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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

20. August 2011

Interview mit Wirtschaftshistoriker Voth: "Risiko von Unruhen steigt durch Sparkurs"

Der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth sieht einen Zusammenhang zwischen offiziellen Sparprogrammen und sozialen Unruhen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die er mit Jacopo Ponticelli verfasst hat.

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Herr Voth, der britische Premier erklärte die Unruhen in seinem Land damit, dass Großbritannien einen „moralischen Kollaps“ erlebe. Hat er Recht?

Den Einzelfall zu kommentieren, liegt mir nicht. Was uns in unserer Studie interessiert hat, war die Frage: Was sind die Regelmäßigkeiten hinter sozialen Unruhen? Deswegen haben wir uns angeschaut, was in 28 europäischen Ländern über fast ein Jahrhundert hinweg, zwischen 1919 und 2009, passiert ist. Wir wollten wissen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Entscheidung einer Regierung, ihre Ausgaben zurückzufahren, und sozialen Unruhen. Inspiriert wurde ich durch die Unruhen in Griechenland vor einem Jahr. Das Ergebnis unserer Studie ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es in einem Land soziale Unruhen gibt, nach Etatkürzungen deutlich steigt.

Hat Sie das Ergebnis überrascht? Der Zusammenhang zwischen Etatkürzungen und sozialen Unruhen scheint naheliegend.

Ja, es gibt Leute, die das sagen. Aber aus wissenschaftlicher Perspektive sind unsere Ergebnisse schon erstaunlich. Denn zum einen war die Mehrheit der Ökonomen bisher davon überzeugt, dass Budgetkürzungen gut fürs Wirtschaftswachstum seien (obwohl es Gründe gibt, an dieser Überzeugung zu zweifeln). Zum anderen hat sich gezeigt, dass Regierungen, die auf Sparhaushalte setzen, normalerweise deswegen nicht um ihre Wiederwahl fürchten müssen. Man könnte sich also fragen, warum nicht viel mehr Regierungen zum Instrument der Budgetkürzungen greifen. Da gibt es offensichtlich eine Dimension, die wir vernachlässigt haben.

Die Opfer der Sparmaßnahmen, die potenziell Unruhe stiften?

Genau. Kürzungen können einzelne Gruppen stark verärgern. Und man braucht nur relativ kleine Gruppen, um einen ziemlich großen Brand auszulösen.

Regierungen fangen gern dann an zu sparen, wenn die Zeiten sowieso nicht rosig sind. Könnten die sozialen Unruhen nicht Antwort auf eine allgemeine schlechte Wirtschaftslage sein?

Wenn das Wachstum lahmt, gibt es mehr Unruhen. Der Zusammenhang ist bekannt. Aber auch in Jahren mit ordentlichem Wachstum erhöhen Etatkonsolidierungen die Wahrscheinlichkeit von sozialem Aufbegehren.

Was erwartet uns?

Meine Prognose für Europa in den kommenden fünf Jahren: Es wird eher unruhig bleiben. Kürzungen helfen garantiert nicht, Unruhen zu vermeiden, aber wir werden wahrscheinlich noch mehr Kürzungen bekommen, weil die Anleihemärkte gerade verrückt spielen. Hinzu kommen andere Faktoren, die für Instabilität sorgen: ethnische Heterogenität und langanhaltende hohe Arbeitslosigkeit. Europa wird immer weniger die Insel der Ruhe sein, die es in der Vergangenheit war.

Das Gespräch führte Martin Dahms.

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