Im Kampf gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise setzt die Europäische Zentralbank (EZB) immer schärfere Waffen ein. Ihr Angebot an Banken und Sparkassen, sich erstmals für ein Jahr bei der Notenbank unbegrenzt Geld zu leihen, fand reißenden Absatz: 1121 Banken aus der Euro-Zone nahmen das Angebot an. Die Notenbank teilte 442 Milliarden (ausgeschrieben: 442.000.000.000) Euro zum Festzins von einem Prozent zu - so viel wie noch nie.
Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften forderten, dass die Banken die Liquidität in Form von mehr Krediten an Unternehmen und Verbraucher weitergeben. Doch das dürfte nach einhelliger Meinung von Experten ein Wunsch bleiben. Allerdings dürfte diese massive Liquiditätszufuhr die Zinssätze weiter drücken, wodurch sich immerhin für die Unternehmen, die noch Kredite bekommen, die Finanzierungskonditionen verbilligen.
Am Geldmarkt versorgen sich die Banken mit Liquidität, um Überweisungen ausführen und Kredite auszahlen zu können.
Die EZB stellt den Banken diese Liquidität in normalen Zeiten über zweiwöchige, sogenannte Tender zur Verfügung. Die Banken bieten für das Geld und zahlen es 14 Tage später wieder zurück, um sich neues zu leihen. Als Sicherheiten müssen sie Wertpapiere hinterlegen.
In der Krise ist die EZB dazu übergegangen den Instituten längerfristiges Geld zu leihen, gestern erstmals mit der Laufzeit von einem Jahr. Damit sollen die Banken Planungssicherheit bekommen.
Unbegrenzte Zuteilung lautet das Krisenkonzept. Die EZB setzt den Zins fest, zurzeit ein Prozent, und die Banken bekommen die gebotene Menge komplett zugeteilt. Gestern rekordhohe 442 Milliarden Euro.
Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut. Analysen und Kommentare, Fotostrecken und Abstimmungen im neuen Spezial: Banken im Umbruch.
"Massiv", "erheblich" und "sehr große Zahl", so lauteten die ersten Reaktionen. "Das war ein extrem großzügiges Angebot von der EZB", sagte Julian Callow von Barclays Capital. "Wir ersaufen im Geld", nannte es ein Händler. Die Zinssätze am kurzen Ende des Geldmarktes brachen sofort ein.
Auf jeden Fall lagen die Gebote deutlich über den Schätzungen, die von rund 300 Milliarden Euro ausgegangen waren. Um die Dimension zu verdeutlichen: Die Summe von 442 Milliarden Euro entspricht laut Goldman Sachs etwa 1300 Euro je Euro-Zonen-Bürger. Oder: Damit können die Banken ein Drittel aller Staatsanleihen Eurolands kaufen, die dieses Jahr begeben werden.
Die spannende Frage lautet: Was machen die Banken mit dem ganzen Geld? Zumal, da Experten davon ausgehen, dass jetzt effektiv 250 Milliarden zu viel Geld in den Bankbilanzen stecken. Als sicher gilt, dass die Banken dadurch mehr Gewinne erzielen oder weniger Verluste ausweisen müssen. Denn sie können mit dem billigen Geld kurzlaufende Anleihen kaufen, die höhere Zinsen abwerfen. "30 Basispunkte sollten bei einer Anlage in relativ sichere Papiere drin sein", schätzt Uwe Angenendt, der Chefvolkswirt bei der BHF-Bank.
In Geld gemessen entspricht das etwa 1,3 Milliarden Zusatzgewinn für alle Banken. Je nach Risikofreude der Bank können es aber auch deutlich mehr sein, meint Dirk Schumacher von Goldman Sachs.
Durch dieses Verhalten steigt die Nachfrage nach Schuldverschreibungen, was die Zinsen unter Druck bringt. "Mit dem Tender könnte die EZB den Verteilungsmechanismus ankurbeln. Vielleicht wandert jetzt endlich Geld in die längerlaufenden Termine. Denn die Banken müssen das Geld ja jetzt anlegen", mutmaßte ein Geldhändler. "Die konkreten Auswirkungen sehen wir in den nächsten Wochen", ist sich Schumacher sicher.
Aber verführt das viele Geld auch zu einer weniger restriktiven Kreditvergabe? "Wohl kaum", sagt Angenendt. Denn die Banken fürchten nichts so sehr wie neue Insolvenzen, weshalb weiter nur die guten Adressen Kredite bekämen. So sieht das auch Commerzbank-Analyst Michael Schubert: "Das Grundproblem kann diese Liquiditätszufuhr nicht lösen."
Bundesbank-Präsident Axel Weber drohte den Banken bereits am Dienstagabend mit einer härteren Gangart, sollten sie die Zinssenkungen nicht weitergeben. "Sollten die Maßnahmen der Notenbanken am Deleveraging der Banken scheitern, dann werden die Notenbanken die Banken umgehen müssen und die Wirtschaft direkt stützen, was ich derzeit noch nicht für nötig halte."
Finanzminister Peer Steinbrück sagte: "In Deutschland gibt es keinen Grund, Kredite zu verweigern, weil angeblich nicht genügend Kapital vorhanden ist." Die Entscheidung der EZB begrüße er "ausdrücklich". mit rtr
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