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Finanzjongleure: Spekulanten packen aus

Zwei Spekulanten erzählen unserer Autorin Anna Sleegers, wie die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in die Knie gezwungen werden − und weshalb gerade die Bundesregierung am Sturz des Euro großen Anteil hat.

Finanzjongleure (Symbolbild).
Finanzjongleure (Symbolbild).
Foto: FR

Ein Kanal aus dicker Pappe, notdürftig mit reichlich Klebeband an der Decke befestigt. Dahinter ein Stück durchsichtiger Plastikfolie. Es sieht aus wie auf einer Baustelle. Utensilien, wie sie auch in der Obdachlosenszene üblich sind. Doch Oliver Eichmann ist nicht bedürftig. Der schlanke Enddreißiger im blauen Sakko und beiger Hose steht am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala: Er ist - neudeutsch - Spekulant. Bis vor drei Wochen hätte man noch "Fondsmanager" geschrieben.

Das befremdliche Provisorium über seinem Kopf verhindert, dass ihm und seiner Kollegin die Klimaanlage zu stark in den Nacken bläst. Das Großraumbüro liegt am Rande des Frankfurter Bankenviertels. Dort verwaltet Eichmann für die Fondsgesellschaft DWS Milliarden. Täglich bewegt er zig Millionen Euro - damit am Ende des Jahres die Rendite seines Fonds stimmt, den mehr als 200.000 deutsche Privatanleger besitzen.

Spekulieren mit Derivaten
Spezial

Einen preiswerten Hebel für Anleger mit wenig Eigenkapital bieten Kreditderivate, sogenannten Credit Default Swaps (CDS). Sie funktionieren wie Versicherungen gegen Zahlungsausfälle. Im Gegensatz zu herkömmlichen Versicherungen sind sie jedoch frei handelbar - auch wenn man die dazugehörige Anleihe gar nicht besitzt. Kritiker vergleichen CDS deswegen gerne mit Brandschutzversicherungen, die man auf fremde Wohnungen abschließt und sich selbst als Begünstigten einsetzt. Die größten Adressen im CDS-Handel sind die US-Banken J.P. Morgan, Goldman Sachs und Morgan Stanley, dicht gefolgt von Deutscher Bank und der britischen Barclays Group.

So funktioniert das Geschäft: Anleger, die am CDS-Markt wetten wollen, müssen zunächst überhaupt kein Geld in die Hand nehmen. Alle drei Monate fallen lediglich Versicherungsprämien an. Das sind variable Gebühren, deren Höhe sich nach der jeweiligen CDS-Nachfrage richtet - eine Art Versicherungsprämie. Auf jeden Fall entspricht die Prämie nur einem Bruchteil des Wertes der Anleihe, auf die gewettet wird. Dennoch beeinflusst die Höhe der Prämie den Anleihekurs. Je höher die Prämie als desto stärker risikobehaftet gilt der darunter liegende Schuldtitel. Deshalb kann man mit CDS-Kontrakten den Anleihemarkt vor sich her treiben, ohne viel Geld in die Hand zu nehmen. Manche Anleger kaufen Anleihen und sichern sich mit den entsprechenden CDS gegen Zahlungsausfälle ab.

Direkte Wetten gegen den Euro kann man mit dem Kauf von Optionsscheinen eingehen. Mit den Optionsscheinen erwirbt man das Recht, innerhalb einer festgelegten Bezugsfrist Währungen, Aktien oder Anleihen zu einem vorher festgelegten Bezugspreis zu kaufen oder zu verkaufen. Kaufoptionen nennt man Calls, Verkaufsoptionen Puts. Seit einigen Jahren können sogar Privatanleger bei diesen Derivategeschäften mitmischen, da inzwischen auch kleine Losgrößen geordert werden können. (lee)

Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen. Reden Sie mit über Wege aus der Krise

Finanzjongleure (Symbolbild).
Finanzjongleure (Symbolbild).
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So arbeiten also Menschen, die nach der Meinung der meisten Politiker für die Misere Eurolands verantwortlich sind. Das "Wolfsrudel", gegen das der schwedische Finanzminister den Euro schützen will. Die Spekulanten, denen Bundeskanzlerin Angela Merkel das Handwerk legen will. Sie hätten Griechenland an den Rand des Abgrunds getrieben und den Euro zerstören wollen. Und täglich stimmen neue Politiker in den Chor ein, zuletzt sogar die Verfechter der grenzenlosen Marktgläubigkeit von der FDP und den Notenbanken.

Endlich ein gemeinsames Feindbild, das von der versäumten Regulierung nach der Finanzmarktkrise 2008 ablenkt. Endlich eine Kampagne, die in der Bevölkerung ankommt. Das Vergehen von Oliver Eichmann, zu dem er sich offen bekennt: Er hat spekuliert. Vor ein paar Wochen sogar auf Griechenland. Allerdings auf dessen Rettung. Nach einer Phase fallender Anleihekurse hat sich der Fondsmanager sehr günstig mit griechischen Staatspapieren eingedeckt. Weil er es für abwegig hielt, dass die EU das Mittelmeerland fallen lässt. Und er sollte Recht behalten - eine Entscheidung, die seinem Fonds wohl eine überdurchschnittliche Wertentwicklung für das gesamte Jahr sichert.

Die Finanzkrise - wie alles begann

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Hat er damit Schuld auf sich geladen? Natürlich sei das Griechenland-Engagement Ergebnis einer spekulativen Entscheidung gewesen. Nur, fragt der nachdenklich wirkende Fondsmanager: "Wäre es besser gewesen, nicht zu kaufen?" Hätten sich noch weniger Abnehmer gefunden, wären die Kurse noch tiefer gefallen und die Zinsen auf die griechischen Staatsschulden noch weiter durch die Decke geschossen.

Wirkung des Rettungsschirms

Eichmanns Arbeitstag fängt gegen sieben Uhr morgens an, eine Stunde bevor der elektronische Handel mit Staatsanleihen losgeht. Meistens ist er einer der ersten im Büro. "Ich komme lieber früh, als lange im Stau zu stehen." Ein Kaffee aus der Kantine, ein Blick in die Wirtschaftsteile der Tageszeitungen. An diesem Tag, dem dritten Tag nachdem die EU-Finanzminister den beispiellosen Rettungsschirm spannten, verkünden die Schlagzeilen, dass die Wirkung an den Märkten schon wieder verpufft sei. Doch Eichmann schüttelt den Kopf.

Am Anleihemarkt sei die Wirkung keineswegs verpufft. Allerdings seien der Grund dafür nicht die Hilfszusagen der Europäer für die armen Verwandten im Süden. Gestützt würden die Kurse vielmehr davon, dass die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt griechische, portugiesische, spanische und italienische Staatsanleihen kauft.

Es ist acht Uhr, der Handel mit Staatsanleihen beginnt. Auf Eichmanns rechtem Bildschirm leuchten die ersten Kurse auf. Einige grün, andere rot. Neben dem Bildschirm ein Bilderrahmen, aus dem ihm seine Frau und seine zwei Töchter zulächeln.

Auf dem linken Bildschirm beginnen die Meldungen der Salesmen aufzupoppen. Das sind Wertpapierverkäufer, die über ein Chatsystem den Kundenkontakt pflegen. Sie wollen mit frischen Ideen Fondsmanager wie Eichmann zum Kaufen und Verkaufen verleiten. Sie leben vom Umsatz, sie machen den Markt. Sie erzählen in anonymisierter Form, wer welche Papiere am Markt kauft oder verkauft.

An diesem Vormittag dominieren die Zentralbanken die Meldungen der Salesmen. "CB BUYS SPN 2Y" heißt das dann: Irgendeine Zentralbank kauft zweijährige spanische Anleihen.

Der Kauf von Staatsanleihen durch die Zentralbanken ist eines der großen Tabus, die nach der Krisensitzung in Brüssel fielen. Bislang war die Europäische Zentralbank nur dem Ziel verpflichtet, die Inflation in der Eurozone in Grenzen zu halten. Jetzt sorgt sie auch dafür, dass die Anleihekurse der Südländer stabilisiert werden.

Andere Käufer scheinen sich an diesem Morgen im Mai kaum an den Markt für Staatsanleihen der Mittelmeeranrainer zu wagen. Vor dem Brüsseler Krisengipfel sei das anders gewesen. In der Woche vor jenem schwarzen Freitag, als auch die deutsche Regierung begriff, dass nur noch Zentimeter die europäische Gemeinschaftswährung vom Abgrund trennten, beherrschte "Real Money" die Chat-Meldungen.

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Datum:  15 | 5 | 2010
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Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

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