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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

20. April 2012

Eurokrise : Das Volk wird zum Störfaktor

 Von Stephan Kaufmann
In Spanien ist fast jeder zweite Jugendliche arbeitslos. Was, wenn sie keine Lust haben auf vernünftige Politik?  Foto: dapd

Auf den Finanzmärkten geht ein Gespenst um: Was, wenn das Heer von Arbeitslosen und Armen die Politik der Mächtigen nicht mehr abnickt? Allzu viel Demokratie wollen deshalb weder Politiker noch Wirtschaftsbosse wagen.

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Die Euro-Krise schläft, der Billionen-Kredit der Europäischen Zentralbank hat die Lage beruhigt.

Doch an den Finanzmärkten hat man eine neue Gefahr ausgemacht: die Demokratie. „Die Wahlen in Frankreich und Griechenland wie auch die Volksbefragung in Irland“, so Elga Bartsch von der US-Investmentbank Morgan Stanley, „ lösen Sorgen bei den Investoren, Unternehmen und Konsumenten aus.“ Alle Gefahr, so scheint es, geht derzeit vom Volke aus.

Die Euro-Staaten verlangen ihren Bevölkerungen große Opfer ab. Um das Vertrauen der Finanzmärkte in ihre Kreditwürdigkeit zu festigen, bauen sie hunderttausende Staatsangestellte ab, Steuern werden erhöht, staatliche Gelder  zusammengestrichen, die Renten gehen zurück.

Und um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Staaten zu erhöhen, wird das Lohnniveau gedrückt, der Kündigungsschutz abgeschwächt, und  die Gewerkschaften werden  entmachtet.

Darüber verlieren immer mehr Menschen ihre Jobs. In Ländern wie Griechenland und Spanien ist inzwischen die Hälfte aller jungen Erwerbstätigen ohne bezahlte Arbeit. „Das größte Risiko für Europa ist derzeit wohl weniger ein Anstieg der Zinsen auf Staatsanleihen“, erklärt Patrick Artus, Ökonom bei der französischen Bank Natixis, „sondern eine politische und soziale Krise auf Grund des spektakulären Anstiegs der Arbeitslosigkeit.“

Wie die Politik den Wählerwillen aushebelt

In regelmäßigen Abständen, so verlangen es die demokratischen Spielregeln, können die Krisenopfer in Wahlen über  die Maßnahmen abstimmen – und sie ablehnen. Diese Möglichkeit schafft Unsicherheit an den Finanzmärkten.

Daher hat die Politik in den vergangenen Monaten viel unternommen, um den Wählerwillen zu neutralisieren. In Griechenland wurde im November eine Volksbefragung zu den Sparmaßnahmen verhindert - unverhohlen drohte die deutsche und die französische Politik mit dem Euro-Ausschluss Griechenlands, sollten die Griechen gegen die Maßnahmen stimmen.

In Griechenland und in Italien zwang die Krise gewählte Regierungschefs zum Rücktritt. An ihre Stelle rückten „technokratische“ Politiker, die nicht gewählt worden waren und daher nicht vom Wählerwillen abhingen. Unter dem Druck der Märkte wurde die Demokratie vielfach ausgehebelt.

„Die Politik in der Krise gleicht einem permanenten Staatsstreich“, kritisiert der Literaturprofessor Joseph Vogl. Informelle Runden aus Bankern, Politikern und Zentralbankern bestimmten zunehmend über die Politik. „Finanzielle Sowjets“, so Vogel, fällten Entscheidungen, die „nicht mehr revidierbar sind und die die Interessen bestimmter Akteure bedienen“.

Nun aber wird das Volk doch zur Wahl gebeten. Zum Beispiel in Irland. Dort wird Ende Mai über den Beitritt zum Fiskalpakt abgestimmt. Viel Freiheit haben die Iren dabei jedoch nicht: Das Land hängt ab von Geldern des Euro-Rettungsschirms – und die gibt es nur, wenn Irland dem Fiskalpakt beitritt. „Somit hat Irland viel zu verlieren, wenn es mit Nein stimmt“, so Christoph Weil, Ökonom bei der Commerzbank.

Weiter: Wann Kapitalismus und Demokratie sich widersprechen

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