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Leitartikel zum G20-Gipfel: Das Ende einer Epoche

In London haben die G20 eine Menge erreicht. Der IWF wurde gestärkt, dem Protektionismus eine Absage erteilt, die Regulierung der Finanzmärkte in Angriff genommen. Von Robert von Heusinger

Robert von Heusinger leitet die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Rundschau.
Robert von Heusinger leitet die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Rundschau.
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Die Ergebnisse des Londoner Weltfinanzgipfels sind bemerkenswert. Den Staats- und Regierungschefs der immerhin 20 wirtschaftlich stärksten Länder ist es gelungen, ziemlich konkrete Entscheidungen zu treffen.

Die Beschlüsse reichen weit über die vagen Absichtserklärungen des ersten Gipfels in Washington hinaus. Die Regierungschefs haben inzwischen eingesehen, dass es im Kapitalismus ohne Koordinierung nicht geht.

Sie haben die bestehenden internationalen Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds gestärkt und damit ein eindeutiges Signal gegen Abschottung und Protektionismus gesendet. Und sie haben die Regulierung der Finanzmärkte in Angriff genommen.

Das alles stimmt optimistisch, wenngleich dem Londoner Gipfel noch weitere folgen müssen, bis eine Architektur des Weltfinanzsystems steht, die den Namen verdient. Denn das Thema neue Weltwährungsordnung spielte nur am Rande eine Rolle. Doch ohne neue Regeln für die Devisenmärkte bleibt alles unvollkommen.

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Das erfreulichste Resultat: Die Epoche der Deregulierung, die nach dem Verfall der alten Weltwährungsordnung, Bretton Woods genannt, begann, ist nun definitiv Geschichte. Der Wahn hat ausgedient, dem seit dem Ende der 1970er Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer mehr Menschen verfallen sind, nämlich dass unregulierte Finanzmärkte Gott gleich seien, oder technisch gesprochen effizient.

Der Glaube, Finanzmarktpreise widerspiegelten eine höhere Weisheit, als sie je Menschen besitzen können, überzeugt nicht mehr. Deshalb muss wieder reguliert werden, jeder Markt, jedes Produkt und jede große Finanzinstitution.

Aus der Abkehr vom falschen Glauben speist sich der Wille, den IWF zu stärken, jene Institution, die nach dem Zusammenbruch des Festwechselkurssystems von Bretton Woods ihre eigentliche Mittler- und Koordinierungsfunktion verlor - und immer mehr zum verlängerten Arm Washingtoner Machtpolitik verkommen ist. Einer Machtpolitik, die meist den Wünschen der Wall Street, dem Hort der schlimmsten Finanzkapitalisten, gefolgt ist.

Die jetzt auf den Weg gebrachten Reformen und die kräftige Aufstockung seiner Mittel für Rettungsaktionen von Staaten rund um den Globus sprechen eine andere Sprache. Der IWF wird wieder ins Zentrum der Finanzmärkte gerückt. Er soll wieder allen Staaten dienen.

Dazu erhält er mehr Aufgaben, vornehmlich die Koordinierung. Auch wird der Einfluss der Schwellenländer auf seine Politik gestärkt. Das ist nicht nur der Machtverschiebung auf globaler Ebene geschuldet, dem Ende der westlichen Dominanz in der Weltwirtschaft, sondern auch der Erkenntnis, dass diese Krise so gravierend ist, dass sie kein Land allein bewältigen kann - selbst wenn es sich um das noch immer stärkste, die USA, handelt.

In dieselbe Richtung zielt die Schaffung des neuen Gremiums für Finanzstabilität, das mit mehr Zuständigkeiten ausgestattet wird als das immer etwas kümmerlich dahergekommene Forum für Finanzmarktstabilität. Auch hier stand die Einsicht Pate, dass es der Markt allein nicht richten kann.

Denn bei dem neuen Gremium geht es vor allem um die Frage, wie man das System als Ganzes weniger störanfällig machen kann. Der Regulierungsblick wird geweitet - von dem Starren auf die Risikotragfähigkeit der einzelnen Bank hin zur Risikotragfähigkeit des gesamten Finanzsystems.

Welche Delegation sich in London eher durchsetzen konnte als andere, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die Ergebnisse von London Hoffnung machen, dass die Globalisierung nicht zurückgedreht wird, die reichen Staaten sich nicht nur selber helfen.

Klar ist aber auch, dass viele Beschlüsse erst die nächste Krise verhindern sollen. Deshalb muss die Krisenbewältigung ab sofort wieder zu Hause weitergehen. Die Entgiftung der Banken steht dabei ganz oben auf der Agenda. Ohne funktionstüchtige Banken wird das kapitalistische System nicht gesunden.

Vergleicht man diesen Gipfel mit seinem historischen Vorgänger aus dem Jahr 1933, erkennt man den Fortschritt ganz deutlich. Damals ging man nach wochenlangen Verhandlungen nahezu ergebnislos auseinander. Der Protektionismus folgte auf dem Fuße.

Damals gab es keine internationalen Institutionen. Sie wurden erst elf Jahre später geschaffen. Und die Regierungen reagierten auf die Krise deutlich zögerlicher mit expansiver Geld- und Fiskalpolitik. All das spricht dafür, dass sich die große Depression der 1930er Jahre nicht wiederholt.

Autor:  ROBERT VON HEUSINGER
Datum:  2 | 4 | 2009
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