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Schuldenkrise
Die Krise hat Europa im Griff

28. April 2010

Leitartikel zu Griechenland: Merkel verantwortet die Euro-Krise

 Von Robert von Heusinger
Das Vertrauen in die Bundesregierung ist zerstört. Foto: dpa

Ein frühes Kanzlerinnen-Wort hätte doch gereicht: "Seien Sie beruhigt, zur Not helfen wir Griechenland!" Nun ist das Vertrauen zerstört. Und Merkel trägt Schuld an einem Flächenbrand. Von Robert von Heusinger

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Gut möglich, dass der 27. April des Jahres 2010 als Anfang vom Ende des Euro in die Geschichtsbücher eingehen wird. Als weiterer geschichtlicher "Beweis", dass eine Währungsunion ohne vorangegangene politische Union zum Scheitern verurteilt ist. Denn am Nachmittag jenes denkwürdigen Tages kam es zur Ansteckung. Da brach - um im Bilde zu bleiben - das griechische Virus in Portugal aus, und auch Irland sowie Spanien bekamen schon Schüttelfrost.

Bei dem vor allem von der deutschen Regierung an den Tag gelegten Dilettantismus ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Rettungspaket für Griechenland kein Vertrauen wird schaffen können - selbst wenn es dreimal größer ausfallen wird als die bislang bekannten 45 Milliarden Euro. Denn auch Portugal bräuchte eines und Irland sowie Spanien ebenso. Warum? Na, weil das Vertrauen in die Europäische Währungsunion so gut wie verspielt ist.

Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
Foto: FR

Die Länder mit den größten laufenden Budgetdefiziten sind angezählt. Ob zu Recht oder Unrecht spielt im Herdentrieb der Märkte längst keine Rolle mehr. Rennt die Herde einmal, gibt es kaum noch ein Halten. Das bis vor kurzem Undenkbare, nämlich dass ein Euro-Land pleitegehen kann, ist längst zur realen Gefahr in den Köpfen der Anleger und Banken geworden.

Wann ist ein Land pleite? Bei einem Schuldenstand von 120 Prozent, wie ihn die Griechen haben? Japan hat fast 200 Prozent Staatsschulden, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, und gilt als Top-Schuldner. Bei einem Defizit von 13,6 Prozent wie in Griechenland? England und die USA haben eine genauso hohe Staatsverschuldung und sind noch obenauf. Ja, der Starökonom Willem Buiter, seit Januar im Dienste der Citibank, hat sogar herausgefunden, dass die strukturellen Defizite in England und den USA viel dramatischer sind als in Griechenland, Portugal und Spanien. Nein, solch rationale Argumente zählen an den Märkten nicht.

Ein Land ist dann pleite, wenn es keinen Kredit mehr bekommt. Wann bekommt es keinen Kredit mehr? Na, wenn kein Vertrauen in die Rückzahlung desselben besteht. Das Problem an der simplen Gleichung: Am Kapitalmarkt herrschen andere Bedingungen als in der rationalen Physik. Je mehr Anleger glauben, dass ein Land Probleme hat, seine Schulden zurückzuzahlen, desto höhere Zinsen muss das Land bieten, und je höher die Zinsen, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Land die Schulden nie wird zurückzahlen können.

Deshalb ist Vertrauen das allerhöchste Gut im Kapitalismus.

Erinnern Sie sich noch an die Garantie, die die Kanzlerin im Herbst 2008 allen deutschen Sparerinnen und Sparern gegeben hat? Richtig. Ein Wort der Kanzlerin, ohne Gesetz, hat genügt, um den Run auf die Bankautomaten zu stoppen. Ein Wort hat genügt, um die Herde der Sparer zu beruhigen. Nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und dem sich daran anschließenden Flächenbrand reichten Worte an den Kapitalmärkten nicht mehr aus.

Da mussten die nationalen Parlamente Garantien und Finanzspritzen über Hunderte von Milliarden Euro, Dollar und Pfund auf den Tisch legen, damit das Vertrauen zurückkehrte. Das ist immerhin gelungen, und das Gros der Steuermittel ist nicht in Anspruch genommen worden oder gut verzinst wieder zurückgeflossen.

Warum nur hat die Kanzlerin die Sorgen um Griechenland vor zwei Monaten nicht mit acht simplen Worten zerstreut? "Seien Sie beruhigt, zur Not helfen wir Griechenland!" Das hätte damals wohl noch gereicht. Kein Cent Hilfe hätte fließen müssen, weil das Vertrauen dagewesen wäre. Aber in ihrem Versuch, Hilfen erst dann zu gewähren, wenn Griechenland in Vorleistung beim Sparen tritt und die NRW-Wahl überstanden ist, hat sich Kanzlerin Merkel verhoben.

Was als Mahnung den Griechen galt, kam als Verunsicherung an den Kapitalmärkten an und untergrub das Vertrauen in den Euro. Als dann noch am Wochenende alle drei Koalitionsparteien zu laut über eine Partizipation der Anleger an den Kosten der Rettungen plauderten und damit das längst geschnürte Hilfspaket konterkarierten, da war´s um den Euro geschehen. Da kam es zum Flächenbrand.

Ob diese irrationale Panik wieder in Vertrauen gekehrt werden kann, welche Worte und wie viele Billionen Euro an Garantien notwendig sein werden, das werden erst Historiker wissen. Wir Zeitgenossen wissen nur eines: Die Euro-Krise hat eine Hauptverantwortliche - Angela Merkel.

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