Rio de Janeiro. Soll das Weltsozialforum eine Werkstatt für Ideen bleiben? Oder muss es umgewandelt werden in eine schlagkräftige Organisation mit linkem, gar "anti-imperialistischem" Ziel? Seit es das Forum gibt, streitet es über seinen eigenen Sinn und Zweck - besonders jetzt, in seinem zehnten, im Jubiläumsjahr.
Doch zunächst wurde gejubelt: Das Weltwirtschaftstreffen in Davos habe nicht mehr die gleiche Bedeutung, "den gleichen Glamour wie 2003", rief Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva auf der Konkurrenz-Veranstaltung aus, dem Weltsozialforum in Porto Alegre.
Zum Weltsozialforum (WSF) kamen im Jahr 2001 erstmals Kritiker der Globalisierung im brasilianischen Porto Alegre zusammen. Das WSF ist seither als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum gedacht.
Beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos debattieren noch bis Sonntag Spitzenmanager und Vertreter von 30 Regierungen unter dem Motto "Überdenken, Umgestalten, Erneuern".
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann erneuerte zum WEF-Auftakt seine Kritik an Plänen zu einer radikalen Einschränkung des Bankgeschäfts. Solche Begrenzungen führten in die Irre, da sie nur die Gefahr erhöhten, dass Anbieter in unregulierte Kapitalmärkte flüchten. (tos)
Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen. Reden Sie mit über
Denn schließlich habe die Finanzkrise gezeigt, dass das Weltwirtschaftssystem nicht mehr funktioniere. Die 8000 Zuhörer quittierten das mit Beifall. Lula selbst stieg danach gleich ins Flugzeug nach Davos, wo er als "Staatsmann des Jahres" geehrt werden soll.
Mag sich der globale Kapitalismus in Davos den Kopf über sich selber zerbrechen - auch seine Kritiker denken darüber nach, welche Konsequenzen zu ziehen sind aus den jüngsten Entwicklungen. Zum zehnten Mal findet das Weltsozialforum statt, teils dezentral in anderen Ländern übers Jahr verteilt, und zum Auftakt eben im südbrasilianischen Porto Alegre, wo es 2001 zum ersten Mal zu Gast war.
Was hat sich nicht alles getan in diesen zehn Jahren! Bush ist gekommen und gegangen, die Weltbank taugt nicht mehr als Buhmann, der Rohstoff-Boom schmälert die einst unangefochtene US-Hegemonie in Lateinamerika.
Aber zugleich ist die Ohnmacht gestiegen: Offenbar schwindet die Steuerungsfähigkeit des politischen und wirtschaftlichen Systems, wie der Fehlschlag von Kopenhagen und die Finanzkrise zeigen. Eine Krise der Zivilisation, diagnostizieren viele Teilnehmer - bloß, was folgt daraus?
"Wir brauchen nicht nur ein anti-neoliberales, sondern ein antiimperialistisches Programm", forderte João Pedro Stédile, der Chef der brasilianischen Landlosenbewegung MST, "die Lage ist ernst, mit so vielen Rechtsregierungen weltweit". Stédile liegt damit auf der Linie von Hugo Chávez und Evo Morales, den linken Staatschefs von Venezuela und Bolivien, die das Forum gerne in eine Art Internationale der sozialen Bewegungen verwandeln würden.
"Das sind die alten Leute mit der alten Linkspolitik", murrte dagegen Chico Whitaker, einer der Gründerväter des Treffens, und verteidigte das Forum als Plattform verschiedener Organisationen, Gruppen und Bewegungen. Ist das Forum, wenn es keine Fünfte Internationale werden soll, dann zur Unverbindlichkeit verdammt, gemäß seinem verträumten Motto: "Eine andere Welt ist möglich"?
Statt mit "einem Wust von Papieren zu enden", solle das Forum lieber mehr konkrete Vorschläge vorlegen, forderte Lula. Ähnlich argumentiert auch der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos, einer der Vordenker des Forums: "Um nachhaltig zu sein", müsse das Forum erstens in anderen Teilen der Welt präsent sein. Und zweitens müsse es "solide kritische Gedanken und Vorschläge" zu den drängenden Problemen der Gegenwart erzeugen. Niemand verstehe doch, dass das Forum nicht seine Stimme zur Reform der UN oder zum Klimawandel erhoben habe.
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