für die Risiken der Euro-Zone haftet.

Noch spiegelt sich diese Gefahr nicht in deutschen Staatsanleihen wider. Am Mittwoch sammelte die Finanzagentur mit einer Null-Zins-Anleihe erneut Milliarden Euro ein. Ein fünfjähriges Papier bringt derzeit rund 0,5 Prozent Rendite, für zehn Jahre gibt es etwa 1,4 Prozent. Die Inflationsrate von 2,1 Prozent gleicht das nicht aus, Investoren verbrennen Geld. Das ist ihnen die Sicherheit wert.

Das Risiko steigt

Das werde sich bald ändern, prophezeit Paulson. Ein Indiz dafür sind die steigenden Preise für Kreditausfallversicherungen (sogenannte Credit Default Swaps, CDS) auf Bundespapiere. Kostete es vor einem Jahr noch 42 Euro, eine 10.000-Euro-Anleihe zu versichern, sind es heute 99 Euro.

Das Risiko steigt

Aufschläge: Noch verlangen Investoren von Großbritannien und den USA höhere Risikoaufschläge als von der Bundesrepublik. Schließlich ist die Staatsverschuldung der Angelsachsen deutlich höher.

Ausfall: Auf Fünfjahressicht hingegen setzt der Markt auf Washington und London: Deutschland werde mit größerer Wahrscheinlichkeit zahlungsunfähig. Das liegt an der schwelenden Euro-Krise.

Die Zahlen zeigen: Der CDS-Markt schätzt das Risiko deutlich höher ein als der Anleihenmarkt selbst. Commerzbank-Volkswirt Rainer Guntermann erklärt, warum: „Am Anleihenmarkt sind ganz andere Akteure unterwegs als am CDS-Markt.“ Mit Kreditderivaten handeln vor allem US-Banken, Anleihen hingegen kaufen vornehmlich Versicherer, Pensionskassen und andere Institutionen.

„Der CDS-Markt sieht das Risiko realistischer“, behauptet Jochen Felsenheimer, Geschäftsführer des Fondsanbieters Assenagon Credit Management. Doch auch Anleihenkäufer beobachten aufmerksam, was am CDS-Markt passiert und werden langsam vorsichtiger: „Der Markt sieht die Verpflichtungen für den deutschen Staat rasant wachsen“, sagt Commerzbank-Experte Guntermann. Noch gelte Deutschland aber als sicherer Hafen.

Deutsche Pleite wird antizipiert

Das zeigt auch der Blick nach Großbritannien und Nordamerika. Für eine fünfjährige Anleihe erwarten Investoren von Deutschland 0,48 Prozent Rendite, von den Briten 0,64 und den USA 0,67 Prozent. Schließlich sind die Angelsachsen deutlich höher verschuldet als die Bundesrepublik.

Der CDS-Markt hingegen schätzt das Risiko ganz anders ein. Die Versicherung einer fünfjährigen Bundesanleihe ist deutlich teurer als die angelsächsischer Papiere. „Der Markt sieht die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in den nächsten fünf Jahren zahlungsunfähig wird, bei 8,4 Prozent“, sagt Felsenheimer. Für die USA sind es 4,5, Prozent, für Großbritannien 6,2 Prozent.

Die Anleihenkäufer betrachten die CDS-Kurse aufmerksam. „Die Preisbewegungen sind nachvollziehbar“, sagt Ralf Jülichmanns, Portfoliomanager bei Allianz Global Investors. Er erwartet, dass die Rendite von Zehnjahrespapieren in den kommenden zwölf Monaten auf zwei Prozent steigt.

Spekulanten wie Paulson hingegen erwarten hingegen in den kommenden zwölf Monaten einen Ausverkauf deutscher Papiere. Sie meinen, Investoren würden irgendwann entdecken, dass die Renditen angesichts des steigenden Risikos zu niedrig sind und verkaufen. Das ergab eine Umfrage unter Hedgefondsmanagern, die derzeit in Monaco tagen. Ihre Strategie: Sie verkaufen jetzt Papiere, die sie noch gar nicht haben und besorgen sie später. Wenn die Anleihen dann günstiger sind, weil viele Investoren verkaufen und so die Preise drücken, gewinnen sie.

Die Wetterei kann aber auch nach hinten losgehen. Sollten die Staatschefs der Euro-Zone in den kommenden Tagen eine überzeugende Lösung für die Probleme der Währungsunion vorlegen, dürften die CDS-Preise rasch sinken, sagen Marktteilnehmer.

Für Paulson wäre ein Fehlschlag nichts Neues: 2011 verbrannte er Millionen, als er zu früh auf eine Konjunkturerholung in den USA wettete.

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