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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

17. August 2015

Griechenland : "Zu schnell zu viel verlangt"

 Von 
Die SPD-Abgeordnete Elke Ferner, 57, vor dem Hafen auf der griechischen Insel Syros. Am Dienstag macht sie sich auf die Reise nach Berlin, wo im Bundestag über die Griechenlandhilfe abgestimmt wird.  Foto: Karl Doemens

Seit 30 Jahren verbringt die SPD-Abgeordnete Elke Ferner ihren Urlaub auf der griechischen Insel Syros. Am Mittwoch muss auch sie über das Rettungspaket abstimmen. Ein Besuch im Feriendomizil.

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Seit 30 Jahren verbringt die SPD-Abgeordnete Elke Ferner ihren Urlaub auf der griechischen Insel Syros. Am Mittwoch muss auch sie über das Rettungspaket abstimmen. Ein Besuch im Feriendomizil.

Hier oben scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Gerade mal zehn Minuten hat die kurvenreiche Fahrt von der Inselhauptstadt Hermoupolis hinauf in das mittelalterliche Bergdorf Ano Syros mit seinen weiß gekalkten Häuschen gedauert. Die Taxi-Tour kostet ganze 3,48 Euro und beschert doch eine erste Überraschung: Zum Abschied druckt der Fahrer eine akkurate Quittung aus, inklusive 16 Prozent Mehrwertsteuer . „Oriste! Bitte!“ – von wegen Schummel-Grieche!

Nun wandert der Blick über den kargen Rücken der Kykladen-Insel Syros. Er streift das pastellfarbene Häusermeer von Hermoupolis, die von einer blauen Kuppel gekrönte orthodoxe Kathedrale, den Hafen mit dem rostigen Dock der Neorion-Werft und verliert sich schließlich in den Weiten der Ägäis. Am Horizont kann man Naxos und Paros erahnen. Ein laues Lüftchen macht die flirrende Hitze erträglich. Es riecht nach Oleander, Basilikum und frischer Lackfarbe.

Die Insel Syros – hier hat Elke Ferner ihr Ferienhaus.
Die Insel Syros – hier hat Elke Ferner ihr Ferienhaus.
 Foto: imago stock&people

„Der Schreiner ist noch nicht ganz fertig“, begrüßt Elke Ferner im Sommerkleid den Besucher aus der deutschen Heimat. Die frisch gestrichene Holztür ihres Ferienhauses strahlt so himmelblau wie aus einem Griechenland-Prospekt. Hinter der prächtigen Bougainvillea arbeitet Joakim Petridis auf der Terrasse einen Fensterrahmen auf. Schon zu Ostern hatte Ferner den Handwerker bestellt. Vergeblich. Jetzt hat er Zeit. Die Auftragslage in diesem Sommer ist ziemlich mau.

Seit Jahrzehnten die zweite Heimat

Syros, einst wichtigste Drehscheibe des Handels im östlichen Mittelmeer, ist seit drei Jahrzehnten die zweite Heimat von Elke Ferner. Das Leben der 57-Jährigen ist reich an Facetten: Programmiererin, Bundestagsabgeordnete, Sprecherin der SPD-Frauen, im Saarland einst enge Verbündete von Oskar Lafontaine, inzwischen dessen erbitterte Gegnerin und nun Parlamentarische Staatssekretärin im Familienministerium. An ihrer Liebe zu Griechenland hat sich in dieser Zeit so wenig geändert wie an ihrer markanten roten Kurzhaarfrisur. Regelmäßig tankt die Politikerin zu Weihnachten, zu Ostern und im Sommer auf Syros Licht und Lebensfreude auf. Dann liest sie auf der Veranda, kauft in der Marktstraße frische Feigen, Zucchiniblüten oder Tintenfisch ein und kocht in ihrer Küche zwischen dicken Natursteinwänden. Oder sie spielt draußen bei einem Weißwein mit ihrem Mann das Brettspiel Tavli.

Aber in diesem Jahr ist vieles anders. Nicht nur hat der Tischler Petridis überraschend viel Zeit. Vor ein paar Wochen gaben die Geldautomaten an der Hafenpromenade plötzlich nur noch 60 Euro her. Bei Alekos Kalogeras, dem Besitzer eines kleinen Reisebüros nahe des Kais, blieben die Kunden aus. „Das ist das schlechteste Geschäftsjahr meiner Firmengeschichte“, klagt der Unternehmer.

Griechenland steht wirtschaftlich am Abgrund. Das Land braucht dringend neue Milliardenhilfen, am Mittwoch soll der Bundestag einem weiteren Rettungspaket zustimmen. Für die Sondersitzung muss Elke Ferner ihren Urlaub unterbrechen. Doch es droht nicht nur eine Rezession im Land. Längst ist auch die Freundschaft zwischen Deutschen und Griechen in Gefahr.

Die Sonne brennt. Elke Ferner holt eine neue Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und rückt ihren Stuhl vor dem Haus in den Schatten. Dann erzählt sie, wie eine griechischstämmige Genossin im Saarbrücker SPD-Ortsverein sie 1984 erstmals nach Syros einlud. Die deutsche Linken schwärmten damals für Mikis Theodorakis, Hellas war ihr Sehnsuchtsziel. Elke Ferner war fasziniert von der wenig bekannten Insel, wo kaum jemand Englisch sprach. Bei ihren nächsten Besuchen begann sie, Griechisch zu lernen. Sie kaufte ein Häuschen und engagierte sich in der deutsch-griechischen Parlamentariergruppe.

Manchmal verteidigt sie Schäuble

Heute schreiben ihr erboste Parteifreunde von der Saar, es müsse Schluss sein mit den deutschen Milliarden für die gierigen Südländer. „Erwarte sofortige Antwort!“, beendete ein Genosse seinen Brief. Ihre Freunde in Athen aber erregen sich: „Schäuble ist ein Nazi!“ Nein, das ist er nicht, widerspricht die SPD-Frau dann energisch, obwohl sie mit dem Finanzminister oft nicht einer Meinung ist. Persönlich angefeindet immerhin wurde sie als Mitglied der Bundesregierung noch nicht.

Was aber ist eigentlich los mit den Griechen? „Viele haben schlichtweg die Schnauze voll von den alten Parteien und wollen nun einfach irgendetwas anderes – egal was“, sagt die Deutsche. Sie hat erlebt, wie vor der Euro-Einführung 2001 die Inflation galoppierte und die Drachme ständig abgewertet wurde: „Für uns ist nie etwas teurer geworden, aber für die Griechen war das eine schwere Last.“ Dann kam der Euro. Die alten Regierungen schönten Statistiken und tolerierten Günstlingswirtschaft und Korruption. Zur Jahreswende 2009/2010 drohte erstmals die Staatspleite. „Plötzlich blieben hier Geschäfte zu, und an der Tür hingen Schilder: Zu vermieten.“

Das war der Beginn einer Abfolge von Sparprogrammen und Rettungsaktionen. In der hoch verschuldeten Werft unten am Meer, dem größten Arbeitgeber der Insel, werden längst keine großen Schiffe mehr gebaut. Die geschrumpfte Belegschaft repariert nur noch Boote. Selbst die, die ihren Job behalten haben, leiden unter der Krise: Eine Freundin von Ferner arbeitet als Lehrerin in Athen. In den letzten fünf Jahren sank ihr Nettogehalt von 1400 auf 1000 Euro. „Es wurde zu schnell zu viel verlangt“, kritisiert die SPD-Politikerin die europäische Rettungspolitik.

"Zum Glück habe ich mich geirrt"

Viele griechische Bekannte haben bei dem Referendum deshalb mit „Oxi“, mit Nein, gestimmt. Vergeblich hat Ferner am Telefon versucht, sie davon abzuhalten. Das Referendum sei verantwortungslos, hat sie in der SPD-Zeitung Vorwärts gewarnt: „Ein Nein bedeutet, dass Griechenland künftig vollkommen auf sich allein gestellt ist und niemand mehr dem Land einen Kredit gewähren wird.“ Die Kehrtwende der Tsipras-Regierung nach der Abstimmung hatte sie nicht erwartet. „Zum Glück habe ich mich geirrt“, sagt sie heute.

Mit Geld allein aber werden die Probleme nicht zu lösen sein. Ferner sieht dringenden Handlungsbedarf auch beim griechischen Staat: „Da muss vieles besser werden. Zu oft gibt es Ineffizienz, Günstlingswirtschaft und Korruption.“ Der frühere Münchner SPD-Oberbürgermeister Christian Ude hat kürzlich in einem Interview bitter berichtet, wie es ihm erst nach Einschaltung eines Anwalts gelang, Grundsteuer für sein Haus auf der Nachbarinsel Mykonos zu zahlen. Ganz so schwierig war der legale Immobilienerwerb für die Ferners auf Syros nicht. Hier existiert ein Kataster, und die – niedrige – Grundsteuer wird automatisch mit der Stromrechnung eingezogen. Von einer gerechten Verteilung der Lasten sei das Land trotzdem weit entfernt, kritisiert die Politikerin: „Ich bin schwer enttäuscht, dass eine linke Regierung bislang keinerlei Ehrgeiz zeigt, die Reichen und Superreichen zur Kasse zu bitten.“

Manchmal kann dieses Land selbst seine größten Freunde an den Rand der Verzweiflung treiben. Der Tag ist fortgeschritten. Ferner muss im Reisebüro noch ihre Heimreise nach Berlin zur Sondersitzung des Bundestages organisieren. Mit dem kleinen roten Panda geht es hinab in die Inselhauptstadt. Doch Alekos Kalogeras ist beschäftigt. Zwei junge Urlauberinnen wollen ein Schiffsticket nach Naxos buchen. Die Fähre kommt von Piräus, hält in Syros und fährt dann weiter auf die Nachbarinsel. Der Computer aber fordert für die Teilstrecke von hier einen höheren Preis als für die Gesamtpassage. Die Kundinnen protestieren. Kalogeras, ein Mittfünfziger, lacht: „Das ist Griechenland!“ Eine Petitesse. Und doch bezeichnend. „Man ist in diesem Land oft hin- und hergerissen zwischen Faszination und Frustration“, stöhnt Ferner.

So ging es ihr auch im vergangenen Dezember. Die deutsche Ehefrau des früheren Athener Parlamentspräsidenten Philippos Petsalnikos hatte ihr von einer Kooperative auf dem Festland berichtet, in der Frauen hausgemachte Produkte wie Nudeln, eingelegte Tomaten, Oliven und Marmelade vermarkten würden. Die Politikerin war begeistert. Sie nahm Kontakt auf und warb in Deutschland um Unterstützung. In der Bundestagsfraktion redete sie allen Kollegen ins Gewissen. Sie selbst orderte gleich zehn 30-Euro-Pakete. Doch auf die Weihnachtspräsente für ihre Mitarbeiterinnen wartet sie noch heute. Die Kooperative kam mit der Produktion nicht nach und war mit dem Vertrieb hoffnungslos überfordert.

Der Juli? Eine Katastrophe

Als die Touristinnen abgezogen sind, hat Alekos Kalogeras in seinem Reisebüro Zeit für die Stammkundin Elke. Sein türkisgrünes T-Shirt zeigt die Umrisse von Kalifornien. Nein, hier auf Syros läuft es gar nicht gut in diesem Jahr. Der Juli, der Monat des Referendums, war eine Katastrophe. „Insgesamt ist dieser Sommer ein Winter“, klagt der Grieche. Draußen auf der Hafenpromenade, wo Urlauber bei 35 Grad nach einem Schattenplatz im Café suchen, hat man diesen Eindruck nicht. Auch die Hotels sind voll. Doch die Gäste auf Syros kommen hauptsächlich vom griechischen Festland. Und die halten die Taschen zu. Auf der Theke steht ein Werbeständer für die Express-Fähre in die Hauptstadt. „Früher waren die Schnellboote nach Athen jeden Sonntagabend ausgebucht“, sagt Kalogeras. Die Überfahrt kostet 47 Euro. Heute nehmen die Wochenendausflügler für 33 Euro die normale Autofähre, obwohl der Koloss 90 Minuten länger braucht.

Den Schuldigen für die Misere hat Kalogeras schon ausgemacht: „Alexis Tsipras hat mir das Geschäft versaut.“ Die Wirtschaft habe durch die Kapriolen der Syriza-Regierung wertvolle Zeit verloren, das Referendum das Chaos erst komplett gemacht. Doch auch zu den von der Europäischen Union erzwungenen Reformen hat der Geschäftsmann wenig Zutrauen. So soll der Mehrwertsteuersatz auf den Inseln im Oktober auf 23 Prozent angehoben werden. „Alles wird teurer – wie sollen wir da noch mit der Türkei konkurrieren?“, fragt Kalogeras. Dann die Steuer! Fürs ganze Jahr soll er sie nun im Voraus entrichten: „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“

Vertrackte Lage

Die Lage ist vertrackt. „Dass in Athen nun ausgerechnet eine extrem populistische Regierung den Müll wegräumen muss, den die Vorgänger hinterlassen haben, ist der Kern des Dilemmas“, sagt Elke Ferner. Auch sie ist nicht von allen Bestandteilen des dritten Hilfspakets überzeugt. Die geplanten Privatisierungen etwa sieht sie skeptisch. Kritik an der Heraufsetzung des Pensions- und Rentenalters aber kontert sie: „Bei uns muss man auch länger arbeiten.“ Das Paket ist ein Kompromiss. „Unterm Strich sehe ich keine mehrheitsfähige Alternative, die besser wäre“, sagt Ferner – schon gar nicht den „Grexit“, den Austritt Griechenlands aus der gemeinsamen Währungszone. Das wäre für die Saarländerin, deren Wahlkreis an Frankreich grenzt, eine europäische Katastrophe: „Eine Wertegemeinschaft muss sich gerade in Krisenzeiten beweisen.“ Davon ist sie überzeugt.

Die Reiseunterlagen sind fertig. Die Abgeordnete wird am Dienstagmorgen nach Hermoupolis fahren und dort auf die Fähre nach Mykonos steigen. Mit dem Taxi geht es vom Hafen zum Flughafen, von dort erstmal weiter nach Wien und am späten Abend dann nach Berlin. Zwölf Stunden dauert die Reise. Die Distanzen in Europa sind manchmal größer, als man denkt.

Am Mittwochmorgen bei der Abstimmung im Bundestag wird Elke Ferner mit „Ja“ für das 85-Milliarden-Paket stimmen. Mit An- und Abreise kostet sie das drei Tage Urlaub. Aber spätestens Weihnachten wird sie erneut auf Syros sein. Garantiert. Ob Alekos Kalogeras dann noch Fährtickets verkaufen wird? Sicher ist das nicht.

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