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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

28. Januar 2010

Finanzinvestoren: Die Rückkehr der Heuschrecken

 Von Bernd Salzmann
Tauchen wieder am Markt auf: Heuschrecken. Foto: afp

In der Krise wurden Heuschrecken fast schüchterne Tiere, die sich verstecken. Nun kriechen die Finanzinvestoren aus ihren Löchern. Schmecken würden ihnen Kabel Deutschland und Teile von Siemens. Von Bernd Salzmann

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Wege aus der Krise

In der Finanzkrise waren die Heuschrecken von der Bildfläche verschwunden. Jetzt sind sie wieder da. Auch in Deutschland. Schon Ende vergangenen Jahres begannen die umstrittenen Finanzinvestoren sich vermehrt zu regen. Bald schon könnten sie erneut ins Rampenlicht rücken.

Am Markt wird bereits über einen milliardenschweren Bieterkampf um Kabel Deutschland spekuliert. Aber auch die Hörgeräte-Sparte von Siemens hat - neben mehreren Dutzend kleinerer Unternehmen - die Aufmerksamkeit der Private-Equity-Branche erregt.

Um die Übernahme des größten deutschen Kabelnetzbetreibers wetteifern sowohl die Finanzinvestoren CVC Capital Partners und Carlyle als auch BC Partners und Advent International, heißt es. Angeblich bemühen sie sich bereits um die Finanzierung der Übernahme. Fremdkapital soll dabei - wie bei Heuschrecken üblich - bevorzugt eingesetzt werden.

Die Kreditbanken könnten bis zu vier der benötigten fünf Milliarden Euro beisteuern, berichtet die Financial Times Deutschland. Dies wäre die größte fremdfinanzierte Übernahme seit Beginn der Kreditkrise.

Hohe Renditen mit Schulden

Finanzinvestoren wie CVC und BC blasen ihr Anlagekapital mit Hilfe von Krediten auf, um die Schulden später dem übernommenen Unternehmen aufzubürden. Dieser Hebel ermöglichte ihnen in Boomzeiten Rekordrenditen. Mit der Kreditkrise saßen die Heuschrecken plötzlich jedoch auf dem Trockenen.

Im Krisenjahr 2009 sind Finanzinvestoren daher bei Übernahmen in Europa kaum noch zum Zuge gekommen. Wie aus einer Studie des Finanzinvestors Candover hervorgeht, kauften Beteiligungsfirmen nur noch für 23 Milliarden Euro Firmen. Das waren mehr als zwei Drittel weniger als ein Jahr zuvor und ein Bruchteil der 187 Milliarden Euro, die sie 2007 ausgegeben hatten.

Auf Deutschland entfielen 7,8 Milliarden Euro, wie es in einer Studie von Ernst & Young heißt. Fünf Milliarden wurden allein im zweiten Halbjahr registriert, weshalb das Beratungsunternehmen zu dem Schluss gelangt: "Die Talfahrt auf dem deutschen Private-Equity-Markt ist gestoppt."

Allein der Erwerb des Verlags Springer Science + Business Media schlägt in der Bilanz für das zweite Halbjahr mit 2,3 Milliarden Euro zu Buche. Allerdings hatte auch in den ersten sechs Monaten eine Groß-Transaktion die Statistik aufgehübscht: Der Erwerb von 9,1 Prozent an Daimler durch den Staatsfonds Aabar Investment PJSC für knapp zwei Milliarden Euro.

Für das laufende Jahr bleiben die Finanzinvestoren mit Prognosen vorsichtig, doch die Zwischentöne haben sich verändert. "Der europäische Markt bleibt in der Flaute, aber es gibt erste Anzeichen für eine Erholung", sagt John Arney, Partner des Investors Candover, der das europäische Private-Equity-Barometer in Auftrag gibt. Die Aktienmärkte legten zu und die Kreditmärkte öffneten sich, erläutert er, wenn auch zu hohen Kosten. "Allerdings sind die Schnäppchen angesichts hoher Bewertungen dünn gesät."

Es komme "langsam wieder Bewegung in den Markt", bestätigt Joachim Spill, Transaktionsexperte bei Ernst & Young. Allerdings stelle die Finanzierung nach wie vor ein Problem dar. "Derzeit kommen in erster Linie Finanzinvestoren zum Zuge, die ihre Transaktionen mit einem hohen Eigenkapitalanteil unterlegen können", erläutert Spill. "Große Milliarden-Transaktionen werden vorerst die absolute Ausnahme bleiben."

Kabel Deutschland, das mit Providence Equity Partners bereits einer Beteiligungsgesellschaft gehört und angeblich unter einer milliardenschweren Schuldenlast ächzt, wäre mit rund neun Millionen Kabelanschluss-Kunden und rund 2800 Beschäftigten solch ein großer Fisch - der in diesem Sommer eigentlich an die Börse gebracht werden sollte.

Begehrte Branche

Für den Wahrheitsgehalt des Übernahmegerüchts spricht eine Menge. Europäische Kabelbetreiber stünden bei Fusionen und Übernahmen im Mediensektor derzeit an erster Stelle, heißt es in der Finanzbranche. Und ausgerechnet der deutsche Kabelmarkt gilt als besonders attraktiv.

Der ärgste Konkurrent Unitymedia hatte Ende vergangenen Jahres ebenfalls einen Börsengang geplant, diesen aber in letzter Minute abgeblasen. Stattdessen verkauften die Eigentümer BC Partners und Apollo Management die Firma für knapp 3,7 Milliarden Euro an Liberty Global.

Der US-Kabelkonzern soll neben dem britischen Mobilfunkanbieter Vodafone auch schon bei Kabel Deutschland angeklopft haben, dementiert das allerdings.

Private-Equity-Firmen greifen nach Kabelfirmen, weil diese die Fantasie der Investoren anregen: Mit kombinierten Angeboten - neben analogem Fernsehen auch digitales TV, Telefon und Internet - stoßen die Kabelanbieter mehr und mehr in das Geschäft der Telekommunikationskonzerne vor, die Fernsehprogramme und andere Unterhaltungsangebote über ihre DSL-Leitungen anbieten.

Damit wachsen Telekom- und Kabelbranche langfristig zusammen - und versprechen gute Verwertungschancen, wenn die Heuschrecken weiterziehen wollen.

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