Europa entfernt sich immer weiter von einer abgestimmten Finanzmarktpolitik. Mit dem Verbot ungedeckter Leerverkäufe von Staatsanleihen der Eurozone und der dazugehörigen Kreditausfallversicherungen hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin) offenbar nicht nur die Europartner kalt erwischt, sondern auch die Anleger an den Kapitalmärkten.
Laut Bafin war die europäische Aufsicht über das geplante Verbot informiert. Reuters zufolge hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) dagegen beim EU-Finanzministerrat am Dienstag in Brüssel nicht darüber gesprochen. Allerdings habe er vor Journalisten gesagt, es könne bei der Finanzmarktregulierung nicht länger nur bei Ankündigungen bleiben. Man müsse zusehen, was national zu regeln sei.
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Die Anleger reagierten irritiert auf den Alleingang der Deutschen. "Der Markt wertet einen solch inadäquaten Schritt als Verzweiflungstat", zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg Brian Yelvington, den Leiter der Zinsstrategie des US-Brokers Knight Libertas. Die Volkswirte von Goldman Sachs werten das Verbot als einen Versuch der Bundesregierung, sich die parlamentarische Zustimmung für den umstrittenen Rettungsschirm für angeschlagene Euro-Länder zu sichern.
Solche Interpretationen stützen das Bild einer heillos zerstrittenen Euro-Zone, die für die gegenwärtige Talfahrt des Euro nach Einschätzung vieler Marktteilnehmer mitverantwortlich ist. Schon als die ersten Berichte über das geplante Verbot über die Nachrichtenticker liefen, geriet die europäische Gemeinschaftswährung unter Druck. Der Mittwoch war von Kursschwankungen geprägt.
Nachdem die europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar am Morgen auf den tiefsten Stand seit mehr als vier Jahren gerauscht war, lag sie am Nachmittag wieder mehr als ein Prozent im Plus bei 1,234 Dollar. Hinter dem Stimmungswechsel standen Gerüchte über bevorstehende Interventionen der Zentralbanken auf dem Devisenmarkt. Die Europäische Zentralbank kommentierte die Gerüchte nicht.
Handel mit Kreditausfallversicherungen unbeeindruckt
An den Aktienmärkten dominierten Kursverluste. Der Versuch einiger Händler, dies mit dem deutschen Regulierungsversuch zu begründen, war jedoch wenig überzeugend. Denn ein Blick auf die Kurstafeln zeigte, dass vor allem exportorientierte Titel wie BASF, BMW oder Thyssen-Krupp verloren. Das spricht für Gewinnmitnahmen, denn in den Vortagen hatten sie von der Euro-Schwäche profitiert.
Am Markt für südeuropäische Anleihen, den das Verbot ja vor Spekulationsattacken schützen soll, mangelte es den Anlegern an Orientierung. Nach dem die Risikoaufschläge auf griechische, spanische und portugiesische Staatsanleihen zunächst leicht zurückgingen, zogen sie im Verlauf wieder etwas an.
Der Handel mit Kreditausfallversicherungen, auch Credit Default Swaps (CDS) genannt, blieb Händlern zufolge zunächst unbeeindruckt. Allerdings fehlt es hier an verlässlichen Daten, weil CDS-Kontrakte im Gegensatz zu Staatsanleihen nicht im regulierten Handel notiert werden. Die Geschäfte werden hier am Telefon geschlossen und anschließend per Fax oder auf der Website des privaten Finanzdienstleisters DTCC abgewickelt.
Wegen der mangelnden Transparenz des CDS-Handels können die Wertpapieraufseher nur sehr eingeschränkt kontrollieren, ob das Verbot auch eingehalten wird. Nach Angaben einer Bafin-Sprecherin hat die Behörde lediglich Zugriff auf die Daten der Geschäfte, an denen deutsche Banken beteiligt sind. Hedgefonds und ausländischen Banken seien der Bafin dagegen keine Rechenschaft schuldig. "Das Verbot hat also eher einen präventiven Charakter", sagte sie der Frankfurter Rundschau.
Geltung begrenzt
Aber auch die räumliche Geltung ist äußerst begrenzt. Als am Morgen manche Marktteilnehmer noch rätselten, welche Auswirkungen der Vorstoß nun auf ihre Geschäfte haben werde, beruhigte sie die britische Finanzmarktaufsicht FSA rasch: Das Verbot betreffe deutsche Teilnehmer oder Geschäfte innerhalb Deutschlands, nicht aber Ableger deutscher Institutionen außerhalb der Bundesrepublik. Damit dürfte das Verbot - mit dem die Bafin eine der wichtigsten Forderungen von Regulierungsbefürwortern umsetzt - weitgehend folgenlos bleiben.
Denn der europäische Handel mit CDS, spielt sich größtenteils in London ab. Dort sitzt nicht nur die Investmentbank Barclays, die zu den fünf größten Händlern von CDS-Kontrakten zählt, auch die Deutsche Bank und die europäischen Niederlassungen der US-Investmentbanken JP Morgan, Goldman Sachs und Morgan Stanley haben ihre Handelsräume in der City.
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