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05. Februar 2015

Griechenland nach EZB-Entscheidung: Griechen plündern ihre Konten

 Von Gerd Höhler
Nach der EZB-Entscheidung ziehen viele Griechen Geld von den Banken ab.  Foto: AFP

Die Griechen ziehen nach der EZB-Entscheidung noch mehr Geld von den Banken ab. Schon seit zwei Monaten erlebt Griechenland einen heimlichen Bank-Run, die Einlagen schmelzen immer weiter. Die Regierung in Athen beschwichtigt.

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Athen –  

Donnerstagvormittag, eine Bankfiliale im Athener Stadtteil Ambelokipi. Apostolos D. will sein Geld. Im Radio hat er am Morgen von der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) gehört, ab 11. Februar griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten gegen neues Zentralbankgeld zu akzeptieren. „Ich habe das Gefühl: Jetzt wird es eng“, sagt Apostolos D.

Der Mann ist gewissermaßen vom Fach: Bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren hat er bei einer Bank gearbeitet. Geduldig steht der Rentner vor dem Schalter an. Als er an der Reihe ist, schiebt er dem Kassierer sein Sparbuch zu und sagt: „Abheben, alles bitte“. Der 65-Jährige hat immerhin gut 25 000 Euro auf dem Konto. „Da sollten Sie mal mit dem Filialleiter sprechen“, sagt der Kassierer.

So geht es in diesen Tagen fast allen griechischen Bankkunden, die größere Beträge abheben möchten. In den seltensten Fällen bekommen sie das Geld anstandslos ausgezahlt. Man konfrontiert sie mit Fragen: Warum wollen Sie das Geld denn abheben? Möchten Sie nicht noch einmal darüber schlafen? Beharrt der Kunde, wird er vertröstet: Der Tresor geht erst in einer Stunde wieder auf. Wer sich so lange geduldet, bekommt sein Geld schließlich.

Im Fall von Apostolos D. sind es fünf Banknotenpakete, die ihm der Kassierer aushändigt. Nur Fünfzigeuroscheine. Hundert-, Zweihundert- oder gar Fünfhunderteuronoten haben in Griechenland Seltenheitswert. An den Bankschaltern bekommt man meistens Fünfziger, Geldautomaten spucken keine größeren Scheine aus. Offenbar will man es jenen, die große Beträge abheben, nicht zu leicht machen.

Heimlicher Bank-Run

Bank-Run: Bei dem Wort denkt man an lange Schlangen vor den Schaltern, womöglich gar an Tumulte in den Kassenräumen. Tatsächlich läuft es in Athen viel ruhiger ab. Schon seit zwei Monaten erlebt Griechenland einen heimlichen Bank-Run. Im Dezember schmolzen die Einlagen um 5,4 Milliarden zusammen. Im Januar flossen weitere elf Milliarden ab. Unter dem Strich sind das rund zehn Prozent aller Depositen.

Einige Milliarden dürften ins Ausland geflossen sein, der Großteil aber wird wohl in den Wohnungen gebunkert. Für die Banken bedeutet das, das sie bei der Kreditvergabe noch zugeknöpfter sein müssen, denn ausgeliehenen Darlehen von 210 Milliarden Euro stehen nur noch Einlagen von gut 150 Milliarden Euro gegenüber.

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War es in den ersten Wochen die Sorge vor einem drohenden Staatsbankrott und der Rückkehr zur Drachme unter einer Links-Regierung, kommt bei den Griechen nun die Angst um die Zahlungsfähigkeit der Banken hinzu. Zwar wird den Instituten das Geld zumindest vorerst nicht ausgehen. Das stellen die Not-Liquiditätshilfen (ELA) sicher, die Griechenlands Notenbank im Einvernehmen mit der EZB jetzt den Geschäftsbanken gewährt. Allerdings sind diese Hilfen für die Banken teuer – was wiederum auch die Kreditkosten für die Griechen hochschraubt.

Politisch bedeutet die Entscheidung der EZB eine Verhärtung der Fronten. Am Donnerstagmittag zirkulierte in Athen eine Erklärung, mit der das Finanzministerium vor allem die Bankkunden zu beruhigen versucht: Die Einlagen seien absolut sicher, die Liquidität der Geldinstitute nicht gefährdet. Aber das Papier richtet sich auch an die Verhandlungspartner in der EU. Der letzte Satz des Papiers ist fett gedruckt und lautet: „Die griechische Regierung hat nicht vor, irgendjemanden zu erpressen – aber sie wird sich auch nicht erpressen lassen.“

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