Hagen verliert mehr als 50 Millionen Euro, Remscheid 13 Millionen - die Finanzkrise trifft Kommunen. Das berichtet der Bund der Steuerzahler. Schuld sind Zinsspekulationen der Kämmerer.
In seinem aktuellen "Schwarzbuch" listet der Steuerzahlerbund 119 Fälle von Verschwendung aufgrund von Fehlplanungen, Kostenexplosionen, Luxusreisen oder teurer Imagepflege auf.
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In seinem aktuellen "Schwarzbuch" listet der Steuerzahlerbund 119 Fälle von Verschwendung aufgrund von Fehlplanungen, Kostenexplosionen, Luxusreisen oder teurer Imagepflege auf.
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Berlin. Rund 700 Städten und Gemeinden drohen nach Angaben des Bundes der Steuerzahler hohe Millionenausfälle, weil sie sich in großem Stil verspekuliert haben. So seien der Stadt Hagen mehr als 50 Millionen Euro, Remscheid 13 Millionen, Neuss zehn Millionen und der Stadt Mühlheim sechs Millionen Euro verloren gegangen. Die Kämmerer hätten Steuergeld für Zinsspekulationen - sogenannte Swap-Geschäfte - eingesetzt, sagte Verbandspräsident Karl Heinz Däke in Berlin.
Damit sei die Liste nicht abgeschlossen. Experten schätzten, dass bundesweit rund 700 Kommunen solche Geschäfte abgeschlossen hätten "und noch viele Millionen Euro Steuergeld verloren gehen", sagte Däke.
Mit der die Finanzkrise entstünden den Steuerzahlen finanzielle Lasten auf allen staatlichen Ebenen. Das Ausmaß sei noch nicht absehbar. Däke kritisierte, dass die Rettung der Mittelstandsbank IKB den Steuerzahlern direkt und indirekt 9,2 Milliarden Euro gekostet habe.
Obwohl die Bundesregierung im Aufsichtsrat der IKB vertreten sei, habe sie sich über die Verluste ahnungslos und desinformiert gezeigt. "Für die Steuerzahler ist das ein weiterer Schlag ins Gesicht, denn wozu gibt es denn überhaupt Aufsichtsräte", sagte Däke. Diese Frage stelle sich auch für viele Landesbanken.
Die Finanzkrise - wie alles begann
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Die Finanzkrise - wie alles begann
Im April 2007 muss einer der größten US-Hypotheken-Anbieter Gläubigerschutz bei der Börsenaufsicht beantragen. Die New Century Financial hat sich mit Risikokrediten verkalkuliert, die die Schuldner nicht mehr zurückzahlen können. Die Bank wird zahlungsunfähig und bleibt ihren Gläubigern selbst acht Milliarden Dollar schuldig. 3200 Leute verlieren ihren Job, viele Amerikaner müssen ihre Häuser verkaufen.
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Schon schrillen an der Wall Street die Alarmglocken: Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns haben in großem Stil in die Immobilien-Papiere investiert. Die Bank erleidet dramatische Kurseinbrüche. Sie wird zwar in letzter Minute durch eine Finanzspritze von der amerikanischen Notenbank gerettet, der Kursrutsch hat an der Börse allerdings Panik ausgelöst.
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Bei den Menschen lösen die Nachrichten Panik aus: Besorgte Kunden stürmen im September 2007 die Schalter der britischen Bank Northern Rock. Die Regierung und die Bank von England garantieren die Einlagen, Northern Rock wird vom Staat übernommen.
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Die Krise rollt über den Atlantik nach Deutschland: Die deutsche Mittelstandsbank IKB erlebt eine Fast-Pleite - ebenfalls durch riskante Spekulationen. Nach dem Notverkauf an einen Finnazinvestor rollen die Köpfe. Diese beiden sollen die nun Industriebank aus der Krise führen: Der neue Vorstandsvorsitzende Günther Bräunig und Finanzvorstand Reinhard Grzesik.
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Anfang September 2008 stolpern die beiden größten Baufinanzierer der USA, Fannie Mae und Freddie Mac, über die faulen Kredite. Am Ende mischt sich die US-Regierung in den Markt ein und greift beiden Instituten unter die Arme. Beide Banken zusammen tragen etwa die Hälfte aller amerikanischen Hypotheken.
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Damit die Geldmärkte durch die großen Wertverluste an den Aktienmärkten nicht austrocknen, pumpen die EZB und Notenbanken auf der ganzen Welt kurzfristig mehrere hundert Milliarden in den Geldmarkt. Trotzdem können sie die Katastrophe nicht verhinden...
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Der 15. September 2008 wird wohl als "schwarzer Montag" in die Geschichte eingehen: Die einflussreiche US-Bank Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden.
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Lehmans Konkurrent Merrill Lynch wird von der Bank of America aufgekauft. Von heute auf morgen müssen hunderte Banker ihre Büros räumen. Sie stehen nun auf der Straße und beobachten fassungslos den Untergang der sicher geglaubten Bankenwelt.
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Der US-Leitindex Dow Jones erleidet den stärksten Tagesverlust seit den Terrorattacken am 11. September 2001. Auch der Dax bricht zusammen. An den Börsen weltweit herrscht der Ausnahmezustand.
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Und wieder lässt das Echo in Deutschland nicht lange auf sich warten: Die deutschen Landesbanken, allen voran die WestLB und die BayernLB, verzeichnen millionenschwere Abschreibungen. Sie hatten in großem Stil bei Lehman Brothers investiert.
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Den größten Patzer leistet sich die Mittelstandsbank IKB: Obwohl die Pleite von Lehman Brothers inoffiziell schon bekannt ist, überweist das Management 336 Millionen Euro. Das Geld ist weg - die Verantwortlichen müssen das Bankhaus ebenfalls verlassen.
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Der Versicherungsriese AIG gerät durch Milliardenverluste in akute Kapitalnot. Der Aktienkurs bricht um 68 Prozent ein, die Weltbörsen setzen ihre Talfahrt fort. Die Notenbanken pumpen noch einmal fast 150 Milliarden Euro in den Geldmarkt. Tags darauf rettet die Bank of America AIG mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar.
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Auf der ganzen Welt rücken die überlebenden Banken zusammen: Die zweitgrößte US-Investmentbank Morgan Stanley nimmt Fusionsverhandlungen mit dem US-Finanzkonzern Wachovia auf. Die britische Großbank Lloyds TSB übernimmt die kriselnde schottische Bank HBOS.
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Die US-Regierung unter der Führung von Finanzminister Henry Paulson ersinnt am 19. September ein milliardenschweres Rettungspaket und löst damit ein Kursfeuerwerk an den Börsen aus. Paulson wird als "King Henry" gefeiert. Die USA und Großbritannien verhängen ein weitreichendes Verbot für sogenannte Leerverkäufe, also Wetten auf sinkende Aktienkurse.
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Am 22. September kippt das 75 Jahre alte Modell der unabhängigen US-Investmentbanken: Die letzten verbliebenen Institute, Goldman Sachs und Morgan Stanley, geben ihren Sonderstatus auf und werden gewöhnliche Geschäftsbanken.
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Geldmann für Goldman: Der Amerikaner Warren Buffett wird zum milliardenschweren Schutzengel und unterstützt die ehemalige Investmentbank Goldman Sachs mit einer beispiellosen Finanzspritze. Damit verhindert er den Zusammenbruch eines weiteren traditionellen Bankhauses.
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Die größte Sparkasse der USA, Washington Mutual, fällt der Finanzkrise zum Opfer. Sie wird von JPMorgan Chase übernommen. In Europa bangen die Menschen um ihre Spareinlagen.
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Die Bankenkrise sorgt sogar für einen kurzfristigen Waffenstillstand im US-Wahlkampf. Ein Krisentreffen zwischen Präsident Bush und den beiden Kandidaten, Barack Obama und John McCain, bleibt allerdings ergebnislos. Der Senat stimmt nach tagelangen Debatten dem überarbeiteten Rettungsplan zu, der zusätzliche 100 Milliarden Dollar für Hausbesitzer und Unternehmen vorsieht.
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Doch die Krise ist nicht aufzuhalten und zieht weite Kreise in Europa: Der belgisch-niederländische Immobilienfinanzierer Fortis erleidet den größten Kursverlust seiner Geschichte. Der belgische Staat stellt schließlich in Absprache mit der EU-Kommission das rettende Finanzpaket.
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Ein ähnliches Schicksal erleidet die deutsche Hypo Real Estate. Auch hier springt der Staat rettend ein und löst damit eine Debatte um eine "Komplettlösung" für den Bankensektor aus. Andere europäische Länder wie Irland und Österreich haben bereits einen staatlichen Schutzmantel in Form einer Einlagensicherung über ihre Landesbanken gebreitet.
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Auch die Bundesregierung möchte den Sparern die Angst nehmen. Am 6. Oktober spricht Angela Merkel nach stundenlangen Verhandlungen eine Garantie für die Spareinlagen ihrer Bürger aus.
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Doch auch die guten Nachrichten vermögen die Talfahrt an der Börse nicht zu stoppen: Der Dax fällt am gleichen Tag auf einen historischen Tiefststand.
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Nebel über Island: Auf der Insel beginnt ein beispielloser Bank-Run. Kunden der Kaupthing-Bank, die im Ausland mit Zinssätzen von über sechs Prozent um Sparer geworben hatte, bleiben im Unklaren über ihre Einlagen. Deutsche Verbraucherschützer sind empört.
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Ende Oktober fordert die Finanzkrise in Deutschland ihr erstes politisches Opfer: Erwin Huber, bayrischer Finanzminister, stolpert über die desolate Lage der landeseigenen BayernLB, die als erste Bank unter den 500-Milliarden-Euro schweren Rettungsschirm des Bundes schlüpft.
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Nach der angeschlagenen Hypo Real Estate greift Anfang November auch die Commerzbank in großem Stil auf das Rettungspaket der Bundesregierung zurück und bessert damit ihr Kapital auf.
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Mitte November: Nach den Banken gerät die nächste Branche in Bedrängnis. Fast alle deutschen Autobauer drosseln die Produktion. Opel, deutsche Tochter der amerikanischen General Motors, ruft nach staatlicher Hilfe - und noch ist kein Ende der Spirale in Sicht.
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Text: Miriam Olbrisch
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So fing es an: Börsenkurse auf der ganzen Welt brechen ein. (Archiv)
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Der Verbandschef forderte für staatseigene oder teilstaatliche Banken ein Verbot hochspekulativer, risikoreicher Geschäfte. Die Bundesregierung dürfe angesichts der Krise nicht von ihrem Ziel der Haushaltskonsolidierung abweichen. Vielmehr räche sich, dass sie das Ziel nicht früher realisiert habe.
In seinem neuen Schwarzbuch listet der Verband 119 Beispiele auf, in denen sorglos mit Steuermitteln umgegangen wurde. Zum großen Teil handelt es sich dabei um öffentliche Bauprojekte, die sich als wenig erfolgreich oder gar unnötig herausgestellt hätten.
Besonders skurril liest sich ein tierfreundlicher Verwaltungsakt in der sächsischen Gemeinde Nünchritz. Die 6400-Einwohner-Gemeinde baute ein neues Schulhaus und musste "als Ausgleichsmaßnahme für wegfallende Nester" einen Mehlschwabenturm errichten. "Doch leider nehmen die Schwalben den Turm bislang nicht an", schreiben die Autoren des Schwarzbuches und liefern die Begründung gleich mit: Damit sei "im ländlichen Raum auch nicht zu rechnen". Die Gemeinde Nünchritz selbst treffe übrigens keine Schuld: Sie musste sich den Auflagen des Umweltamtes beugen, um Fördergeld für das Schulzentrum zu bekommen - die Kosten: 13.000 Euro.
Als Schildbürgerstreich bezeichnete Däke ein Bewegungsbad im baden-württembergischen Bad Schussenried, das für rund 3,4 Millionen Euro gebaut, nie eröffnet und schließlich für 226000 Euro versteigert wurde.
Zum ersten Mal nannte Däke keine konkrete Summe zur Verschwendungssucht von Behörden und staatlichen Organisationen. Seit Mitte der 90er Jahre hatte der Steuerzahlerbund die staatliche Misswirtschaft immer auf denselben Betrag beziffert. Kritiker warfen dem Verein daher Populismus und mangelnde Seriosität vor.
Däke hatte sich bei seinen Schätzungen auf die Annahmen der Rechnungshöfe gestützt, die davon ausgingen, dass bis zu 95 Prozent der öffentlichen Mittel korrekt eingesetzt würden. Im Umkehrschluss rechnete der Steuerzahlerbund mit etwa fünf bis zehn Prozent der öffentlichen Ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden, die verloren gingen. Bei etwa 600 Milliarden Euro Gesamtausgaben ohne Zinslasten seien das rund 30 Milliarden Euro.
Däke sagte, angesichts der Kritik habe er in diesem Jahr Gutachten anderer Institute herangezogen. "Die Zahlen haben bestätigt, dass wir mit unserer bisherigen Schätzung absolut im grünen Bereich liegen." Ein Gutachten des wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministerium etwa habe ergeben, dass der Staat durch besseres Wirtschaften jährlich 36 Milliarden Euro sparen könnte. "Damit sehen wir unsere früheren Angaben bestätigt."
Die Gesamtsumme der Steuerverschwendung exakt auf den Cent zu beziffern, sei jedoch unmöglich. "Ob es 20, 30 oder 40 Milliarden Euro sind, ist aber letztlich egal", betonte Däke. Es gehe um den ordnungsgemäßen Umgang mit Steuergeld.
In seinem aktuellen "Schwarzbuch" listet der Steuerzahlerbund Fälle von Verschwendung aufgrund von Fehlplanungen, Kostenexplosionen, Luxusreisen oder teurer Imagepflege auf. "Das sind mehr als zuvor", sagte Däke. "Die Zahl der Beispiele, die uns aus der Bevölkerung genannt werden, nehmen immer mehr zu. Offenbar sind die Menschen sensibler geworden." Dargestellt werden aber auch drohende oder verhinderte Fälle.
Auffällig viele Beispiele seien auf Mischfinanzierungen durch mehrere Verwaltungsebenen zurückzuführen. "Um Zuschussmöglichkeiten nicht ungenutzt zu lassen" würden in solchen Fällen Projekte oft größer oder aufwendiger geplant und verwirklicht. (rtr/ddp/dpa)