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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

28. April 2012

Finanzkrise: „Die Banken sollen wieder der Realwirtschaft dienen“

 Von Stephan Kaufmann
Neue Sicht: Blick auf die Frankfurter Skyline vom Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB).  Foto: dpa

Der linke Wirtschaftsforscher Rudolf Hickel über die Macht der Finanzmärkte, die zerstörerische Kraft der Spekulation und die Verantwortung der Politik.

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Vor drei Jahren platzte in den USA die Immobilien-Spekulationsblase und riss die Welt in eine Rezession. Konjunkturprogramme und Bankenrettungen blähten die Staatsverschuldung auf. Daraufhin verloren die vom Staat geretteten Finanzmärkte ihr Vertrauen in die Solidität der Staatsfinanzen, was wiederum zur Euro-Krise führte. Daher, so der Ökonom Rudolf Hickel, muss die Macht der Spekulation ein für alle Mal gebrochen werden. „Die Banken sollen wieder der Realwirtschaft dienen“, fordert er.

Herr Hickel, bei welcher Bank sind Sie?

Bei der Sparkasse, schon immer. Das liegt in der Familie – meine Eltern waren für große Häuser wie die Deutsche Bank nie attraktiv.

Am Geschäft mit den Privatkunden halten Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Deutschland zwei Drittel, die Privatbanken nur ein Drittel. Dennoch sind sie zu groß und müssen zerschlagen werden, fordern Sie. Warum?

Mit „zerschlagen“ meine ich: Die Banken müssen so umstrukturiert werden, dass sie wieder der Realwirtschaft, den produzierenden Unternehmen dienen, also Kapital für Investitionen bereitstellen. Für die großen Investmentbanken jedoch ist das Geschäft mit der Finanzspekulation immer wichtiger geworden. Denn beim Zocken mit hochriskanten Wertpapieren wird erst einmal viel Geld verdient. Dadurch hat sich jedoch eine rein spekulative Finanzwelt von der Realwirtschaft abgekoppelt. Die gesamten globalen Finanztransaktionen lagen 2011 75 Mal höher als die Weltwirtschaftsleistung. Das ist doch ökonomischer Wahnsinn.

Zur Person

Rudolf Hickel (70) ist einer der bekanntesten linken Ökonomen Deutschlands. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Tübingen, lehrte ab 1971 Finanzwissenschaft und Politische Ökonomie an der Universität Bremen und war seit 1975 Mitglied der Memorandum-Gruppe, die alternative Sachverständigengutachten erstellt. Hickels jüngstes Buch heißt „Zerschlagt die Banken. Entmachtet die Finanzmärkte“. Hickel ist auch Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft an der Uni Bremen.

Wenn „75 Mal höher“ zu viel ist – was wäre denn eine angemessene Relation?

Das weiß natürlich keiner. Entscheidend ist hier der längerfristige Trend: Die Finanzvolumina sind seit den 1990er Jahren dramatisch schneller gestiegen als die Weltproduktion an Gütern und Dienstleistungen. Das ist ein Hinweis, dass sich im Weltwirtschaftsgefüge etwas zum Schlechten verändert hat. Dass sich die Finanzwelt von ihrer ökonomischen Wertschöpfungsbasis entkoppelt.

Haben Sie schon einmal spekuliert?

Ja, ich dachte allerdings, ich investiere in reale Werte. Ich hatte mir Aktien der Deutschen Telekom zugelegt. Was ich damals nicht wusste: Der Telekom-Aktienkurs war bereits in die Höhe spekuliert worden. Ich bin ziemlich auf die Nase gefallen.

Die Spekulation finden sie schlecht, solide Finanzinvestments hingegen gut. Wo verläuft die Grenze zwischen beiden?

Der Zweck unterscheidet sie. Nehmen wir Devisen-Swap-Geschäfte, mit denen sich Unternehmen gegen heftige Währungsschwankungen absichern können. Solch ein Finanzgeschäft ist sinnvoll und muss immer möglich sein. Was ich kritisiere, ist Spekulation, die überhaupt keinen Bezug mehr zur Realwirtschaft hat. Zum Beispiel Wetten auf Börsenindizes. Diese Spekulation schafft keine Werte, sondern nur fiktive, irreale Vermögen und Blasen – die irgendwann platzen.

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