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Leitartikel zum Finanzmarkt: Gefährliche Wetten

Politiker haben der Spekulation den Boden bereitet. Ihre Wehklage, wie etwa im Falle Griechenlands, ist heuchlerisch. Gesetze müssen her, die das Zocken unattraktiv machen. Von Robert von Heusinger

Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
Robert von Heusinger ist stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.
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Es ist ungeheuerlich. Eine dunkle Macht ist zurück, ganz urplötzlich, und mitten im Herzen des westlichen Kapitalismus: die Spekulanten. Ihnen müsse das Handwerk gelegt werden, schimpft die Kanzlerin. Es könne doch nicht sein, dass die Spekulanten die Profiteure der Probleme in Griechenland seien.

Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Premierminister, spricht von Folterwerkzeugen, die die Finanzminister im Keller hätten und zeigen könnten. Juncker ist immerhin gleichzeitig der Chef der Euro-Gruppe, in der die Finanzminister Eurolands versammelt sind. Die amerikanische Regierung lässt sogar gegen Spekulanten ermitteln. Hedgefonds, die sich zur Attacke auf den Euro verabredet haben sollen, sind ins Visier der Behörden geraten.

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Was ist nur los im Westen? War die Spekulation nicht das Geschäftsmodell des angelsächsischen Kapitalismus, der bis zum Ausbruch der Krise das dominierende Wirtschaftsmodell werden sollte? Geprägt von der Ideologie freier Märkte sollten durch die forcierte Deregulierung der Kapitalmärkte die Wachstumskräfte freigesetzt werden.

Ein Frevel, wenn man diesen Glauben nicht teilte. Das hat der malaysische Premier Mahathir während der Asienkrise 1998 zu spüren bekommen, als er sich der Spekulation erwehren wollte und Kapitalverkehrskontrollen einführte.

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Und jetzt sind die Spekulanten die Bösen, die Profiteure, vaterlandslose Gesellen, gar Hochverräter? Das ist unfair. Da machen es sich Angela Merkel und andere zu einfach. Zum einen versuchen sie das Böse zu personalisieren und dadurch ganz populistisch von den eigenen Fehlern abzulenken. Zum anderen waren es doch die Politiker, die der Spekulation erst Tür und Tor geöffnet haben.

Wieso dürfen Zocker Wettscheine auf die Pleite von Staaten unreguliert kaufen und verkaufen? Warum dürfen sich Zockerfonds in unregulierten Steuerparadiesen ansiedeln? Warum kann man auf die Schwankungen von Wechselkursen Geld setzen? Weil die Politiker bis gestern an die Selbstheilungskraft der Märkte geglaubt haben und die Devisen-Kurse dem manisch-depressiven Markt überlassen.

Dabei kann man der gegenwärtigen Spekulation durchaus etwas abgewinnen, legt sie doch den Finger in die Wunde der Europäischen Währungsunion. Sie ist einfach schlecht konzipiert. Mit einem Stabilitätspakt, der versagen musste, mit einer einheitlichen Währung aber ohne Wirtschafts-Union, geschweige denn politischen Union.

Die Spekulanten wollen testen, wie sicher die Währungsunion ist, wie solidarisch. Immerhin gilt es unter anderem Pensionsgelder für Millionen Arbeiter auf 20, 30 Jahre anzulegen. Ein Europäischer Währungsfonds, an den Bundesfinanzminister Schäuble nun denkt, wäre ein Fortschritt gegenüber dem Stabilitätspakt. Er würde signalisieren: Europa lässt kein Währungsunions-Mitglied im Stich. Damit erstickte man jede Spekulation über den Staatsbankrott eines Mitgliedslandes.

Das Problem mit der Spekulation ist ein anderes: Sie setzt immer dann ein, wenn es zu spät ist. Erst wenn Probleme offensichtlich werden, werden die Spekulanten wild und verschlimmern die Lage. Das haben die Verantwortlichen vor der Krise anders gesehen. Da galt das Mantra von der Effizienz der Kapitalmärkte, die alle Informationen verarbeiten.

Denkste. Die Architektur von Euroland war schon immer Schrott, aber die Spekulanten haben ihr vertraut. Griechenland war schon früher so pleite wie heute, aber die Anleger hat das nicht gejuckt.

Und außerdem, wer profitiert denn nun, Frau Merkel? Der Anleger, der Griechenland und der deutschen Regierung vertraut und Staatsanleihen zu 6,3 Prozent kauft und damit einen doppelt so hohen Zins einstreicht, als wenn er deutsche Papiere kaufen würde?

Oder der, der die Papiere verkauft, weil er nicht an die warmen Worte und erst recht nicht an den Erfolg drakonischer Sparmaßnahmen glaubt? Ist der, der griechische Anleihen kauft brav, und der, der verkauft, böse, oder umgekehrt?

Anstatt auf die Spekulanten zu schimpfen, gilt es kluge Gesetze zu machen, damit die Spekulation nicht destabilisierend wirken kann, damit sie unattraktiver wird. Dann wird etwas ganz Wunderbares passieren, Frau Merkel.

Das Spekulationskapital wird in die Realwirtschaft fließen und dort echtes Wachstum schaffen. Die Spekulanten verschwinden dann von ganz alleine. Und, Frau Merkel, es wird der einzige Berufsstand sein, der nicht nach Erhaltungssubventionen rufen wird. Wetten?

Autor:  Robert von Heusinger
Datum:  8 | 3 | 2010
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