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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

19. April 2013

Eurokrise : Ein folgenschwerer Rechenfehler

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Eine hohe Schuldenquote drückt automatisch das Wirtschaftswachstum, schreibt Professor Kenneth Rogoff. Doch seine Theorie gerät ins Wanken.  Foto: IMAGO

Erreicht die Staatsverschuldung 90 Prozent, schrumpft die Wirtschaft - mit dieser Zahl versetzten zwei US-Ökonomen die Politik in Aufruhr. Jetzt stellt sich heraus, dass sie sich verrechnet haben.

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Zahlen sind unbestechlich, sie schaffen Klarheit und Orientierung. Vor allem in der Wirtschaft. Eine Zahl, die die Debatten um die Staatsverschuldung in den vergangenen Jahren beherrscht hat, stammt von den US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff: 90 Prozent.

Erreicht die Staatsverschuldung 90 Prozent der Wirtschaftsleistung, so schrumpft im Durchschnitt das Bruttoinlandsprodukt, so die Harvard-Ökonomen. Mit dieser Erkenntnis bewaffnet, fordern US-Politiker und inzwischen auch die deutsche Bundesregierung staatliche Sparprogramme. Das Problem: Rogoff und Reinhart haben sich verrechnet.

Im Jahr 2010 legten die beiden Wirtschaftswissenschaftler ihre aufsehenerregende Studie vor. Sie hatten die Daten verschiedener Länder über Jahre hinweg analysiert und kamen zu dem Schluss: Wenn die Schuldenquote 90 Prozent erreicht, sinkt die Wirtschaftsleistung im Durchschnitt um 0,1 Prozent pro Jahr.

Damit schien belegt: Die Staaten müssen sparen, mehr Schulden können das Wirtschaftswachstum nicht mehr ankurbeln. Die US-Republikaner legten daraufhin Budgetpläne mit strengen Ausgabenkürzungen vor. Und nun will auch das Bundesfinanzministerium laut Medienberichten auf dem anstehenden G20-Gipfel die Staaten dazu bringen, sich mittelfristig auf eine Senkung der Schulden auf die magische Grenze von 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu beschränken.

Doch nun sieht es so aus, als hätten sich Rogoff und Reinhart verrechnet. Eine neue Studie der Universität Massachussets-Amherst wirft ihnen „ernste Fehler“ vor. Bereinige man diese Fehler, so zeige sich: Die Wirtschaft von Ländern mit mehr als 90 Prozent Staatsschulden schrumpfte nicht durchschnittlich um 0,1 Prozent, sondern wuchs um 2,2 Prozent. Von „einer Stagnation oder einem Abschwung ist nichts zu sehen“, so Studienautor Michael Ash.

Drei Fehler

Insgesamt fanden Ash und seine Mitautoren Thomas Herndon und Robert Pollin drei Fehler bei Rogoff/Reinhart.

Der erste ist besonders peinlich: Durch einen Tipp-Fehler in der Excel-Formel wurden fünf Länder in der Auswertung nicht berücksichtigt: Australien, Österreich, Kanada, Dänemark und Belgien – ein Land, dessen Wirtschaft trotz hoher Schulden kräftig wuchs. Rogoff und Reinhart haben diesen Fehler inzwischen eingestanden und zugegeben, dass er zu „einer merklichen Veränderung der Wachstumsrate“ der hoch verschuldeten Staaten führe.

Noch bedeutsamer war der zweite Fehler: Rogoff und Reinhart gewichteten alle untersuchten Länder gleich. So zum Beispiel Großbritannien und die USA. Die britische Wirtschaft wuchs trotz Schuldenquote über 90 Prozent allerdings um 2,4 Prozent pro Jahr, widersprach mithin den Forschungsergebnissen. Die US-Wirtschaft hingegen schrumpfte. Da die Datenreihe für Großbritannien 19 Jahre umfasste, die für die USA allerdings nur vier Jahre, hätte man Großbritannien höher gewichten müssen – was Rogoff und Reinhart jedoch nicht taten.

Drittens klammerten die Harvard-Ökonomen bestimmte Länder in bestimmten Jahren aus ihrer Studie aus: Australien, Kanada und Neuseeland. Das verzerrte das Ergebnis. So flossen zum Beispiel Daten Neuseelands aus dem Jahr 1951 in die Studie ein. Damals hatte das Land eine Schuldenquote über 90 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Wirtschaft schrumpfte um 7,6 Prozent.

Laue Verteidigung

Nicht berücksichtigt wurden jedoch die Jahre 1946 bis 1949, als die Wirtschaft Neuseelands trotz hoher Schulden stark wuchs. Rechnet man diese Jahre mit ein, so kam das Land auf ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 2,6 Prozent – und nicht auf ein Minus von 7,6 Prozent.

Fazit der Massachussets-Ökonomen: Wenn die Schulden hoch sind, wächst die Wirtschaft im Durchschnitt zwar schwächer. Aber sie schrumpft nicht. Wobei die Frage der Kausalität ungeklärt bleibt: Steigt die Schuldenquote wegen des geringeren Wirtschaftswachstums? Oder sinkt das Wachstum wegen hoher Schulden?

Reinhart und Rogoff haben ihre Ergebnisse nun verteidigt. Allerdings ist ihre Verteidigung eher lau. Sie bestehen darauf, dass die Wirtschaft in Zeiten hoher Schulden geringer wächst. Zweitens sei nicht der Durchschnittswert des Wirtschaftswachstums entscheidend, sondern der mittlere Wert. Der zeigt jedoch nur: Im Mittel ist das Wachstum hoch verschuldeter Länder um ein Prozentpunkt geringer. Von Schrumpfung keine Spur. Und letztlich zeigen die Ergebnisse nur: Es gibt beides – niedrige Schulden und geringes Wachstum wie auch hohe Schulden und hohes Wachstum.

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