Frau Guérot, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso drängt auf die Einführung von Eurobonds, die Bundesregierung lehnt dies als Vergemeinschaftung von Schulden ab. Wird Angela Merkel ihre Position durchsetzen können?
Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass es Eurobonds geben wird. Selbstverständlich muss es in der Haftungsunion, die dadurch entsteht, eine Aufsicht über die nationalen Haushalte geben. Die Frage, die Deutschland sich stellen sollte, ist: Wie organisiert man das?
Die Bundesregierung befürchtet nicht zuletzt hohe Kosten für den deutschen Steuerzahler.
Aber was ist mit dem Gewinn? Der muss doch in die Rechnung einbezogen werden! Eurobonds wären international sehr attraktiv und könnten die Liquidität der gesamten Eurozone verbessern. Wäre es nicht besser, Länder wie China könnten europäische Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarkt kaufen, als dass die Europäer um Beteiligung der Chinesen am EFSF bitten müssen? Man muss die Debatte auch im Kontext der Frage führen, welche Rolle Europa im 21. Jahrhundert in der Welt spielen soll. Deutschland muss klar sein, welches Interesse es mit dem Euro verknüpft.
Mit Bonds, Anleihen oder auch Rentenpapiere können sich Staaten oder Unternehmen am Kapitalmarkt Geld leihen. Eurobonds sind eine andere Bezeichnung für EU-Anleihen oder Euro-Staatsanleihen. Momentan ist die Einführung von Eurofonds nur eine Idee. Durch sie könnte die EU Geld am Finanzmarkt einsammeln und unter den Mitgliedsstaaten verteilen. Mit der Einführung würde die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion reformiert werden. Ziel der Eurobonds ist es, dass EU-Staaten mit hohen Haushaltsdefiziten und Verschuldungen Kredite zu besseren Bedingungen aufnehmen können.
Werden Eurobonds eingeführt, müssten die teilnehmenden Staaten eine europäische Schuldenagentur gründen, die Anleihen aufnehmen könnte. Alle beteiligten Staaten wären dann gemeinsam für die Schulden haftbar. Deshalb müsste die Nichtbeistands-Klausel in Artikel 125 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union verändert werden. Denn diese schließt die Haftung der Europäischen Union sowie aller Mitgliedstaaten für Verbindlichkeiten anderer Mitgliedstaaten aus.
Nein, EU-Anleihen sollen nationale Staatsanleihen ergänzen, aber nicht ersetzen: Die Papiere sollen einen Teil der nationalen Schulden auf europäischer Ebene bündeln. Ein großer Teil der Schulden soll aber nach wie vor zu nationalen Zinssätzen verzinst werden, wie Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker betont. Dies sieht er als Weg, die Spekulationen an den Finanzmärkten gegen den Euro dauerhaft zu stoppen.
Umstritten ist aber, wie realistisch es ist, dass langfristig nationale Bonds neben europäischen bestehen können. Experten befürchten, dass ein Großteil der Anleger in den vermeintlich sicheren Hafen einer europäischen Gemeinschaftsanleihe flüchten würde. Neue Anleihen aus Ländern wie Griechenland und Portugal würden dann kaum noch oder gar nicht mehr gezeichnet. Im Endeffekt - so die Befürchtung - wären diese Länder zur Finanzierung ihrer Nettokreditaufnahme vollständig auf Eurobonds angewiesen.
Viele Politiker, insbesondere aus den Reihen der CDU und FDP, lehnen den Vorschlag, Eurobonds einzuführen, ab. Dafür haben sie zwei Gründe: Zum einen ist davon auszugehen, dass Eurobonds zu höheren Zinsen aufgenommen werden müssten als Deutschland selbst für Staatsanleihen zahlt. Außerdem dürften Eurobonds die Bonität Deutschlands belasten, weil Deutschland für die Schulden der anderen teilnehmenden Staaten haftbar ist.
Diese noch engere Verknüpfung Deutschlands mit finanzschwachen EU-Staaten könnte zu höheren Zinsen für deutsche Staatsanleihen führen. Somit würde Deutschland dann nicht wie derzeit davon profitieren, dass deutsche Staatsanleihen sehr gefragt und damit für den Staat günstig sind. (dpa)
Der Weg zur politischen Union ist weit. Gibt es keine Zwischenlösung? Doch. Um die Kostenlast für die Schuldenstaaten zu senken, ohne die disziplinierende Wirkung des Marktes auf ihre Haushalte aufzuheben, plädiert der Brüsseler Thinktank Bruegel dafür, Staatsanleihen in sichere, niedrig verzinste Blue Bonds und riskantere, höher verzinste Red Bonds aufzuteilen. Für die Blauen haftet die Staatengemeinschaft. Um Schuldenexzesse zu vermeiden, soll eine Obergrenze gelten: Kein Land darf mehr als 60 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts über Blue Bonds finanzieren. Was darüber hinaus geht, muss als Red Bonds emittiert werden, die bei einer Umschuldung als erstes betroffen wären. Dieses Risiko würden sich die Anleger bei vielen Staaten derzeit teuer bezahlen lassen. (lee)
Bundesschatzbriefe und andere europäische Staatsanleihen notieren seit 1999 in Euro. Warum jetzt der Streit um neue Euro-Anleihen? In Euro notierte Anleihen sind nicht dasselbe wie die Euro-Anleihen. Den Unterschied macht die Haftung. Im Maastrichter Vertrag wurde explizit vereinbart, dass jedes Land nur für seine eigenen Schulden geradesteht. Dieses Prinzip würde mit der Einführung echter Euro-Anleihen gebrochen, für die eine gesamtschuldnerische Haftung gelten soll. Kann ein Land seine Euro-Anleihen nicht zurückzuzahlen, müssten die übrigen Mitglieder einspringen.
Wieso steigen die Zinsen auf spanische und portugiesische Staatsanleihen trotz fester Zinssätze? Fest vereinbart wird der Zinssatz nur bei der Ausgabe neuer Papiere. Daneben gibt es jedoch einen großen Sekundärmarkt, auf dem Anleger mit Anleihen handeln. Dort bestimmt das tagesaktuelle Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage den Marktzins. Ist eine Anleihe nicht gefragt, etwa weil nicht kreditwürdig genug, fällt der Kurs. Spiegelbildlich dazu steigt die Rendite. Den Staat kosten steigende Renditen zwar erst dann etwas, wenn er wieder an den Kapitalmarkt muss. Da wegen der begrenzten Laufzeit ständig alte Anleihen durch neue ersetzt werden, ist dies jedoch alle paar Monate der Fall. Denn die Konditionen dieser Auktionen orientieren sich am aktuellen Marktzins.
Angela Merkel sagt, solche Fragen gehörten ans Ende und nicht an den Anfang dieser Debatte.
Aber wann soll das sein? Wir arbeiten seit 18 Monaten daran, die Stabilitätsunion zu entwickeln. Es gibt dazu auch gute Vorschläge wie die Schaffung eines EU-Sparkommissars. Für Staaten wie Italien ist die drängendste Frage aber, wie sie die Zinsen auf ihre Staatsanleihen runterkriegen. Alle Sparanstrengungen werden aufgefressen durch immer höhere Risikoaufschläge. Es ist nicht im Interesse Deutschlands, wenn sich seine Partner wirtschaftlich ruinieren. Sie brauchen neben Sparauflagen auch Zugang zu erschwinglichen Krediten. Aber Deutschland will statt Zuckerbrot und Peitsche nur die Peitsche.
Die Zukunft der EU ist also eine Transferunion?
Wir müssen die EU als europäischen Solidarraum betrachten, müssen uns aber auch bewusst machen, dass „Wirtschaftsregierung“ de facto Regierung bedeutet. Denn regieren bedeutet im Kern das Verteilen von Ressourcen nach politischen Präferenzen.
Spaltet sich Europa in ein Kerneuropa mit gemeinsamer Währung und den Rest?
Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass wir jetzt die Chance auf einen beherzten fiskalischen und politischen Integrationssprung haben – aber mit dem Risiko einer Spaltung der EU. Die vordringlichste Aufgabe ist im Moment, den Euro zu retten, da sonst Europa eine heftige Rezession droht. Hierfür brauchen wir auch eine stärkere demokratische Legitimation der Eurozone wie durch ein Eurozonen-Parlament. Dieses Kerneuropa muss aber so offen und inklusiv wie möglich für die anderen gestaltet sein.
Was war Merkels schwerster Fehler?
Sie hat ständig erzählt, was sie jetzt auf gar keinen Fall machen wird – und es drei Wochen später doch getan. Wir brauchen dringend mehr Ehrlichkeit in der deutschen Debatte. Kein Land kann die Richtung der EU so bestimmen wie Deutschland. Merkel sollte deshalb auch klar aussprechen, dass vor allem Deutschland vom Euro und der EU profitiert und dass ökonomisch wie politisch kein Land härter durch ein Scheitern Europas getroffen würde.
In der deutschen Debatte überwiegen dennoch Bedenken, am Ende für die Fehler der Anderen zahlen zu müssen.
Deutschland leistet sich zurzeit eine apolitische und ahistorische Debatte. Die Rechenschiebermentalität, mit der wir derzeit diskutieren, wird Deutschlands Rolle in Europa und der Welt nicht gerecht. Die deutschen Eliten müssten ein Mentalitätswandel vollziehen. Deutschland ist Europa. Kein Land kann die Richtung der EU so bestimmen wie Deutschland. Gleichzeitig ist klar, dass Europa nicht einfach „deutscher“ werden kann, denn das deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell ist nicht eins zu eins auf andere übertragbar. Wir fahren alle besser damit, wenn wir unsere individuellen Stärken anerkennen, anstatt uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Ich will damit die Probleme und Verfehlungen der Mitgliedstaaten nicht kleinreden. Ohne Reformen wird es nicht gehen. Diese sind aber machbar, und wir sollten die Chance dazu nicht vergeben. Die Welt sieht in Deutschland das Land mit der größten Kompetenz, die Eurokrise zu lösen. Ebenso wie es ihm die Schuld für ein Scheitern geben würde.
Das Gespräch führte David Kupfer.
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Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index. Mehr...