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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

24. August 2013

Finanzkrise: Absturz vom Höhenflug

 Von Markus Sievers
Luxus-Bau am Rande des neuen Finanzbezirks von Istanbul.  Foto: rtr/Murad Sezer

Nach den USA und Europa bringen die Finanzinvestoren nun auch die Hoffnungsträger der vergangenen Jahrzehnte in Bedrängnis: die Schwellenländer in Lateinamerika, Afrika und Asien.

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Eine Wirtschaftskrise kann das Leben auch ein Stück weit normalisieren. Nur noch dieses Wochenende werden indische Familienväter ächzend und stöhnend überdimensionierte Flachbildschirme durch die Airports in New Delhi oder Mumbai schleppen.

Am Montag ist damit Schluss. Weil die heimische Währung Rupie im freien Fall nach unten saust, drosselt die indische Regierung mit aller Macht die Einfuhren, um das bedrohliche Handelsdefizit zu senken. Erstes Opfer ist die obere Mittelschicht Indiens, die nicht mehr zollfrei im Auslandsurlaub einkaufen kann.

Die Anleger fliehen

Währungskrise, Vertrauensverlust an den Finanzmärkten, Angst vor einem Einbruch der Wirtschaft – das kannten die Menschen die vergangenen Jahre aus Europa und zeitweise den USA. Nun drohen die Hoffnungsträger der vergangenen Jahrzehnte zu kippen, die Schwellenländer in Lateinamerika, Afrika und vor allem Asien. Die indische Rupie bricht auf Rekordtiefs im Verhältnis zum Dollar ein. Die Anleger fliehen aus der indonesischen Rupiah, dem brasilianischen Real, der türkischen Lira, dem südafrikanischen Rand.

Erinnerungen an die Turbulenzen der 90er Jahre werden wach, als schwere Krisen die Schwellenländer wie Mexiko, Südkorea und Indonesien erschütterten. Vor 16 Jahren sprachen die Herren der Finanzmärkte Thailand das Misstrauen aus. In einer Kettenreaktion kippten die Länder in der Region wie Dominosteine – mit verheerenden Folgen auch für die Realwirtschaft und einem dramatischen Verlust an Arbeitsplätzen. Droht jetzt die Wiederholung?

Auslöser für die neue Unruhe ist ausgerechnet der Westen mit seiner Anti-Krisen-Politik. Seit die US-Notenbank Fed im Mai den allmählichen Ausstieg aus der Politik des extrem billigen Geldes ankündigte, orientieren sich die Investoren rund um den Globus neu. Genauso schnell wie sie in der Zeit der ultraniedrigen Zinsen Milliarden aus den USA in die aufstrebenden Volkswirtschaften mit höheren Renditen steuerten, holen sie nun ihr Geld wieder zurück.

Erst befeuerten sie mit dem herumvagabundierenden Kapital eine Kreditblase in Asien. Jetzt lassen sie die Länder und deren Währungen fallen. „Nie war der globale Einfluss der US-Geldpolitik größer“, sagt Miles Geldard, Manager der Fondsgesellschaft Jupiter.

Ängste in Indien

Besonders in Indien schürt der Absturz der Währung Ängste. Schon schien das Milliardenvolk dem Giganten China Konkurrenz zu machen. Jetzt aber werden die gewaltigen Defizite sichtbar, die marode Infrastruktur, die miserablen Bedingungen für Investoren. Schon sinken die Wachstumsraten von acht oder neun Prozent auf vier bis fünf Prozent, zu wenig für ein Schwellenland mit Millionen von jungen Leuten, die alljährlich auf den Arbeitsmarkt drängen. Von „sehr ernsten Umständen“ spricht Premierminister Manmmohan Singh.

Anders als China sitzt Indien nicht auf gewaltigen Devisenreserven, weil es mehr importiert als exportiert. Zwar soll das daraus resultierende Leistungsbilanzdefizit in diesem Jahr von sieben Prozent auf vier Prozent vom Bruttoinlandsprodukt sinken. Doch die Sorge bleibt, dass dem Land die Mittel ausgehen, um die Währungskrise stoppen zu können.

Der Staat ist kaum im Ausland verschuldet. Doch in den Ruin treiben könnte der Sturz der Rupie die Unternehmen, die ihre Kredite in fremder Währung aufgenommen haben und nun viel mehr Rupien für die Tilgung aufwenden müssen. Auch heizt die Abwertung die ohnehin horrende Inflation von zehn Prozent an.

Trotz aller Warnzeichen aber spricht vieles dafür, dass 2013 nicht 1997 ist. Seit der letzten großen Asienkrise hat die Region an Widerstandskraft und Stabilität gewonnen. Mit flexiblen Wechselkursen können die Länder abrupte Veränderungen besser abfedern als damals, als sie mit ihren begrenzten Mitteln vergebens das einmal festgelegte Verhältnis zum Dollar zu verteidigen versuchten.

„Abkühlung unvermeidbar“

„Eine gewisse Abkühlung ist unvermeidbar, vor allem für die reiferen Volkswirtschaften in der Region“, sagt Noreo Usui von der Asiatischen Entwicklungsbank. Und Jean Medecin vom Vermögensverwalter Carmignac Gestion betont: „Es gibt eine negative Aneinanderreihung. Aber ich denke nicht, dass uns eine Wiederholung der Krisen der 90er Jahre bevorsteht.“

Doch selbst eine nachlassende Dynamik in den Schwellenländern hätte massive Folgen für die Weltwirtschaft, haben sie doch ihren Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung innerhalb von zwei Jahrzehnten um die Hälfte auf mehr als 50 Prozent nach oben katapultiert.

Noch im Frühjahr befürchtete der Internationale Währungsfonds eine Erholung in drei Geschwindigkeiten: Die USA berappeln sich, die Schwellenländer florieren und Europa lahmt. Heute sieht die Weltkarte anders aus: Während die USA die Erwartungen erfüllen, überraschen die Euro-Länder positiv. Und die Sorge gilt Staaten, die jahrelang die Weltwirtschaft fast allein angetrieben haben.

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