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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

29. Januar 2013

Euro-Krise: Spart sich Europa kaputt?

 Von Stephan Kaufmann
Griechenland gilt den Ökonomen als Beispiel dafür, wie zerstörerisch sich ein radikaler Sparkurs auswirken kann.  Foto: AFP

Sollen die Euro-Staaten weiter ihre Ausgaben senken und Steuern erhöhen? Oder braucht Europa eine Spar-Pause? Über diese Frage streiten Experten des Währungsfonds und die EU-Kommission. Das Ergebnis entscheidet das Schicksal von Millionen Menschen.

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Sollen die Euro-Staaten weiter ihre Ausgaben senken und Steuern erhöhen? Oder braucht Europa eine Spar-Pause? Über diese Frage streiten Experten des Währungsfonds und die EU-Kommission. Das Ergebnis entscheidet das Schicksal von Millionen Menschen.

Ökonomen sind berüchtigt für ihre falschen Prognosen – und für ihre Uneinigkeit. Die Ökonomie ist die einzige Wissenschaft, in der zwei Professoren einen Nobelpreis erhalten können, obwohl sie das Gegenteil voneinander behaupten, lautet ein beliebtes Bonmot. Auch aktuell stehen sich wieder zwei Lager mit ihren Modellen gegenüber. Die Debatte dreht sich um Multiplikatoren, Defizite, Produktionslücken. Doch ist es kein akademischer Streit fern der praktischen Politik. Denn hier treffen mächtige Institutionen aufeinander: der Internationale Währungsfonds (IWF), die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank (EZB). Es geht um Milliarden.

Die Streitfrage ist simpel: Sollen die Euro-Staaten weiter ihre Ausgaben senken und Steuern erhöhen? Oder braucht Europa eine Spar-Pause? Es ist kein Streit im Elfenbeinturm der Wissenschaft, sondern einer im Wachturm: IWF, EZB und EU-Kommission bilden die Troika. Sie bestimmt darüber, wer in Europa wie viel sparen muss – und damit über das Schicksal von Millionen Menschen.

Wachstum wird erdrückt

Im Zentrum des Ökonomen-Streits steht eine Zahl: der Multiplikator. Und eine Frage: Wie hoch ist er? Liegt der Multiplikator beispielsweise bei 0,5, dann führt Sparen zur Stabilität. Liegt er höher, so vertieft der Sparkurs bloß die Krise. „Der Krieg der Multiplikatoren hat gerade erst begonnen“, so Ökonomen von Credit Suisse.

Der Multiplikator misst die kurzfristigen Wirkung der Sparprogramme auf die Konjunktur, und damit auf die Haushaltsdefizite und die Schulden eines Landes. Ein Beispiel: Eine Regierung kürzt ihre Ausgaben um fünf Millionen Euro. Damit sinkt die staatliche Nachfrage, was das Wirtschaftswachstum belastet. Nur: wie stark?

Proteste gegen Auflagen

Die Krisenländer Griechenland, Irland, Spanien und Portugal sind hoch verschuldet. Die von der Troika (EU, EZB und IWF) auferlegten Sparprogramme lassen die Wirtschaft eher erlahmen, statt sie anzukurbeln. Deshalb hat die einflussreiche Bürgerinitiative „Zum Teufel mit der Troika“ in Portugal zu einem neuen landesweiten Protest gegen die Sparpolitik aufgerufen. Demonstrationen sollen am 2. März in ganz Portugal und auch im Ausland unter dem Motto „Das Volk hat das Sagen!“ stattfinden. „Zum Teufel mit der Troika“ hatte im September 2012 eine der größten Protestkundgebungen in Portugal organisiert.

Das entscheidet der Multiplikator. Liegt er bei 2,0, so senkt das Sparprogramm für sich genommen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um zehn Millionen. Damit wäre kräftiges Sparen vergebens. Denn mit dem BIP gehen die Steuereinnahmen zurück, das Defizit der Regierung wächst, obwohl sie Ausgaben kürzt. Zudem steigt trotz Sparprogramm die Schuldenquote – also das Verhältnis von gesamter Staatsschuld zur Wirtschaftsleistung – eben weil die Wirtschaftsleistung sinkt.

Ganz anders, wenn der Multiplikator nur bei 0,5 liegt. Dann senkt die Ausgabenkürzung das BIP nur um 500000 Euro, also um weniger, als die Regierung spart. Folge: Das Defizit und die Schuldenquote sinken, Sparen lohnt sich.

Über Jahre schien unter Ökonomen ausgemacht, dass der Multiplikator bei 0,5 liegt, harte Sparprogramme also auch kurzfristig nicht so schlimm für die Konjunktur sind. Doch mit der Euro-Krise sind Zweifel aufgekommen. Zum Beispiel bei Olivier Blanchard, Chefökonom des IWF. Blanchard und sein Kollege Daniel Leigh prüften die Wachstumsprognosen anderer Ökonomen für Länder in Europa. Dabei stellten sie fest: Bei jenen Ländern, die besonders hart sparten, wurde das Wachstum regelmäßig deutlich überschätzt. Im Umkehrschluss bedeute das: Die Wirkungen der Sparprogramme auf die Konjunktur wurden unterschätzt, der Multiplikator liegt viel höher als gedacht. Und zwar nicht bei 0,5, so die IWF-Volkswirte, sondern eher bei 0,9 bis 1,7. Und das bedeutet: Sparen rettet nicht, sondern vertieft die Krise, zumindest kurzfristig.

Dass Sparprogramme derzeit besonders hart die Konjunktur treffen, hat drei zentrale Gründe: Da die Leitzinsen in Europa schon nahe Null liegen, kann die Zentralbank nicht durch weitere Zinssenkungen die Konjunktur beleben. Da die Unternehmen unter großen Überkapazitäten leiden, investieren sie nicht und kompensieren nicht den Nachfrageausfall des Staates. Und schließlich: Da alle Euro-Länder gleichzeitig sparen, kann jedes einzelne Land seine Konjunktur nicht durch vermehrten Export in die Nachbarstaaten stützen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut IMK schließt daraus: „Europa muss seinen Austeritätskurs beenden.“

Studie und Gegenstudie

Mit ihrer These stellen sich die IWF-Ökonomen gegen jene Institutionen, die gemeinsam mit dem IWF Kredite genehmigen und die Sparprogramme in Europa überwachen: die EU-Kommission und die EZB. Die Kommission reagierte prompt mit einer Gegenstudie, die die Zentralbank in ihrem Dezember-Monatsbericht aufnahm. Fazit: Sparen ist gut.

Denn, so die Ökonomen, wenn eine Regierung glaubwürdig versichert, ihren Haushalt zu konsolidieren, dann belebt dies die private Wirtschaft. Aus dem erwartbar sinkenden staatlichen Finanzbedarf schließen Unternehmen, dass Steuersenkungen anstehen. Folglich investieren sie und befördern so das Wachstum. Zudem honorieren die Märkte die Sparankündigungen mit sinkenden Zinsen, was die Konjunktur anfeuert. Fazit: Von einer „Haushaltskonsolidierung gehen mittel- bis langfristig günstige Effekte aus, die kurzfristige Wachstumsausfälle mehr als ausgleichen.“ Sprich: Sparen hilft dem Wachstum. Der Multiplikator liege daher bei 0,4, schlimmstenfalls bei 0,5 bis 0,7. Daher „darf Europa nicht vom Austeritätskurs abkommen“, so die Commerzbank.

Dass die Wirtschaft der Spar-Nationen entgegen der EU-Theorie stärker eingebrochen ist als gedacht, begründen die Ökonomen der Kommission mit den hohen Zinsen, die die Finanzmärkte von diesen Ländern verlangen. Dass die Zinsen wiederum trotz Sparprogrammen so hoch blieben, liege schlicht daran, dass die Märkte den Zusagen der Regierungen nicht geglaubt hätten.

Griechenland fällt heraus

Allerdings hat die EU-Kommissionsstudie einige Schwächen. So berücksichtigt sie nicht den Fall Griechenland, wo die Wirtschaftsleistung komplett eingebrochen ist. Denn in Griechenland sei die Sparpolitik nicht mit einer Zunahme des Investorenvertrauens einhergegangen. Damit schließt die Kommission jedoch „systematisch alle Fälle aus, in denen Austerität mit Wachstumseinbrüchen einhergeht“, kritisiert das Wirtschaftsforschungsinstitut IMK.

IWF-Chefökonom Blanchard hat daher mit einer neuen Studie nochmal nachgelegt: „Wir sehen unsere ursprünglichen Ergebnisse bestätigt“, sagt er, macht aber ein Zugeständnis: Es könne sein, dass mit dem Abklingen der Rezession in Europa die Multiplikatoren wieder sinken. Damit wäre der Friede in der Troika wieder gewahrt. Die Meinungen der Theoretiker könnten als Freunde auseinandergehen. Und für die Praxis kann sich die Politik die ihr passende Theorie auswählen.

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