London. Es ist, als hätte es nie einen Credit Crunch gegeben. Den Bossen britischer Banken und Großunternehmen ist die Finanzkrise gerade ein müdes Lächeln wert. Mögen die Einbrüche der vergangenen zwei Jahre auch zu katastrophalen Ergebnissen, Bankenkollapsen, gigantischen staatlichen Hilfsaktionen, Massenentlassungen und einer Weltwirtschaftskrise geführt haben: An der Überzeugung der meisten Vorstandsvorsitzenden und Generaldirektoren, dass sie "es wert sind", hat sich nichts geändert.
Selbst die Chefs strauchelnder Konzerne und gescheiterter Finanzriesen bewilligen sich fröhlich wieder Millionengehälter. Bei der Royal Bank of Scotland (RBS), inzwischen zu 70 Prozent vom britischen Steuerzahler getragen, haben sich vier der ranghöchsten Direktoren jetzt Aktien im Wert von über fünf Millionen Pfund (5,7 Millionen Euro) zugeteilt. Die Verantwortliche fürs US-Geschäft der Bank, Ellen Alemany, streicht allein schon die Hälfte dieser Summe ein.
Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut. Analysen und Kommentare, Fotostrecken und Abstimmungen im neuen Spezial: Banken im Umbruch.
Der Hauptverantwortliche für den RBS-Zusammenbruch vom Vorjahr, Sir Fred Goodwin, ließ sich zum Abschied einen Rententopf von 16 Millionen Pfund (18,2 Millionen Euro) überreichen. Das Ganze sei "vollkommen ungerechtfertigt und unakzeptabel", poltert der Finanzsprecher der sonst durchaus wirtschaftsfreundlichen britischen Liberalen, Vince Cable. Dennoch sind die Jahres-Einkommen britischer Banken-Bosse laut BBC in den vergangenen zwei Jahren im Schnitt von 800 000 Pfund auf eine Million (1,14 Millionen Euro) gestiegen.
Solche Unbekümmertheit hat in den vergangenen Wochen ein Dutzend spektakulärer Rebellionen unter Aktionären ausgelöst. Nicht nur bei der RBS, auch bei der Baufirma Bellway, dem Grubenunternehmen Xstrata, der Darlehensgruppe Provident Financial, der Modefirma Next, dem Financial-Times-Herausgeber Pearson und den Petroleum-Riesen Shell und BP haben Groß- und Kleinaktionäre auf den jüngsten Gesellschafter-Versammlungen "Nein" gesagt zu den dreisten Gehältern ihrer diversen Chef-Operateure.
Bei Shell zum Beispiel, dessen schwache Ergebnisse zu einem automatischen Bonus-Stop hätten führen müssen, stimmte vorige Woche eine Aktionärs-Mehrheit erstmals gegen den vorgelegten Entlohnungsplan für die Spitzenleute. Das Management aber stellt sich taub. Generaldirektor Jeroen van der Veer soll weiterhin ein Gehalt von neun Millionen Pfund (10,3 Millionen Euro) und einen Bonus von einer Million erhalten. "Bizarr" kommt Schröders-Finanzchef Richard Buxton "der Mangel an Sensibilität" seitens vieler Manager vor - "wenn man bedenkt, wie sich die Welt verändert hat".
Eine kleine Minderheit immerhin hat die Zeichen der Krisen-Zeit erkannt. Bei der verstaatlichten Bank Bradford & Bingley hat sich Vorstandschef Richard Pym sein 750 000-Pfund-Gehalt (855 000 Euro) freiwillig halbieren lassen und auf seinen 187 000-Pfund-Bonus (213 000 Euro) für dieses Jahr verzichtet. Bingleys neuer Generaldirektor Richard Banks will sich als "Billig-Banker" sogar mit einem Jahresgehalt von 250 000 Pfund (285 000 Euro) bescheiden - sein Vorgänger hatte noch das Sechsfache dieser Summe, plus einen fetten Bonus, erhalten.
British-Airways-Boss Willie Walsh ließ sich derweil etwas Besonderes einfallen, um seine Aktionäre über einen Rekord-Verlust von 400 Millionen Pfund (456 Millionen Euro) im Vorjahr hinwegzutrösten und seine Mitarbeiter in Zeiten von Lohnkürzungen und Entlassungen zu versöhnen. Walsh kündigte an, er werde im Juli kostenlos für die Firma arbeiten. Seinen Untergebenen kamen bei diesem Gelöbnis fast die Tränen: Statt mit 735 000 Pfund (834 000 Euro) wird Walsh im BA-Krisenjahr nun mit lumpigen 673 000 Pfund (767 000 Euro) auskommen müssen.
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