kalaydo.de Anzeigen

EZB-Kredite: Spektakuläre Geldzufuhr

Im Kampf gegen die Krise setzt die Europäische Zentralbank immer schärfere Waffen ein: Über 1000 Banken bekommen 440 Milliarden Euro - zum Festzins von einem Prozent. Von Robert von Heusinger

Füllhorn für Banken und Firmen. In der Krise spielt der Staat Glücksgöttin Fortuna.
Füllhorn für Banken und Firmen. In der Krise spielt der Staat Glücksgöttin Fortuna.
Foto: dpa

Im Kampf gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise setzt die Europäische Zentralbank (EZB) immer schärfere Waffen ein. Ihr Angebot an Banken und Sparkassen, sich erstmals für ein Jahr bei der Notenbank unbegrenzt Geld zu leihen, fand reißenden Absatz: 1121 Banken aus der Euro-Zone nahmen das Angebot an. Die Notenbank teilte 442 Milliarden (ausgeschrieben: 442.000.000.000) Euro zum Festzins von einem Prozent zu - so viel wie noch nie.

Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften forderten, dass die Banken die Liquidität in Form von mehr Krediten an Unternehmen und Verbraucher weitergeben. Doch das dürfte nach einhelliger Meinung von Experten ein Wunsch bleiben. Allerdings dürfte diese massive Liquiditätszufuhr die Zinssätze weiter drücken, wodurch sich immerhin für die Unternehmen, die noch Kredite bekommen, die Finanzierungskonditionen verbilligen.

Geldmarktgeschäfte
Spezial: Banken

Am Geldmarkt versorgen sich die Banken mit Liquidität, um Überweisungen ausführen und Kredite auszahlen zu können.

Die EZB stellt den Banken diese Liquidität in normalen Zeiten über zweiwöchige, sogenannte Tender zur Verfügung. Die Banken bieten für das Geld und zahlen es 14 Tage später wieder zurück, um sich neues zu leihen. Als Sicherheiten müssen sie Wertpapiere hinterlegen.

In der Krise ist die EZB dazu übergegangen den Instituten längerfristiges Geld zu leihen, gestern erstmals mit der Laufzeit von einem Jahr. Damit sollen die Banken Planungssicherheit bekommen.

Unbegrenzte Zuteilung lautet das Krisenkonzept. Die EZB setzt den Zins fest, zurzeit ein Prozent, und die Banken bekommen die gebotene Menge komplett zugeteilt. Gestern rekordhohe 442 Milliarden Euro.

Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut. Analysen und Kommentare, Fotostrecken und Abstimmungen im neuen Spezial: Banken im Umbruch.

"Massiv", "erheblich" und "sehr große Zahl", so lauteten die ersten Reaktionen. "Das war ein extrem großzügiges Angebot von der EZB", sagte Julian Callow von Barclays Capital. "Wir ersaufen im Geld", nannte es ein Händler. Die Zinssätze am kurzen Ende des Geldmarktes brachen sofort ein.

Auf jeden Fall lagen die Gebote deutlich über den Schätzungen, die von rund 300 Milliarden Euro ausgegangen waren. Um die Dimension zu verdeutlichen: Die Summe von 442 Milliarden Euro entspricht laut Goldman Sachs etwa 1300 Euro je Euro-Zonen-Bürger. Oder: Damit können die Banken ein Drittel aller Staatsanleihen Eurolands kaufen, die dieses Jahr begeben werden.

Plaßmann karikiert die Banker und Manager

Bildergalerie ( 33 Bilder )

Die spannende Frage lautet: Was machen die Banken mit dem ganzen Geld? Zumal, da Experten davon ausgehen, dass jetzt effektiv 250 Milliarden zu viel Geld in den Bankbilanzen stecken. Als sicher gilt, dass die Banken dadurch mehr Gewinne erzielen oder weniger Verluste ausweisen müssen. Denn sie können mit dem billigen Geld kurzlaufende Anleihen kaufen, die höhere Zinsen abwerfen. "30 Basispunkte sollten bei einer Anlage in relativ sichere Papiere drin sein", schätzt Uwe Angenendt, der Chefvolkswirt bei der BHF-Bank.

In Geld gemessen entspricht das etwa 1,3 Milliarden Zusatzgewinn für alle Banken. Je nach Risikofreude der Bank können es aber auch deutlich mehr sein, meint Dirk Schumacher von Goldman Sachs.

Durch dieses Verhalten steigt die Nachfrage nach Schuldverschreibungen, was die Zinsen unter Druck bringt. "Mit dem Tender könnte die EZB den Verteilungsmechanismus ankurbeln. Vielleicht wandert jetzt endlich Geld in die längerlaufenden Termine. Denn die Banken müssen das Geld ja jetzt anlegen", mutmaßte ein Geldhändler. "Die konkreten Auswirkungen sehen wir in den nächsten Wochen", ist sich Schumacher sicher.

Aber verführt das viele Geld auch zu einer weniger restriktiven Kreditvergabe? "Wohl kaum", sagt Angenendt. Denn die Banken fürchten nichts so sehr wie neue Insolvenzen, weshalb weiter nur die guten Adressen Kredite bekämen. So sieht das auch Commerzbank-Analyst Michael Schubert: "Das Grundproblem kann diese Liquiditätszufuhr nicht lösen."

Bundesbank-Präsident Axel Weber drohte den Banken bereits am Dienstagabend mit einer härteren Gangart, sollten sie die Zinssenkungen nicht weitergeben. "Sollten die Maßnahmen der Notenbanken am Deleveraging der Banken scheitern, dann werden die Notenbanken die Banken umgehen müssen und die Wirtschaft direkt stützen, was ich derzeit noch nicht für nötig halte."

Finanzminister Peer Steinbrück sagte: "In Deutschland gibt es keinen Grund, Kredite zu verweigern, weil angeblich nicht genügend Kapital vorhanden ist." Die Entscheidung der EZB begrüße er "ausdrücklich". mit rtr

Autor:  ROBERT VON HEUSINGER
Datum:  25 | 6 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

  • 6.339,94 Pkt. +24,05 (+0,38%)
  • 10.196,44 Pkt. -35,08 (-0,34%)
  • 752,47 Pkt. +0,62 (+0,08%)
  • 8.580,39 Pkt. +17,01 (+0,20%)
  • 1,2512 USD -0,0003 (-0,02%)
in Zusammenarbeit mit Finanzen100.de
Ressort

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

Spezial
Tag der Nachhaltigkeit - Für kurze Strecken mit dem Auto gibts ne 6. (Archivbild)

Wie grün ist die Stadt am Main und was muss sie tun, um noch grüner zu werden? Eine Nachhaltigkeitserie über Frankfurt - unterstützt von Siemens Deutschland.

Deregulierung

So sprachen sie vor der Krise

Von Sebastian Dullien | 1 Kommentar
Die großen Deregulierer: Christian Wulff, Peer Steinbrück, Horst Seehofer, Sigmar Gabriel, Olaf Scholz

Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index.  Mehr...

Spezial
Die IG Metall will in Kürze entscheiden, ob sie zu Warnstreiks in der Stahlindustrie aufruft.

Kurzarbeit, Jobabbau - wie sozial unsere Marktwirtschaft noch ist. Und: Hartz IV - Nachwirkungen der großen Sozialreform.

Video

Spezial

Wendige Elektroautos statt schwerer Spritfresser, enges Bahnnetz statt weniger schneller Strecken - wie wir mobil bleiben.