Keine zwei Wochen hat es gedauert, bis die Provokation von Olivier Blanchard die globale volkswirtschaftliche Debatte beherrscht hat. In einem 17-seitigen Paper hatte der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Grundüberzeugungen seiner Zunft in Frage gestellt und Vorschläge für eine neue Wirtschaftspolitik gemacht.
Aus Seoul meldete sich Mitte vergangener Woche Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Er schimpfte den Vorschlag, etwas mehr Inflation zu wagen, "kontraproduktiv". Das lenke nur vom eigentlichen Problem, der schwierigen Haushaltslage der Industriestaaten, ab.
Auch Bundesbankpräsident Axel Weber schaltete sich in die "Geisterdebatte" (Weber) ein und nannte den Vorstoß, das Inflationsziel von zwei auf vier Prozent anzuheben, "grob fahrlässig und schädlich".
Andere Volkswirte äußerten dagegen Sympathie. Etwa der Kolumnist der New York Times und Nobelpreisträger Paul Krugman oder Jean-Paul Fitoussi, der Wirtschaftsberater der französischen Regierung.
Doch die Diskussion um etwas höhere Inflation verdeckt das Revolutionäre der 17 Seiten mit dem Titel "Wirtschaftspolitik noch mal neu denken" (Rethinking Macroeconomic Policy). Sie sind der bislang radikalste Versuch aus der Mitte der Ökonomie, das dominante Paradigma, die moderne Neoklassik, zu demontieren, ja abzulösen.
Die Botschaft lautet: Man darf nicht darauf vertrauen, dass es der freie Markt schon richten wird. Der Staat müsse für Puffer sorgen, um den Schwankungen der Märkte, der Instabilität, etwas entgegen setzen zu können.
Nächste Seite: Blanchards Vorshläge im Detail
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.
Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index. Mehr...