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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

22. März 2015

Griechenland: Fünf Jahre Abstieg

 Von 
Ein eingeschlafener Obdachloser vor einer Modeboutique in Athen. Wenn der Sommer 2015 gekommen ist, werden alle schlauer sein bezüglich Griechenlands Schicksal.  Foto: REUTERS

Im Frühjahr 2010 stand Griechenland vorm Staatsbankrott. Seither sind fünf Jahre vergangenen. Die Krise hat ein Viertel der Wirtschaftskraft des Landes ausradiert und eine Million Jobs vernichtet. Was die Krise in Griechenland mit den Menschen gemacht hat.

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Elena schämt sich. Deshalb will sie ihr Bild auch nicht irgendwo abgedruckt sehen. Auch nicht ihren vollen Namen. „Elena muss reichen. Ich bin doch eine gescheiterte Existenz“, sagt die 42-jährige Griechin.

Das Datum, an dem ihr Leben sich schlagartig veränderte, hat sich Elena tief eingebrannt: 3. Mai 2013, ein Freitag, da unterschrieb sie den Vertrag zum Verkauf ihrer Wohnung. „Das war der Anfang vom Ende“, sagt Elena. Fünf Jahre zuvor hatten sie und ihr Mann Christos den Kaufvertrag abgeschlossen: 90 Quadratmeter, zwei Schlafzimmer, ein großer Balkon, ein Kinderzimmer für die damals siebenjährige Tochter Olympia. Eine schicke Wohnung im 3. Stock in einer ruhigen Seitenstraße im Athener Stadtteil Neos Kosmos. Das bedeutet „Neue Welt“. Und so fühlten sie sich. „Unsere erste Eigentumswohnung – wir waren unglaublich stolz und überglücklich“, erinnert sich Elena. 195 000 Euro kostete das Apartment, 150 000 gab’s von der Bank als Kredit. Für nur 117 000 Euro wechselte die Wohnung im Mai 2013 den Besitzer. Das Geld reichte nicht mal, um den Bankkredit zu tilgen. „Uns hat die Krise voll erwischt“, sagt Elena.

Eine Million Jobs wurden vernichtet

Im Frühjahr 2010 stand Griechenland vorm Staatsbankrott. Seither sind fünf Jahre vergangenen. Die Krise hat ein Viertel der Wirtschaftskraft des Landes ausradiert und eine Million Jobs vernichtet, die Arbeitslosenquote stieg von zwölf auf fast 28 Prozent. Über 230 000 kleine und mittelständische Betriebe gingen pleite. Die privaten Haushalte haben mehr als ein Drittel ihres Realeinkommens verloren. 23 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Das sind die Zahlen. Und dahinter verbirgt sich eine Unzahl von Tragödien – gescheiterte Lebensentwürfe, zerbrochene Familien, Kinder ohne Zukunft. Schicksale wie das der Athenerin Elena und ihrer Familie.

Es begann damit, dass Elenas Mann Ende 2011 seinen gutbezahlten Job als stellvertretender Geschäftsführer der Filiale eines großen deutschen Elektronikmarkts in Athen verlor – der Laden wurde dichtgemacht. „Sorry, wir müssen konsolidieren“, erklärte ihm sein deutscher Chef bedauernd. Auf einen Schlag war die Familie ihr Einkommen los. Statt seines Gehalts, das mit Boni und Provisionen in manchen Monaten 4000 Euro netto erreichte, bekam Christos jetzt 482 Euro Arbeitslosengeld. Ende 2012 war es auch damit vorbei. In Griechenland erhält man maximal zwölf Monate Arbeitslosenhilfe. Eine Grundsicherung wie Hartz IV oder Sozialhilfe gibt es nicht. Immerhin fand Elena einen Halbtagsjob als Sachbearbeiterin bei einem Kurierdienst. Nach sechs Monaten kündigte ihr die Firma. Drei Tage später rief der Personalchef an: Sie könne wieder anfangen – aber für 25 Prozent weniger Lohn. Zähneknirschend willigte Elena ein. „Was sollte ich denn machen? Ich hatte keine Wahl: dieser Job oder gar keiner.“

Früher hatte Elena Freunde in Deutschland. Man besuchte sich regelmäßig gegenseitig. Mal fuhr sie zu ihren Freunden nach Marburg, mal kamen die im Urlaub nach Athen. Für Reisen hat Elena heute kein Geld mehr. Aber auch die Besucher aus Deutschland kommen nicht mehr, „Wir haben uns zerstritten, wegen der Krise.“

Viele Griechen machen die Gläubiger des Landes für das Leid verantwortlich, das ihnen widerfahren ist. Deutschland gilt als treibende Kraft des „Spardiktats“, das aus Griechenland eine „Schuldenkolonie“ gemacht hat. Viele Griechen vergessen allerdings, dass ihre eigenen Politiker – die sie ja wieder und wieder gewählt haben – ebenfalls große Schuld tragen. Sie häuften nicht nur seit den 80er Jahren jenen Schuldenberg auf, unter dem das Land jetzt stöhnt. Auch in der Krise versagten sie. So sah schon das erste, im Mai 2010 unterzeichnete Memorandum vor, dass Griechenland ein garantiertes Mindesteinkommen für bedürftige Familien einführt, wie es damals bereits in 15 EU-Staaten gezahlt wurde. Die griechischen Politiker schoben das Projekt auf die lange Bank. Erst im November 2014 wurde ein Mindesteinkommen zwischen 200 und 500 Euro pro Monat eingeführt – „versuchsweise“ in 13 Kommunen des Landes. Die Vier-Millionen-Metropole Athen ist ebenso wenig darunter wie die nächstgrößeren Städte Thessaloniki, Patras, Heraklion, Larisa und Volos. Dabei ist in den Städten die Arbeitslosigkeit am höchsten, die Not am größten.

Ein Teddybär als Spielzeug für die Armen.  Foto: Reuters

Griechenlands Abstieg begann vor fünf Jahren. Im März 2010 zeichnen sich die Dimensionen der da heraufziehenden Krise ab: Athen hat immer größere Schwierigkeiten, sich am Kapitalmarkt Geld zu leihen. Die Anleger verlangen immer höhere Risikozuschläge. Gegen Ende März kann die staatliche Schuldenagentur PDMS zwar mit einer siebenjährigen Anleihe noch fünf Milliarden Euro aufnehmen – wenngleich zu hohen Zinsen. Doch tags darauf scheitert der Versuch, mit einem zwölfjährigen Bond eine weitere Milliarde einzusammeln. Es kommen nur 390 Millionen in die Kasse, obwohl der Zins-Kupon bei stolzen 5,9 Prozent liegt – ein Desaster. Nun wird klar: Das Land steckt in ernsten Schwierigkeiten.

2010 muss Athen fällige Staatsschulden von 55 Milliarden Euro refinanzieren, davon 20 Milliarden bis Jahresmitte. Nach der gescheiterten Bond-Auktion vom 30. März ist offensichtlich: Am Kapitalmarkt kann sich das Land dieses Geld nicht mehr besorgen. Am 23. April 2010 tritt Premier Giorgos Papandreou auf der Insel Kastellorizo vor die Fernsehkameras und bittet um Hilfskredite der EU. Der Offenbarungseid.

Die Nachricht war ein Schock. Dabei kam die Krise keineswegs unerwartet. Wer nicht die Augen verschloss, sah das Desaster seit Jahren kommen. Seit den 80ern häufte Griechenland immer mehr Schulden auf. Die Schuldenquote stieg zwischen 1980 und 1990 von 31 auf 71 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Schon sechs Jahre später waren 121 Prozent erreicht.

Finanzierung über Ratenkredite

Mit der Einführung des Euro 2002 begannen die Griechen erst recht über ihre Verhältnisse zu leben. Die Gemeinschaftswährung brachte nicht nur Preisstabilität sondern auch niedrige Zinsen. Der Staat konnte sich günstig verschulden, die Verbraucher finanziertem ihren Konsum über die in der inflationären Drachmen-Ära weitgehend unbekannten Ratenkredite. 2004 übernimmt der konservative Premier Kostas Karamanlis die Regierungsgeschäfte in Athen. Binnen fünf Jahren schleust er Hunderttausende in den Staatsdienst, verteilt dreistellige Millionenprämien an die Landwirte. So führt Karamanlis das Land zielstrebig an den Abgrund des Bankrotts. In seinem letzten Regierungsjahr 2009 erreicht das Haushaltsdefizit schwindelerregende 15,6 Prozent vom BIP.

Karamanlis sitzt immer noch im Parlament, sichtlich gut gelaunt. Elena sagt: „Regierungen kommen und gehen, die Politiker sind auf der sicheren Seite, sie gewinnen immer. Die Rechnung zahlen wir, die kleinen Leute.“ Rückblickend meint Sie, es sei unvorsichtig gewesen, den Kredit für die Eigentumswohnung aufzunehmen. „Eigentlich konnten wir uns die Raten nicht leisten“, weiß sie heute.

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Nicht nur Elenas Freundschaften mit den Deutschen sind auf der Strecke geblieben, auch ihre Ehe ist zerbrochen. Vor einem Jahr ging ihr Mann nach München, wo er einen Job bei seinem alten Arbeitgeber fand. Über 200 000 Griechinnen und Griechen im Alter unter 35 haben ihrer Heimat während der Krise den Rücken gekehrt. Sie sind ausgewandert, weil sie zuhause keine Zukunft mehr sahen. Es sind überwiegend hoch qualifizierte und motivierte Akademiker oder Fachkräfte, die emigrierten. Dieser Brain-Drain ist für das Land eine ebenso schwere Hypothek wie der Schuldenberg.

Elena zog mit ihrer Tochter Olympia in die Wohnung der Mutter. Für ein eigenes Heim reicht der Lohn einer Halbtagskraft nicht. Mit der Bank hat sie eine Streckung der Tilgung und niedrigere Zinsen für die Restschuld des Hypothekenkredits ausgehandelt. Sie versucht etwas Geld auf die Seite zu legen, für die Ausbildung der Tochter. „Wir hatten ein gutes Leben, bis die Krise kam“, sinniert Elena. „Was mich am traurigsten macht: Meine Tochter wird es niemals so gut haben.“

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